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Ärger im Büro: Wenn Sie mal wieder die Kollegen schlagen wollen

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Wenn Sie mal wieder die Kollegen schlagen wollen

31.08.2010, 10:00 Uhr | FTD, Nicolas Schöneich

Es ist nicht immer leicht, mit Aggressionen im Job umzugehen. (Foto: Imago)

Es ist nicht immer leicht, mit Aggressionen im Job umzugehen. (Foto: Imago)

Aggressionen gehören zum Leben - auch und gerade zum Arbeitsleben. Wie aber damit umgehen, wenn der Kollege einen schlechten Witz nach dem anderen reißt oder die IT einen in den Wahnsinn treibt? Ein Aggro-Ratgeber.

Gewalt im Job ist manchmal nur ein Telefonat entfernt. Neulich sprach ich mit einer Kollegin, stellte eine Frage, bekam eine pampige Antwort. Prompt wurde ich wütend und pampte zurück. Ein Wort gab das andere, und schließlich hatte ich vor meinem geistigen Auge eine überraschend klare Vision, bei der sich Hände um eine Kehle schlossen und zudrückten.

"Das Ausleben von Aggressionen hilft"

Die positive Nachricht vorweg: "Das Ausleben von Aggressionen hilft", sagt der Kriminologe und Erziehungswissenschaftler Jens Weidner. "Böse Gedanken" seien eine Möglichkeit. Sind Wutgefühle erst einmal da, müssten sie irgendwie raus, Herunterschlucken klappe nicht. "Solche Menschen werden autoaggressiv", sagt Weidner, "die nehmen die Wut mit nach Hause und quälen ihre Frauen oder Kinder."

Negativbeispiele von Wutmanagement

Auf der Suche nach adäquatem Wutmanagement bin ich zunächst auf lauter Negativbeispiele gestoßen. In den USA verließ der Flugbegleiter Steven Slater jüngst mit ein paar Bier in der Hand über die Notrutsche seinen Arbeitsplatz. Zuvor soll ihn eine Passagierin körperlich angegangen haben, er reagierte mit einer Durchsage an "das verfluchte Arschloch, das mir gesagt hat, ich soll mich verpissen" und floh. Beim chinesischen Elektronikfertiger Foxconn wiederum wendeten seit Jahresbeginn 13 Angestellte ihre aufgestaute Aggression gegen sich selbst - und sprangen vom Fabrikdach. Für die durchschnittliche Bürokraft, also mich, ist beides nicht ratsam. Dabei geht es mir wie so vielen: Im Verlauf eines Arbeitstags blockieren andere meine Ziele; daraus entstehe Ärger, daraus Wut, sagt der Frankfurter Arbeitspsychologe Dieter Zapf. Irgendwie muss ich die nun aber managen. Bloß wie?

Der erste Schritt dahin ist die Kollegenanalyse. Machten einen immer dieselben zwei wütend, sagt Weidner, könne man sich einstellen. "Sind es 15, ist allerdings Ihnen selbst ein Coaching zu empfehlen." Ich zähle nach und komme auf plus minus sieben. Charakterlich scheine ich also gefestigt und kann mir über richtiges Verhalten Gedanken machen.

Entspannt reagieren oder flüchten

Am besten geht man Konflikten natürlich aus dem Weg. Ich ignoriere E-Mails voller suggestiver Frage- und Ausrufezeichen sowie Anrufe von Kollegen, um deren schlechten Gemütszustand ich weiß. Bauen sich wütende Menschen direkt vor einem auf, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man antwortet mit Weidner ganz entspannt ("Das ist ein interessanter Vorschlag, ich denke darüber nach.") und enttäuscht so die Hoffnung des Wütenden auf Provokation. Oder aber man flüchtet: "Wenn Sie das, was Sie wütend macht, nicht mehr direkt sehen, entspannt sich die Situation", sagt der Kriminalpsychologe und Bedrohungsmanager Jens Hoffmann.

Nicht spontan reagieren

Ich etwa trinke viel, um immer auf die Toilette gehen zu können, wenn ich dem abwechselnd kalauernden und klugscheißenden Zimmernachbarn gerne etwas an den Kopf werfen würde. Alternativ könne man auch innerlich aussteigen, ans Abendessen mit der Familie oder ans kommende Wochenende denken, sagt Hoffmann. Nach ein paar Minuten sei die Wut dann meist verraucht, und man wolle dem Gegenüber nicht mehr ins Gesicht schlagen. "Reagieren Sie nie spontan", empfiehlt Weidner, der in seinem Buch "Die Peperoni-Strategie" den konstruktiven Umgang mit Aggression im Job beschrieben hat. Wut springe eben schneller an als das Hirn.

Nicht vor anderen wütend werden

Manchmal ist es mit Aussteigen allein aber nicht getan, dann braucht die Wut ein Ziel. Die oberste Regel dabei ist, nie vor anderen wütend zu werden (also zum Beispiel saftige Verwünschungen ins Telefon zu belfern): "Wut wird interpretiert als Ausdruck von Überforderung", sagt Weidner, "sie ist der höchste Ausdruck von Unsouveränität." Zwei Eigenschaften, die ich am Arbeitsplatz ungern demonstrieren möchte. Besser: "Man sucht sich eine ruhige Ecke, brüllt laut oder tritt irgendwo dagegen", sagt Hoffmann. Hauptsache, man ist unbeobachtet, denn Kollegen, die Augenzeugen eines Wutausbruchs werden, merken sich so was bis in alle Ewigkeit. Für die negative Einschätzung des Kollegen ist es dann egal, ob er den Kaffeeautomaten oder den Schreibtischnachbarn tritt, ob er die Wand oder seine Untergebenen anbrüllt.

