Der Bund steigt bei der Hypo Real Estate ein (Foto: dpa)Mit einer angekündigten Minderheitsbeteiligung von 8,7 Prozent leitet der Bund die Verstaatlichung des angeschlagenen Immobilienfinanziers Hypo Real Estate (HRE) ein. Wie die Bank mitteilte, wird der Bankenrettungsfonds SoFFin in einer Kapitalerhöhung um 60 Millionen Euro zunächst rund 20 Millionen HRE-Aktien zeichnen. "Wir begrüßen diesen Schritt", sagte HRE-Vorstandschef Axel Wienandt dazu. Der angeschlagene Konzern meldete außerdem einen Verlust von 5,5 Milliarden Euro - und teilte mit, dass er weitere Finanzspritzen vom Staat braucht.
Der Kauf der 20 Millionen HRE-Aktien soll zum gesetzlich geringst möglichen Preis von drei Euro je Papier über die Bühne gehen. Die HRE-Aktie hatte den Xetra-Handel am Freitag mit einem Minus von 1,7 Prozent bei 1,14 Euro abgeschlossen. Die bisherigen Aktionäre bleiben vorerst im Besitz ihrer Papiere. Über Einzelheiten und den genauen Zeitplan wird laut Wienandt noch verhandelt. Die HRE dementierte einen Bericht der "Wirtschaftswoche", wonach auch eine Fusion mit der Commerzbank-Tochter Eurohypo erwogen werde.
Komplette Verstaatlichung als Ziel
Die Teilübernahme ist laut Wienandt der erste Schritt zu einer kompletten Verstaatlichung. "Der Erwerb der vollständigen Kontrolle durch den SoFFin oder den Bund über die Hypo Real Estate Holding AG" sei Voraussetzung für die beabsichtigte Rekapitalisierung der HRE-Gruppe, teilte die Bank dazu mit. Hierzu sei beabsichtigt, von den Handlungsmöglichkeiten Gebrauch zu machen, die das geplante Finanzmarktstabilisierungsgesetz eröffnen werde. Der Bundestag hatte am 20. März grundsätzlich den Weg zur Verstaatlichung angeschlagener Banken frei gemacht.
Hypo Real Estate braucht noch mehr Geld
Wieviel frisches Eigenkapital genau seine Bank brauche, könne er derzeit noch nicht sagen, sagte Vorstandschef Wieandt in einer Telefonkonferenz. Dies müsse zunächst mit dem Banken-Rettungsfonds SoFFin besprochen werden. Wichtig sei aber die Botschaft, dass der Staat für das Überleben der Bank sorgen wolle und es weitergehe. "Die Stabilisierung und Rettung der HRE muss gelingen, in unser aller Interesse." Zuletzt war immer wieder von einem zusätzlichen Kapitalbedarf von bis zu zehn Milliarden Euro die Rede gewesen.
Eigentlich ist die Bank am Ende
Ziel sei eine Kernkapitalquote in der Größenordnung von etwa acht Prozent, sagte Wieandt. Inklusive des Jahresabschlusses 2008 hatte die Quote zuletzt bei 3,4 Prozent gelegen und damit unter der regulatorischen Mindestgrenze von vier Prozent. Streng genommen müsste die Finanzaufsicht BaFin die HRE damit dichtmachen. Das Jahresergebnis 2008 wurde in die Berechnung zunächst aber noch nicht einbezogen, so dass die Quote noch bei 6,2 Prozent lag. Die Kernkapitalquote gibt Auskunft über die Absicherung einer Bank, indem sie das Verhältnis von Eigenmitteln in der Kasse zu den möglichen Risiken widerspiegelt. Dazu zählen vor allem Kredite.
Rekordverlust - und kein Ende in Sicht
Die HRE machte nach eigenen Angaben 2008 einen Rekordverlust von rund 5,5 Milliarden Euro. Wienandt räumte telefonisch in Eschborn ein, auch in den kommenden "mindestens drei Jahren" werde das Unternehmen noch in der Verlustzone bleiben. "Trotzdem sehen wir die mittelfristige Entwicklungsperspektive positiv", fügte er hinzu. Die geplante hundertprozentige Übernahme begründete Wienandt damit, aus Sicht des Bundes könne "nur so der hohe Kapitaleinsatz für die Rekapitalisierung gerechtfertigt werden". Umgekehrt sei die Verstaatlichung "Voraussetzung für den Fortbestand der HRE-Gruppe".
Jahrelanger Konzernumbau
Wienandt kündigte an, die HRE werde ihr Geschäftsmodell in einem mehrjährigen Umstrukturierungsprozess an die veränderten Bedingungen anpassen. "Beim Neugeschäft wollen wir uns künftig auf ein niedrigeres Risikoprofil konzentrieren", sagte der Vorstandschef. Ziel sei es, den Konzern "als Spezialbank für Immobilienfinanzierung mit Schwerpunkt auf Deutschland und Europa" auszurichten. Er bedankte sich ausdrücklich für die Unterstützung durch die Regierung.
Der Staat sieht keine Alternative
Die Bundesregierung will die HRE verstaatlichen, da ein Zusammenbruch der Bank zu schweren Erschütterungen im Finanzsystem führen und andere Banken, Versicherungen und sogar ganze Länder an den Rand des Bankrotts führen könnte. Zudem will der Staat die mehr als 100 Milliarden Euro aus Steuergeldern sichern, die er der Bank in den vergangenen Monaten in der globalen Finanzkrise bereit gestellt hat. Die bisherigen Aktionäre sollen nur dann enteignet werden, wenn sie sich gegen die Verstaatlichung sperren. Einziger Großaktionär der HRE ist der US-Finanzinvestor J.C. Flowers. Eine Gruppe um Flowers hält ein Viertel der Anteile und sperrt sich gegen einen Verkauf zum aktuellen Wert.
Kritik von Experten
Kritisch zur Verstaatlichung der HRE äußerte sich der Vorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft, Dieter Ondracek. "Jetzt übernimmt der Staat die dort angesammelten faulen Wertpapiere in der Hoffnung auf bessere Zeiten", sagte er der "B.Z. am Sonntag". "Damit macht die Bundesregierung die HRE zur deutschen 'Bad Bank'".