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Neue Banken-Infos blenden Kunden mit Kauderwelsch

01.03.2010, 08:08 Uhr | Sven Böll, Spiegel Online

Banken in Frankfurt (Foto: ddp) (Quelle: ddp)

Gute Idee, miese Umsetzung: Voller Stolz hat der Bankenverband einen "Beipackzettel" für Anlageprodukte vorgestellt, Finanzlaien sollen so besser über Verlustrisiken aufgeklärt werden. Die Verbraucherschutzministerin jubelt - doch tatsächlich wird keines der Probleme von Anlegern gelöst.

Eine gute und eine schlechte Nachricht

Sie kennen sich mit dem Thema Geldanlage nicht wirklich aus? Und hoffen, dass Ihnen das Schicksal vieler Anleger, die in windige Produkte investiert und ihr Vermögen verloren haben, erspart bleibt? Dann gibt es für Sie eine gute und - nun ja, Sie haben es vermutet - eine schlechte Nachricht. Aber erst die gute: Der Bundesverband deutscher Banken, die Spitzenorganisation der privaten Finanzinstitute wie Deutsche Bank und Commerzbank, hat am Freitag einen Entwurf für den sogenannten Beipackzettel für Finanzprodukte vorgestellt.

Verbraucherschutzministerin erfreut

Dieser soll - ähnlich wie bei Medikamenten - künftig über jedes Anlageprodukt, seine Risiken und Nebenwirkungen aufklären. Eine vernünftige Idee. Über die sich die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU) sogleich hocherfreut zeigte: "Damit kommen wir unserem Ziel ein großes Stück näher, flächendeckend über standardisierte Produktinformationen die Transparenz und Vergleichbarkeit der oft schwer verständlichen Anlageprodukte zu verbessern."

Beipackzettel löst keine Probleme

Tja - und jetzt kommt leider schon die schlechte Nachricht: Frau Aigner macht sich und dem Großteil der Bankkunden in Deutschland etwas vor. Der Beipackzettel löst keines der bestehenden Probleme. Das fängt bei der Verständlichkeit an: Das Informationsblatt, so die Idee, soll komplexe Produkte einfach darstellen. Nie wieder, könnte man meinen, wird es arme Omis geben, die bei der Sparkasse ihres Vertrauens Zertifikate kaufen, deren Risiken sie nicht kennen.

Komplexes Beispiel

Bei dem Produkt, für das der Bankenverband am Freitag einen beispielhaften Beipackzettel vorgestellt hat, handelt es sich um solch eine komplexe Anlagemöglichkeit - ein Discount-Zertifikat. Grob vereinfacht formuliert können Investoren damit selbst in Zeiten stagnierender oder fallender Kurse Gewinne machen.

Unverständliches Finanz-Kauderwelsch

Hinter dem verlockend klingenden Namen steckt natürlich eine deutlich raffiniertere Konstruktion. Im Beipackzettel wird diese so erklärt: "Die Kursentwicklung des Zertifikats sowie die Höhe der Auszahlung hängen von der Entwicklung des Basiswertes ab. Der Anleger erwirbt das Zertifikat am Emissionstag zu einem Preis, der niedriger ist als der Kurswert des Basiswertes am Emissionstag (Diskont). Im Gegenzug kann er nur begrenzt (max. bis zum Höchstbetrag) an einer Wertsteigerung des Basiswertes partizipieren."

Keine Ansprüche

Und weiter: "Dem Anleger stehen während der Laufzeit auch keine Ansprüche auf den Basiswert zu. Ansprüche aus den Aktien bestehen nicht. Der Preisabschlag gegenüber dem Basiswert wirkt bei fallendem Kurs des Basiswerts zunächst als Risikopuffer." Alles klar? Nein?

Abhängig von vielen Faktoren

Dann hilft diese Präzisierung vielleicht: "Während der Laufzeit hängt der Preis des Zertifikates vom Kurs des Basiswertes und anderen Einflussfaktoren ab, wobei die Preisentwicklung des Zertifikates von den Kursbewegungen des Basiswertes abweichen kann." Immer noch nicht? Schade!

Bankenverband findet Formulierungen in Ordnung

Denn für den Bankenverband selbst ist dieses Finanz-Kauderwelsch kein Problem. "Ich glaube schon, dass man das verstehen kann, zumal es den Beipackzettel ja zusätzlich zum Beratungsgespräch gibt", sagt ein Pressesprecher.

Banken wollen sich von Haftung freikaufen

Der Anlegeranwalt Julius F. Reiter von der Düsseldorfer Kanzlei Baum, Reiter & Collegen sieht das allerdings anders - auch weil er hinter der Aktion Taktik vermutet: "Der Beipackzettel mag zwar vom Grundsatz her gutgemeint sein, dürfte aber am Ende von den meisten Banken nur missbraucht werden." Reiter geht davon aus, dass die Kurz- und Knapp-Übersicht den Finanzinstituten vor allem helfen soll, sich von ihrer Haftung freizukaufen.

