23.02.2011, 11:46 Uhr | FTD, Svea Jörgens
Immer mehr Firmen nutzen Graphic Recording als Alternative zu Powerpoint-Präsentationen. (Foto: imago)
Powerpoint-Präsentationen sind die Hölle auf Erden. Um ihre Mitarbeiter aus den Klauen der Langeweile zu retten, peppen Firmen ihre Vorträge zunehmend auf: mit Papier und Stiften.
Das Licht wird gedimmt, der Beamer geht an und das Hirn aus. Wer mit offenen Augen schlafen kann, ist jetzt klar im Vorteil. Wie im Rausch ziehen Balkendiagramme, Torten und Zahlenkolonnen vorbei. Ein paarmal zustimmend nicken und zum Schluss wohlwollend auf den Tisch klopfen. Wir kennen das alle: Powerpoint-Präsentationen gehören zum Arbeitsalltag dazu wie der Gang in die Kantine. Und meistens sind sie genauso fade wie das Essen dort.
Die gute Nachricht: Es gibt ein Mittel dagegen. Eines, das die Meetinghölle erträglich macht und nebenbei auch noch die Produktivität steigert. Was man dazu braucht? Papier, Stifte und einen malenden Kreativling. Graphic Recording nennt sich die Methode, bei der Sitzungsprotokolle und Vorträge nicht dröge am PC zusammengeschustert, sondern als buntes Kunstwerk auf Papier gekritzelt werden. Und zunehmend nutzen deutsche Großunternehmen das wilde Gekrakel, um ihren meetinggeplagten Mitarbeitern den Büroalltag zu erleichtern.
Etwa die Fraport AG. In der Vergangenheit bestand die Führungskräfteklausur des Flughafenbetreibers aus einem drei- bis vierstündigen Powerpoint-Marathon. Mittlerweile bleibt das Licht an und der Vorhang auf. Denn mit im Raum sind zwei sogenannte Visualisierer, die die Tagung buchstäblich anschaulicher machen. Die beiden sitzen am Rand der Diskussionrunde und halten den Verlauf des Gesprächs in Skizzen und Symbolen fest. Anschließend werten die Manager ihre Tagung anhand dieser Wimmelbilder aus.
Die wirken dann auch schon mal so, als wären sie einem Kinderbuch entnommen - bunte Kringel, Männchen und Sprechblasen wild durcheinander. Die teilweise meterlangen Mindmaps erzählen eine Geschichte, die nur die Meetingteilnehmer entschlüsseln können. Aber sie wirken: "Ich habe viele der Bilder noch heute vor Augen. Ich weiß nicht, ob mir jemals eine Powerpoint-Folie so lange, oder überhaupt, in Erinnerung geblieben ist", sagt Susanne Jung, die bei Fraport die Organisationsentwicklung leitet und auf die Idee kam, Graphic Recording einmal auszuprobieren. "Wir suchten nach einem Konzept, bei dem Führungskräfte und Vorstand miteinander in den Dialog treten würden und jeder etwas zu den großen Themen, die das Unternehmen bewegen, beitragen könnte."
Zu den Kunden von Visuelle Protokolle, der Firma, die für die Fraport AG loskritzelt, gehören mittlerweile auch Siemens, der Otto-Versand, Daimler, die Ergo-Versicherung oder der Deutsche Gewerkschaftsbund. Die Methode, nach der sie ihre Meetings aufpeppen, ist nicht neu: Graphic Recording wurde bereits in den 80er-Jahren in den USA entwickelt und mit Erfolg angewendet. Aber erst jetzt, nach dem Siegeszug des Kreativitätskillers, besinnen sich die Unternehmen auf Altbewährtes.
"Powerpoint", sagt allerdings Martin Haußmann von der Agentur Kommunikationslotsen, "ist im Prinzip kein schlechtes Werkzeug." Es verführe grafisch Ungeschulte aber dazu, zu viel Informationen auf zu wenig Raum zu bündeln. "Unser Verstand funktioniert aber nicht linear wie eine Slide-Präsentation. Er verlinkt, verknüpft und kombiniert wild durcheinander."
Über die Preise, die die Großkunden für die Dienste der Visualisierer zahlen, wollen zwar beide Seiten nicht reden. Dass die Bilder deutlich teurer sind als die lieblos hingerotzten Standardpräsen auf dem PC, ist ohnehin klar. Aber die erhöhten Ausgaben für die Konferenzen scheinen sich auszuzahlen: Am Ende der Sitzungen, so Haußmann, reißen sich die teilnehmenden Abteilungen regelmäßig um die Protokolle. Wissen Sie noch, wo das Handout Ihres letzten Meetings abgeblieben ist?
Quelle: Financial Times Deutschland
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