07.10.2010, 09:52 Uhr | dpa / t-online.de/business
Asphaltwerbung in Moskau (Foto: dpa)
Die Aufmerksamkeit potenzieller Kunden erregen - dazu muss sich die Werbung immer neue Wege ausdenken. Ein neuer Trend erobert derzeit Russland: Reklame und Kampagnen, direkt dorthin gesprüht, wo sie auf die meisten Menschen treffen: auf die Straße. Unternehmen von der Zahnarztpraxis bis zum Nachtclub wollen damit ihre Klientel locken.
Zuerst warb nur ein rotes Herz für einen Friseur, dann noch ein blauer Pfeil für ein Lokal - heute ist der Fußweg vor der Metrostation Proletarskaja in Moskau übersät mit Reklame. Kein Einzelfall: "Wie ein Flächenbrand" verbreite sich aufgesprühte Werbung in der russischen Metropole, schrieb das Boulevardblatt "Moskowski Komsomolez" erstaunt über den neuen Szenetrend. Auf den berühmten Roten Platz wagten sich die Sprayer zwar noch nicht. Aber sonst begleitet einen die Werbung wortwörtlich auf Schritt und Tritt.
"Unser erster Auftrag waren gelbe Fußabdrücke, die wir von einem Metro-Ausgang zu einem nahen Restaurant aufs Pflaster malten", erzählt Dmitri Masnew. Der 24-Jährige leitet an der Moskauer Chaussee Enthusiastow ein kleines Büro für Asphaltwerbung. Auf den Tischen der Firma stapeln sich Schablonen und Entwürfe. "Später kamen ein Tennisverein und ein Waschsalon hinzu, heute arbeiten wir auch für die Partei Gerechtes Russland oder den Gazprom-Konzern", so Masnew.
Der Vorteil für die Kunden: Sie sparen Geld. Seine Firma verlange für 100 Graffiti umgerechnet 3500 Euro, sagt Masnew. Dabei sind die Reklameflächen auf Moskaus Bürgersteigen gratis. Ansonsten koste eine Werbetafel an einer Straße schon einmal schnell 2600 Euro.
Ob Nachtclubs, Autohändler oder Zahnärzte: Auf zahlreichen Bürgersteigen und Plätzen der Hauptstadt buhlen Unternehmen mit den kommerziellen Farbklecksen um Kunden. Mancher Passant verrenkt sich sogar komisch beim Versuch, die Werbung zu lesen. Anderenorts sind die Reklamepunkte mittlerweile ineinander gesprüht und kaum zu entziffern.
"In Millionenstädten wie Moskau oder Berlin muss Werbung immer kreativer werden, um der Reizüberflutung zu entgehen", betont PR-Experte Ilja Koroljow. Längst herrsche zwischen Neonreklame, Verkehrsschildern und Werbetafeln ein "Krieg der Zeichen". "Originell, nicht verboten und vor allem billig" sei die auf den Asphalt gesprühte Werbung, kommentierte die russische Zeitung "Kommersant" kürzlich. Und das Moskauer Magazin "The New Times" meinte, rund 20 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion werde die im Westen bekannte "Street Art" in Russland kommerziell und kreativ genutzt. Im Riesenreich herrsche "Straßenfieber".
"Sechs Moskauer Agenturen bieten derzeit Asphaltwerbung an", erklärt der Grafiker Wladimir Tepljakow. "Einige Schablonen enthalten nur Name und Telefonnummer eines Unternehmens, aber wir sprühen auch Motive wie Blumen oder Autos", so Tepljakow. Die Kosten für Vorlage und Farbe - zusammen etwa 100 Euro - sowie der Lohn für den Sprayer, rund 75 Euro pro Auftrag, seien für die Agenturen günstig.
Rechtlich würden die Unternehmen allerdings in einer Grauzone agieren, meint die Juristin Xenia Rilzewa. "Ob ein Kind etwas mit Kreide auf die Straße malt oder jemand etwas aufs Pflaster sprayt - russische Gesetze regeln das nicht eindeutig", erläutert die Expertin. Sieben Minuten sprühen, zwei Minuten trocknen lassen - dann halte die Werbung etwa zwei Monate, sagt der Sprayer Sergej. Längst würden auch Konzerne und viele Privatpersonen die Werbung nutzen, erzählt der Student. "Liebesbekundungen haben eigentlich immer Konjunktur", so der Sprayer.
Sollten sich in Deutschland Firmen für diese Form der Straßenwerbung entschließen, wären sie rechtlich nicht vollkommen abgesichert. Seit 2005 macht sich der Sachbeschädigung schuldig und damit strafbar, wer "unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert". Allerdings ist noch nicht abschließend geklärt, was genau darunter fällt. In einigen Bundesländern greift zudem eine im öffentlichen Recht verankerte Regelung: Die Bauordnung des Landes Berlin etwa enthält eine Pflicht zum Entfernen von "Farbschmierereien". Eine Straßenwerbung sollte daher vorher mit den zuständigen Behörden abgeklärt werden.
dpa / t-online.de/business
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