29.03.2010, 09:11 Uhr | Georg Dahm
Jeder Dritte geht krank ins Büro. (Foto: Imago)
Was treibt eigentlich Lohnsklaven dazu, sich trotz Fieber und Rotznase ins Büro zu schleppen, statt einfach im Bett zu bleiben? Gedanken zu einer Geißel der Arbeitswelt.
Es ist ein vergleichsweise rücksichtsvolles Schwein. Der dicke Kopf, die schweren Glieder, der kratzige Hals melden sich mit Macht an einem frühen Freitagmorgen im November. Wider seine mexikanische Herkunft erweist sich H1N1 bei mir als Grippevirus von protestantischer Arbeitsethik: Das schweißtriefende Delirium absolviere ich über das Wochenende, am Montag lockt schon wieder der Laptop. Ob ich nicht so langsam wieder ins Büro...? "Bleib bloß fott, Virenschleuder!", bellen die Kollegen durchs Telefon. Auch die Hausärztin verordnet weiteren Stubenarrest.
Dass ich mich recht brav in mein Schicksal füge, macht mich zum Teil einer Minderheit unter den deutschen Arbeitnehmern: Über 70 Prozent gehen mindestens einmal pro Jahr krank zur Arbeit, ermittelte das Wissenschaftliche Institut der AOK für seinen "Fehlzeitenreport 2009". In den Vorjahren sah es kaum anders aus. Eine weitere Zahl bleibt praktisch unverändert: Fast jeder Dritte schleppt sich ins Büro, obwohl er krank geschrieben ist.
"Das ist eine dramatisch hohe Zahl", sagt Helmut Schröder, Coautor der Studie. "Die 70 Prozent finde ich weniger problematisch, da sind zum Beispiel auch die Allergiker drin, die in der Heuschnupfensaison zur Arbeit gehen." Aber dass sich so viele Arbeitnehmer über den erklärten Rat ihrer Ärzte hinwegsetzen, hält er für eine gefährliche Entwicklung. Auch wegen des demographischen Wandels: "Wenn die Arbeitnehmer immer älter werden, können wir es uns nicht leisten, auf Verschleiß zu fahren."
"Präsentismus" haben Arbeitswissenschaftler dieses Verhalten genannt, das erst in den letzten Jahren zum Gegenstand ihrer Forschung geworden ist und vielen inzwischen mehr Sorgen macht als das Krankfeiern. "Den klassischen 'blauen Montag' gibt es praktisch nicht mehr", sagt Schröder. "Wir haben bei den Krankschreibungen einen Bodensatz erreicht, die Hauptlast liegt bei den chronischen Erkrankungen." Dass auch psychische Leiden auf dem Vormarsch sind, hat erst diese Woche die Bundespsychotherapeutenkammer (BPTK) bestätigt.
Wer trotz Krankheit zur Arbeit geht, leistet weniger, arbeitet langsamer, macht mehr Fehler und liefert schlechtere Qualität ab, schreibt die Bertelsmann-Stiftung in ihrem jährlichen "Gesundheitsmonitor". Dadurch schadet er dem Unternehmen mehr, als wenn er zu Hause bleibt: Nach einer viel zitierten Studie verursachen beim US-Konzern Dow Chemical krankgeschriebene Kollegen Ausfallkosten von 661 US-Dollar pro Jahr und Kopf - Angestellte, die nur eingeschränkt arbeitsfähig antreten, kosten die Firma mehr als das zehnfache.
Vor allem aber gefährden sich Präsentisten langfristig selbst: Sie riskieren längere und chronische Leiden. "Verschleppte Krankheiten, ob psychisch oder körperlich, sind schwerer zu behandeln", sagt der Psychosomatiker und BPTK-Präsident Rainer Richter. Wer mehr als fünfmal pro Jahr krank zur Arbeit kommt, das zeigt eine dänische Studie, liegt im Folgejahr mit höherer Wahrscheinlichkeit länger als einen Monat flach und braucht vielleicht sogar eine teure Krankenhausbehandlung.
