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Abwrackprämien-Ende: Autoindustrie stehen Horrorjahre bevor

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Der Autoindustrie stehen Horrorjahre bevor

03.09.2009, 13:28 Uhr | Spiegel Online

Forscher warnen vor drastischen Absatzeinbußen bei Neuwagen (Foto: ddp) Forscher warnen vor drastischen Absatzeinbußen bei Neuwagen (Foto: ddp)Dem Jubel folgt der Katzenjammer: Nach dem Stopp der Abwrackprämie rechnen Experten mit dramatischen Einbrüchen in der Autobranche. Unzählige Insolvenzen drohen, Tausende von Arbeitsplätzen stehen auf dem Spiel - auf Jahre ist keine Erholung in Sicht.

Abwrack-Kritiker sehen sich bestätigt

Monatelang hat die Autoindustrie gefeiert, jetzt ist die Abwrackparty vorbei: Der Staat zahlt kein Geld mehr für die Verschrottung von Altautos. Der milliardenschwere Fördertopf ist seit diesem Mittwochmorgen leer. Und schon sehen sich die Kritiker bestätigt. "Die Bundesregierung hat der Autoindustrie mit der Abwrackprämie keinen Gefallen getan", wettert Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive in Bergisch Gladbach. Denn nach dem künstlich geförderten Abwrackboom der vergangenen Monate würden die Hersteller und Händler die Förderung bald teuer bezahlen müssen. Bratzels Prognose: "2010 wird ein Horrorjahr für die Autobranche."

Marktforscher warnen vor Absturz

Mit dieser Meinung steht der Autoexperte nicht alleine da. Auch Marktforscher rechnen damit, dass der Branche ein brutaler Absturz droht. So sagen etwa die Unternehmensberatungen AlixPartners und Roland Berger voraus, dass die Zahl der Neuzulassungen spätestens im kommenden Jahr dramatisch einbrechen wird - und die Händler auf ihren Autos sitzen bleiben. Der Grund: Viele Käufer haben wegen der Prämie den Kauf ihres Wagens auf dieses Jahr vorgezogen. Hinzu kommen die steigende Arbeitslosigkeit und der zu erwartende Konsumeinbruch.

Andere Länder kopierten Abwrackprämie

Die Aussichten für Hersteller und Handel sind demnach tiefschwarz. Dabei hatte Anfang des Jahres alles so gut angefangen. In einem Schnellverfahren hatte die Bundesregierung Milliarden bereitgestellt, um der kriselnden Autoindustrie unter die Arme zu greifen. Millionen Verbraucher verfielen in einen regelrechten Kaufrausch und ließen ihre alten Pkw verschrotten - nur um an die 2500 Euro Staatsprämie für einen Neuwagen zu kommen. Die Branche jubelte. Und schon bald machte das deutsche Modell Schule. Mehr als ein Dutzend Staaten ahmten die Bundesrepublik nach - die USA mit den Cash for Clunkers etwa oder Frankreich mit der prime à la casse. Doch in einer Hinsicht blieb das Autoland Deutschland einmalig: Nirgendwo sonst wurde so viel in die Pkw-Industrie gepumpt wie mit fünf Milliarden Euro hier.

Deutschland trifft es härter als jedes andere Land

Umso wahrscheinlicher ist, dass der Fall der stark subventionierten deutschen Automobilindustrie dramatischer als sonst irgendwo ausfallen wird: Denn während in diesem Jahr nach Schätzungen des Branchenverbands VDA noch mehr als 3,5 Millionen Fahrzeuge verkauft werden dürften, werden es im kommenden Jahr Experte Bratzel zufolge rund eine Million weniger sein. Zum Vergleich: So wenig Autos wurden zuletzt in den siebziger Jahren verkauft - allein in Westdeutschland.