Schreiräume für frustrierte Mitarbeiter

In diesem Licht muss man wohl auch Storys sehen, bei denen Steve Ballmer mit Stühlen schmeißt oder der Eigner der britischen "Express"-Zeitungen im Stechschritt durch den Konferenzraum stampft und den Chef eines Konkurrenzblatts als "mieses kleines Stück Scheiße" beschimpft. Ob, wie berichtet wird, Media-Saturn-Chef Roland Weise seinen damaligen Stellvertreter vor Zeugen als Lügner brandmarkt oder ob mein Kollege seine Arbeitsgeräte derart malträtiert, dass besorgte Tischnachbarn ihm eine Gummitastatur gekauft haben - der Eindruck von Überforderung und Unsouveränität bleibt. Manche Callcenter in Deutschland hätten deshalb schon Schreiräume für frustrierte Angestellte eingerichtet, sagt Arbeitspsychologe Zapf. Und Foxconn stellte für seine Mitarbeiter Schaumstoffpuppen hin, auf die sie mit Plastikprügeln eindreschen können.

Beunruhigender Trend

Ich aber habe keine Schaumstofffiguren. Und es gibt diese Fälle, da würden sie mir nicht reichen. Fälle, wo meine Fäuste die Nase des übellaunigen, unfähigen oder anderweitig nervenden Kollegen treffen möchten. Damit bin ich Teil eines beunruhigenden Trends. Vielleicht liegt es ja daran, dass die Krise in den Unternehmen mental noch nachwirkt - es gibt jedenfalls weiter eine hohe Gewaltbereitschaft in den Büros. "Die wirtschaftliche Existenz vieler Menschen ist nicht mehr gesichert. Kleine Konflikte kochen da schneller hoch", sagt Hoffmann. Das zeigen Zwischenergebnisse einer Umfrage, die er derzeit mit der TU Darmstadt in der deutschen Wirtschaft durchführt. Durch die Branchen berichten 25 Prozent der Befragten, ihnen sei schon mit Gewalt gedroht worden, zehn Prozent seien Ziel körperlicher Gewalt geworden. "Gewaltdrohungen nehmen zu. Diese Erfahrung machen wir, aber auch die Personal- und Sicherheitsabteilungen von Firmen."

Keine Prügeleien im Büro

Im Dienst ist die Handlungsempfehlung simpel: höchstens dran denken. "Wenn Sie im Büro prügeln, sind Sie sofort raus", sagt der Hamburger Arbeitsrechtler Hauke Rinsdorf. Anders nach Feierabend. Wer nicht ohnehin zum Boxen oder Kampfsport geht und auf Sandsack oder Gegner das Gesicht des Intimfeinds aus dem Büro projiziert, kann sich auch zum Zweikampf verabreden: "Wenn Sie sich ganz normal irgendwo im Hof prügeln, gilt das als durch Einwilligung geregelt", formuliert der Jurist.

Erfährt der Arbeitgeber indes, dass zwei Kollegen in ihrer Freizeit Streitigkeiten ausgeboxt haben, kann auch das arbeitsrechtliche Folgen haben. Will man es partout schmutzig, gilt also wieder: nicht vor Publikum - und nicht ins Gesicht schlagen. Denn wenn man wie Edward Norton in "Fight Club" mit blauem Auge am Schreibtisch sitzt, führt das zwangsläufig zu Nachfragen.

Gewalt ist keine dauerhafte Konfliktlösung

Als feiger Hänfling schlage ich natürlich nicht. Und körperliche Gewalt ist, im Job wie sonst wo, eh völlig sinnfrei. Sie ist gefährlich, für die Beteiligten und den Betrieb gleichermaßen. Faustkämpfende Alphamännchen klären Konflikte nicht dauerhaft, sondern nur vorübergehend. Zudem kann offene Aggression die Arbeitsatmosphäre vergiften. "Es geht nicht, dass das Recht des Stärkeren Unternehmen prägt", sagt Rinsdorf. Tut es das doch, sinkt die Produktivität, es entstehen Kosten, das Image des Unternehmens leidet.

Mobbing ist "perfider, intelligenter und juristisch nicht greifbar"

Viel häufiger flüchtet man sich (und flüchte ich mich) im Büro aber in die noch problematischere Form der Gewalt: Mobbing. Weidner spricht von "Psychospielchen" als Alternative zum körperlichen Ausleben von Aggressionen - Mobbing sei "perfider, intelligenter und juristisch nicht greifbar". "Das ist viel, viel schlimmer, als mal eine runtergehauen zu bekommen", sagt Rinsdorf. Von einem Schlag erholt man sich, man kennt den Schläger. Mobbing dagegen kann zu psychischen Langzeitschäden führen und hat häufig keinen erkennbaren Urheber. Über Kollegen wird gelästert, sie werden ausgegrenzt oder sabotiert.

Oder man schreibt einfach über sie.


Quelle: Financial Times Deutschland

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