Vielleicht liegt es also an den Arbeitseinheiten, die ich dann doch zwischen den Genesungsschläfchen eingeschoben habe, dass wenige Wochen später erneut ein Grippevirus meinen Körper beehrt? "Wer Fieber hat, gehört ins Bett", sagt Uwe Gerecke, leitender Betriebsarzt beim Hannoveraner Stromversorger Enercity. "Wer aber fieberfrei ist, kann auch, wenn er noch ein bisschen hustet, an den meisten Arbeitsplätzen eingesetzt werden." Das verlängere die Rekonvaleszenz, sei aber Büroarbeitern zuzumuten - anders als etwa Leistungssportlern, bei denen aus einer verschleppte Grippe eine Herzmuskelentzündung werden kann.
Also einfach Pech? Mein Fieberwahn am Sonntagabend macht zwar sogar den Bremer Tatort zu einem interessanten Erlebnis, sorgt aber im Büro am Montag für wenig Freude - und weckt ernsthafte Zweifel an meinem Immunsystem, die auch meine schnelle Rückkehr nicht ganz ausräumen kann. Es ist vor allem der Gedanke an die liegen gebliebene Arbeit, die Kranke in ihre Betriebe treibt. Dazu kommen die Angst um den Job und das Gefühl, die Kollegen nicht hängen lassen zu dürfen - letzteres auch eine Folge von Personalabbau und der Projektarbeit in Teams, sagt Stephan Voswinkel vom Frankfurter Institut für Sozialforschung. "Viele wollen sich heute auch als Leistungsträger sehen."
Ein weiterer Grund: "Oft sehen Führungskräfte nicht, wenn im Team ein Druck entsteht, der dazu führt, dass die Schwächsten erkranken", sagt BPTK-Chef Rainer Richter. "Wenn wir wegen hoher Ausfallraten ins Unternehmen geholt werden, stellen wir oft fest, dass das Problem nicht bei den Arbeitnehmern liegt, sondern dass die Führungskraft dringend ein Coaching braucht." Auch um ihrer selbst willen: Vor allem Frauen neigen in Führungspositionen dazu, eigene Krankheitssymptome zu ignorieren und geben ein falsches Vorbild.
Übereinstimmend zeigen alle Studien auch, dass die Präsentismus-Rate dann besonders hoch ist, wenn Kollegen nicht nur gestresst sind, sondern ihrer Arbeit kaum selber gestalten können - was besonders häufig in Dienstleistungsbetrieben wie Callcentern der Fall ist. Wer nur widerwillig zur Arbeit geht, tut das besonders häufig krank. Dazu passt, dass Selbstständige wesentlich seltener ihre Krankheit ignorieren als Angestellte.
Entsprechend fällt der Expertenrat für Unternehmen aus: Regelmäßige Teambesprechungen, in denen auch über Belastungen und Arbeitszeitmodelle gesprochen wird. Die Einführung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements, um gefährdeten Mitarbeitern helfen zu können. "Wer verständnisvolle Chefs und Kollegen hat, der ist auch mit einer gewissen Leistungsminderung gerne gesehen", sagt Gerecke. "Wo nur Leistung gefragt ist, wird ein nicht hundertprozentig Funktionierender sich eher schädigen." Dass sich einige Wochen später der Besuch meines Patenkindes in einem Magen-Darm-Infekt von beachtlicher Vehemenz niederschlägt, wird allerdings nur noch resigniert zur Kenntnis genommen. Immerhin toleriert man schnell wieder meine Anwesenheit - und gestattet mir sogar den Genuss eines brisant riechenden Anis-Fenchel-Kümmel-Tees.
Arbeitswissenschaftler erforschen erst seit einigen Jahren systematisch, was Arbeitnehmer dazu treibt, krank ins Büro zu gehen. Die meisten Befragten halten Jobangst für den Hauptgrund der seit Jahren sinkenden Fehlzeiten. Wer selber krank ins Büro geht, tut das aber noch häufiger, weil ihm vor der liegen bleibenden Arbeit graut. Viele Arbeitnehmer vertagen ihre Genesung auf das Wochenende oder Ausgleichstage - was Forscher in Maßen für vertretbar halten. Bei manchen psychischen und chronischen Leiden kann eine frühe, schrittweise Rückkehr zum Arbeitsplatz die Heilung fördern.
Quelle: Financial Times Deutschland
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