Händler wird es am schlimmsten treffen

Die Folgen für die Branche wären fatal. Vor allem die Hersteller, die in diesem Jahr überdurchschnittlich von der Prämie profitiert haben, werden den Einbruch zu spüren bekommen - allen voran Kleinwagenhersteller wie Volkswagen, Opel und Ford. Dagegen werden die Hersteller großer Wagen - etwa Daimler oder BMW - statistisch gesehen kaum einen Unterschied bemerken. Die schlimmsten Szenarien zeichnet Experte Bratzel jedoch für die Autohändler. "Während VW und die anderen Autobauer sich wieder verstärkt auf Märkte im Ausland konzentrieren können, haben die Händler nach dem Auslaufen der Prämie keine Ausweichmöglichkeit. Sie wird es am allerschlimmsten treffen."

90.000 Jobs stehen auf dem Spiel

Unumstritten ist, dass die Branche, die derzeit noch zu den größten Arbeitgebern des Landes gehört, bald mit einem radikalen Stellenabbau reagieren wird, um die Einbrüche bei den Umsätzen abzufedern. So dürften Bratzel zufolge in den kommenden drei Jahren bis zu zehn Prozent der derzeit rund 750.000 Jobs wegfallen. Die Berater von Roland Berger sind noch wesentlich pessimistischer: Ihnen zufolge könnten die Unternehmen rund 90.000 Arbeitsplätze streichen. Und selbst das wird viele Betriebe nicht retten können. Laut einer Studie von AlixPartners standen bereits im vergangenen Jahr infolge der Wirtschaftskrise 22 Prozent der europäischen Zulieferer kurz vor der Pleite, Ende dieses Jahres könnten es 30 bis 50 Prozent sein.

Autoindustrie leidet unter Überkapazitäten

Doch allein mit der Rezession lässt sich die Krise der Autoindustrie nicht erklären. Die Hersteller und Händler haben sich einen Großteil der Schuld für ihre miserablen Aussichten selbst zuzuschreiben, weil sie es in den vergangenen Jahren versäumt haben, Überkapazitäten abzubauen. So versuchen die Hersteller bis heute mit aller Macht ihre zu viel produzierten Fahrzeuge in den Markt zu drücken - was letztendlich nur mit Hilfe von hohen Rabatten oder eben der Abwrackprämie möglich ist.

Branche will nichts von Fehlern wissen

Die Branche selbst will trotzdem nach wie vor nichts von ihren Fehlern wissen. Ganz im Gegenteil. Am Mittwoch lobten Vertreter von Autoverbänden durchweg den Erfolg der Abwrackprämie. "Für die Kfz-Branche war diese Förderungsmaßnahme das beste, was man sich nur vorstellen konnte", schwärmte etwa der Präsident des Zentralverbands Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe, Robert Rademacher. Und selbst die dramatischen Szenarien für das kommende Jahr scheint Rademacher nicht zu beachten. "Ich gehe davon aus, dass unsere Betriebe sich in vielen Fällen bereits eingerichtet haben auf ein schwächeres Jahr 2010. Auch da werden wir durchkommen", sagte er. Der Branchenverband VDA sprach sogar davon, dass sich die Lage in den kommenden Monaten "Schritt für Schritt weiter verbessern" dürfte.

Experte kann Optimismus nicht nachvollziehen

Dieser Optimismus ist für Experte Bratzel kaum nachvollziehbar. "Die Hersteller und Händler müssen endlich begreifen, dass sie sich umstellen müssen. Wir brauchen so etwas wie einen Kulturwandel." Momentan sei die Netzdichte zu hoch, das heißt, zu viele Händler befinden sich am Markt. Bratzel schlägt vor, durch Zusammenschlüsse und Übernahmen größere und leistungsfähigere Händler zu schaffen, die außerdem mit niedrigeren Kosten belastet wären.

Keine Erholung vor 2013

Doch selbst wenn die Branche die Vorschläge direkt umsetzt, rechnen die Marktkenner nicht mit einer Erholung vor 2013. Dafür sind die Perspektiven zu schlecht. Zunächst - da sind sich alle sicher - ist die Party vorbei.


Quelle: Spiegel Online

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