Beratungsprotokolle ähnlich problematisch

Ähnlich verhält es sich bereits bei den seit Jahresbeginn verpflichtenden Dokumentationen für Beratungsgespräche. In diesen muss der Berater zwar festhalten, was mit dem Kunden besprochen wurde (also auch die Aufklärung über die Risiken des Investments).

Finanz-Analphabetismus zum Nachteil der Kunden

Allerdings dürften nur die wenigsten Anleger kritisch nachhaken, was ihnen da ausgedruckt wird, und im Detail überprüfen, ob es den tatsächlichen Gesprächsverlauf wiedergibt. Schließlich ist, wie die Bertelsmann-Stiftung einst formulierte, der "Finanz-Analphabetismus" in Deutschland weit verbreitet. Zum Schaden der Kunden - und nicht der Banken. Die behalten das Heft des Handelns schön in der Hand.

"Banken müssten haften"

Sehr zum Ärger von Anlegeranwalt Reiter: "Es sind die verantwortungslosen Finanzgeschäfte, die in die Finanzkrise geführt haben. Inzwischen ist das Casino wieder eröffnet. Weil sich verantwortungsvolle Beratung offenbar nicht auf freiwilliger Basis herbeiführen lässt, müssen die Banken effektiv in die Haftung genommen werden. Nur dann stellt Falschberatung für sie ein Risiko dar."

Beweislastumkehr als Verbraucherschutz

Um die Bevölkerung zu schützen, fordert der Jurist eine Beweislastumkehr. Derzeit muss selbst ein 80-Jähriger, dem eine Lebensversicherung aufgeschwatzt wurde, nachweisen, dass er diese gar nicht wollte. Künftig sollen nach Reiters Meinung die Institute aufzeigen müssen, dass das Produkt für den Kunden sinnvoll ist. Jeder Kundenbetreuer, so seine Erwartung, würde sich dann genau überlegen, was er wem verkauft. Doch ein solches Vorhaben wäre nicht im Interesse der Banken, weshalb sie es mit allen Mitteln verhindern wollen. Und die Politik mit Aktionen wie der Einführung des Beipackzettels bislang erfolgreich beschwichtigen.

Anlageprodukte für normale Menschen

Eine Umkehr der Beweislast würde in der Tat zu einer kulturellen Revolution bei den Finanzinstituten führen. Heute leben die Geldhäuser im Privatkundengeschäft davon, ganz normalen Menschen permanent zu suggerieren, sie bräuchten auf sie zugeschnittene Produkte. Unterm Strich läuft der Verkauf eines angeblichen Wunderfonds nicht anders als bei einem Waschmittel, das vermeintlich weißer als weiß wäscht. Niemand braucht es, aber nachdem das Bedürfnis geweckt wurde, kaufen es viele.

Kundenbetreuer leben von Provisionen

Das liegt auch daran, dass die Vertriebsbataillone der Banken die Produkte mit aller Macht in den Markt drücken - getreu dem Motto: "Sie müssen Ihr Geld mal arbeiten lassen. Ich habe da was für Sie." Dabei verticken die Vertriebler besonders gerne jene Anlagevehikel, die ihrem Arbeitgeber und ihnen selbst die größte Marge einbringen. Schließlich bestreiten viele Kundenbetreuer einen beträchtlichen Teil ihres Lebensunterhalts mit den Provisionseinnahmen.

Kein Schnickschnack, kein Gewinn

Dass dabei nicht zwangsläufig die Interessen der Kunden verfolgt werden, liegt auf der Hand. Würden die Häuser ihre Vertriebspolitik ernsthaft danach ausrichten, was der Durchschnittsbürger braucht, würden sie ein ziemlich brotloses Geschäft betreiben.

Drei Dinge braucht der Mensch

Die meisten Menschen haben Schulden - und benötigen deshalb im Wesentlichen nur drei Produkte von ihrer Bank: ein Giro-, ein Darlehens- und ein Tages- oder Festgeldkonto. Mit diesem Finanztrio können sie ihre täglichen Bankgeschäfte abwickeln, die Hypothek aufs Haus oder den Kredit fürs Auto abbezahlen. Und nebenbei noch ein bisschen Geld für Sondertilgungen zur Seite legen.

Erst die Schulden abbauen

Dass der Grundbedarf damit gestillt ist, hat einen einfachen Grund. Wer in den Miesen ist, sollte immer erst zusehen, dass er seine Schulden abbaut, bevor er beginnt, nennenswerte Beträge zu sparen. Die Überlegung dahinter ist einfach: Betragen die Zinsen acht Prozent, muss eine Geldanlage mehr Rendite abwerfen, damit sie sich lohnt. Das gelingt allerdings nur in den seltensten Fällen.


Quelle: Spiegel Online

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