25.11.2009, 10:06 Uhr | AFP
Anonyme Bewerbungen: Im Test in Frankreich (Foto: Imago)
Ein anonymer Lebenslauf, damit bei der Jobvergabe alle Bewerber die gleichen Chancen haben, das klingt schön. Kein Name, kein Alter, kein Geschlecht, keine Anschrift dürfen im anonymisierten Curriculum Vitae stehen, den Frankreich sechs Monate lang testen will. Schließlich kann schon eine "falsche" Postleitzahl darüber entscheiden, ob ein Bewerber zum Vorstellungsgespräch eingeladen wird oder nicht.
Während Frankreichs Staatschef Nicolas Sarkozy die anonymen "CVs" flächendeckend durchsetzen will, sehen Kritiker darin Augenwischerei - einen Kandidaten etwa wegen seiner Hautfarbe aussortieren kann die Firma auch nach dem Vorstellungsgespräch. "Ich möchte, dass der anonyme Lebenslauf zu einem Automatismus für die Arbeitgeber wird", erklärte Präsident Sarkozy im Dezember vergangenen Jahres.
Sarkozys Initiative kommt gut drei Jahre nach den Unruhen in französischen Vorstädten bei denen sich junge, zumeist arbeitslose Menschen aus Einwandererfamilien wochenlangen Kämpfe mit der Polizei geliefert hatten. Um etwas gegen die Aussichtslosigkeit der Jugendlichen in den Vororten zu unternehmen, brachte die konservative Regierung wenige Monate später einen Antrag ein, um den anonymen Lebenslauf im Gesetz festzuschreiben.
Denn: "Wer einen nordafrikanisch klingenden Namen trägt, hat eine dreimal geringere Chance, überhaupt zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden", sagt Beschäftigungsstaatssekretär Laurent Wauquiez. "Wer über fünfzig ist, egal ob schwarz oder weiß, hat noch weniger Chancen." Aber nach den ersten Absichtserklärungen ist lange nichts passiert. Die Firmen zögerten, auch weil die anonyme Bewerbung großen Aufwand verursacht. Denn die Lebensläufe müssen nach ihrem Eingang erst einmal anonymisiert werden; das übernehmen meist externe Dienstleister, was Kosten verursacht.
Auch jetzt will die Regierung den anonymen Lebenslauf nicht zur Pflicht machen, wie Wauquiez sagt. Er hofft, dass der Test in der Hauptstadt Paris und sechs weiteren Verwaltungsbezirken die Unternehmen überzeugen wird. Die Regierung hat zunächst fünfzig Firmen dazu bewegt, bis Ende April anonyme Bewerbungen anzunehmen; darunter sind die Hotelkette Accor, der Mineralölkonzern Total und die Freizeitparkgruppe Eurodisney. Das Arbeitsamt verschickt Briefe an 19.000 weitere Unternehmen, um sie mit ins Boot zu holen. "In sechs Monaten sehen wir dann, welche Art von Erlass umgesetzt wird", sagt der französische Gleichstellungsbeauftragte Yazid Sabeg.
Die Behörden in der Region Aquitaine im Südwesten Frankreichs haben schon vor zwei Jahren mit anonymisierten "CVs" experimentiert und nehmen seit gut einem Jahr gar keine anderen Lebensläufe mehr. Bei ihnen fallen selbst Angaben zu Hobbies wie Rugby aus dem Schreiben, weil es eindeutig ein Männersport ist, wie die sozialistische Bezirksvertreterin und Gleichstellungsbeauftragte Naïma Charaï sagt. Das Auffälligste nach einem Jahr sei, dass sich heute etwa doppelt so viele Bewerber auf eine Stelle meldeten wie zuvor - der anonyme Lebenslauf wirke der "Selbstzensur der Kandidaten" offenbar entgegen.
Kritiker fürchten aber, dass das Vorhaben landesweit wieder im Sande verlaufen wird. Außerdem ist der Lebenslauf ja nur ein erster Schritt auf dem Weg zum Job. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) hält die anonyme Bewerbung deshalb nicht für die Lösung des Problems. Es zitiert den Fall einer jungen Frau namens Latifa, die schon zum Vorstellungsgespräch eingeladen war. Dann merkte die Personalverantwortliche, dass sie den Vornamen falsch gelesen hatte; sie hatte eine Laetitia zum Gespräch erwartet. Die Personalfrau versuchte das Gespräch daraufhin abzusagen, Latifa ließ sich aber nicht abwimmeln und ging trotzdem hin - den Job bekam dann aber eine andere Bewerberin mit dem französischen Vornamen Emilie.
AFP
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