28.09.2010, 10:21 Uhr | FTD.de, Philipp Elsbrock
Erfolgreich im Zug arbeiten. (Foto: Imago)
Das größte Büro Deutschlands fährt auf Schienen: Jeden Tag nutzen Tausende die Bahn als Arbeitsplatz und klappern im Großraumwagen auf ihren Notebooks herum. Praktisch ist das - aber nicht ganz ohne Risiko.
Nie hätte Anouk Somek* geahnt, dass man ihre Telefonate mithört. Klar, die Wände haben Ohren - aber so? Gerade erst hatte sie einen Deal besprochen, einen Vertrag für einen neuen Künstler. Somek leitet die Artist & Repertoire-Abteilung eines Musikkonzerns, da redet man über große Namen. Wie lange soll der Vertrag laufen, wann gibt es den Vorschuss - solche Dinge. Als sie aufgelegt hatte, tippte ihr jemand auf die Schulter. "Das war ja interessant", sagte ein Mann, der sich als Anwalt vorstellte. Er berate Künstler bei Verhandlungen - womöglich auch mit Someks Plattenfirma.
Was sich wie ein kurioser Fall von Wirtschaftsspionage anhört, war eine Begegnung im wohl populärsten Großraumbüro Deutschlands: dem ICE. Direkt hinter Somek hatte der besagte Anwalt gesessen und ihr Telefonat mitgehört. Einen Vorwurf konnte sie ihm deswegen nicht machen: Hätte der Mann die Indiskretion vermeiden wollen, er hätte sich schon die Ohren verstopfen müssen. Zum Glück entstand Somek aus dem Erlebnis kein Nachteil.
Geschichten wie diese können in Deutschland wohl Tausende Geschäftsleute erzählen. Wer an einem beliebigen Werktag unterwegs ist, trifft die Kaste der Bahnarbeiter in jedem Fernzug: Anzugträger mit einem Becher Kaffee vor sich, die eine Hand am Blackberry, in der anderen ein Stoß Papiere. Mit wichtigen Mienen fahren sie zwischen Hannover und Bielefeld, von Köln nach Frankfurt oder zwischen Stuttgart und Mannheim, in der ersten eher als in der zweiten Klasse. Auf ihren Notebooks bearbeiten sie Tabellen, Mails und Powerpoint-Präsentation - gut lesbar für jeden Mitreisenden, der nicht schnell genug woanders hinschaut.
Unternehmen zählen auf emsige Reisende Viele Unternehmen bauen darauf, dass ihre Angestellten Bahnfahrten für den Job nutzen. "Die Produktivität des Mitarbeiters wird bei der Wahl des Transportmittels selbstverständlich berücksichtigt", sagt René Zymni, Vertriebschef Deutschland bei BCD Travel. Sein Unternehmen wickelt für die Hälfte der DAX-30-Konzerne die Reiseplanung ab. Die Zeit außerhalb des Büros soll optimal genutzt werden, schließlich ist Reisen teuer: 6,7 Milliarden Euro gaben Firmen 2009 in Deutschland für Dienstreisen mit der Bahn aus. Nicht in Zahlen ausdrücken lässt sich dagegen, was die Bahnarbeit den Unternehmen wirtschaftlich bringt. "Da sind alle Firmen hinterher, um ihre Produktivität zu messen", sagt Brigitte Wahlich vom Verband Deutsches Reisemanagement. Klar ist nur, dass seit der Krise der Wert von Geschäftsreisen schneller hinterfragt wird. Im Zweifel macht man eher eine Videokonferenz - oder bucht eine Klasse niedriger.
Allerdings: Das Arbeiten im Großraum oder Abteil ist nicht ganz gefahrlos - schließlich sind die Tabellen, Mails und Powerpoint-Präsentationen gut lesbar für jeden Mitreisenden. So wie für den Wirtschaftsprüfer, der am Vierertisch im Großraumwagen auf den Laptop seines Nachbarn linste - und dort die pikante Mail eines Mandanten entdeckte, den ihm die Konkurrenz erst kürzlich abspenstig gemacht hatte. Offensichtlich stammte der Nebenmann im Zug aus der gleichen Branche. Tatsächlich gibt es gute Chancen, dass Mitreisende nicht nur auf derselben Strecke, sondern auch im gleichen Wirtschaftszweig unterwegs sind. 12,5 Millionen Zugfahrten haben Geschäftskunden im vergangenen Jahr über das Reiseportal der Bahn gebucht; in den Stoßzeiten - morgens zwischen sechs und zehn sowie abends zwischen vier und acht - ist jeder zweite Bahnkunde geschäftlich unterwegs.
"Das Gerede in der ersten Klasse stört ziemlich" Es braucht aber gar nicht die Neugier der anderen, oft genug gehen die Werktätigen selbst recht offen mit Firmeninterna um. Musikmanagerin Somek ist da kein Einzelfall. Da sind etwa die beiden Experten, die kürzlich von der Kölner Onlinemarketingmesse Dmexco zurück nach Hamburg fuhren. Sie hatten die Idee, schnell noch eine Präsentation für den Chef vorzubereiten, einen Personalplan mit bunten Feldern, unterschieden nach offenen und besetzten Stellen. Und ohne Not informierten die Personaler durch ihre Diskussion den halben Wagen über die Einstellungspolitik ihrer Firma. Über so viel Sorglosigkeit im Umgang mit Vertraulichem wundert man sich auch beim Bundesamt für Verfassungsschutz. "Mitgehörte Gespräche, auch wenn sie nur über Privates gehen, können den Startpunkt für eine Ausspähung liefern", sagt eine Behördensprecherin.
Thomas Sabitz ist da vorsichtiger. Zweimal pro Woche fährt der Berater eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft per Zug zu Kunden. Das heißt: Morgens um kurz vor acht in Hamburg einsteigen, um viertel vor zehn in Berlin sein. Abends macht sich Sabitz, der anders heißt, seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen will, wieder auf den Heimweg. Dass er die Fahrtzeit für seinen Job nutzt, ist für ihn keine Frage. "Im Zug komme ich häufig auf eine Lösungsidee, die ich beim Kunden noch nicht hatte", sagt er.
Am Telefon aber unterhält er sich im Zug nur über Belangloses. Außerdem gilt: "Keine Präsentationen, keine Texte. "Wenn er seinen Laptop aufklappt, reiht sich auf dem Bildschirm eine Zahlenkolonne an die andere. "Damit kann niemand was anfangen", sagt er. Zusätzliche Sicherheit geben Folien, die er auf das Display klebt: Neugierige Sitznachbarn starren dann vergeblich auf den Bildschirm.
Und obwohl er eine Bahncard für die erste Klasse besitzt, fährt er doch lieber dort, wo auch Privatleute sitzen. "Das Gerede in der ersten Klasse stört ziemlich", sagt der 49-Jährige. "Wer wo und mit wem ein Meeting abhält - das interessiert mich herzlich wenig."
* Name von der Redaktion geändert
Quelle: Financial Times Deutschland
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