16.03.2011, 07:59 Uhr | bv, cs
Die Unfälle in Japans Atomkraftwerken haben die Debatte um die Kernenergie in Deutschland neu angeheizt. Die Bundesregierung kassierte ihren erst wenige Monate alten Beschluss zur Verlängerung der Laufzeiten für die deutschen Atomkraftwerke - zunächst für drei Monate. Alte Reaktoren könnten nach den Worten Angela Merkels bereits schnell abgeschaltet werden. Neckarwestheim 1 muss sogar sofort vom Netz. Isar 1 steht offenbar ebenfalls vor der Abschaltung. "Alles gehört auf den Prüfstand", erklärte die Kanzlerin. Wir geben eine Bestandsaufnahme zur Stromversorgungin Deutschland, die in Zukunft auch ohne die Atomkraft funktionieren würde.
"Das Abschalten der älteren Meiler ist ohne weiteres möglich", sagte Greenpeace-Experte Karsten Smid zur "Frankfurter Rundschau" (FR). Gerd Rosenkranz von der Deutschen Umwelthilfe stimmt dem zu. Viele dieser Kraftwerke seien in der Vergangenheit vom Netz genommen worden, und es habe keine Probleme gegeben. Der Wegfall der Leistung könne durch den deutschen Kraftwerkspark aufgefangen werden. Denn der Strom für Deutschland stammt nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) hauptsächlich aus Kohle (43 Prozent). Der Anteil der Kernenergie liegt bei rund 23 Prozent. Die Erneuerbaren Energien steuern bereits rund 16 Prozent zur Stromversorgung bei. In unserer Tabelle erhalten Sie einen Überblick über den deutschen Strom-Mix.
Insgesamt sind nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) zurzeit 17 Atomkraftwerksblöcke in Deutschland in Betrieb. Zwei Meiler liefern aktuell aber keinen Strom (Brunsbüttel und Krümmel). Zwei ältere Kernkraftwerke wurden in den vergangenen Jahren bereits abgeschaltet - Stade 2003 und Obrigheim 2005. 2010 hätten nach dem alten Atomgesetz Neckarwestheim 1 und 2011 die beiden Biblis-Blöcke A und B folgen sollen. Wahrscheinlich ohne Folgen für die Stromversorgung. Das sieht auch Holger Krawinkel vom Bundesverband der Verbraucherschützer so. Er forderte in der "FR": Schaltet die alten Meiler ab. Das sei für die Stromversorgung überhaupt kein Problem.
Finden Sie aktuelle Stellen- angebote von Unternehmen der Erneuerbare-Energien-Branche.
Jobsuche starten
Ein sofortiger Atomausstieg ist theoretisch möglich - praktisch aber schwierig umzusetzen. So könnte es nach Einschätzung der Deutschen Energieagentur im Winter zu Engpässen kommen. Außerdem dürfte das Hochfahren alter Kohlekraftwerke die Luft verpesten. Denn der größte Vorteil der Atomkraftwerke ist ihre CO2-freie Stromproduktion. Da darüber hinaus die Entsorgungskosten des Atommülls vom Staat übernommen werden und die Branche keine Haftpflichtversicherung abschließen muss, ist Atomstrom sehr günstig. Die ungeklärte Lagerfrage und die schwere Beherrschbarkeit bei Störfällen sprechen gegen die Kernkraft.
Sofern wegfallende Atomstrommengen mit fossilen Brennstoffen hergestellt werden, verschlechtert sich die Klimabilanz. Erneuerbare Energien sind nach heutigem Stand nicht grundlastfähig. So weht der Wind etwa nicht immer dann, wenn besonders viel Strom benötigt wird. Deshalb müssen herkömmliche Kraftwerke dafür sorgen, dass immer genügend Strom produziert werden kann. Diese Grundlast liegt in Deutschland bei etwa 40 Gigawatt (GW).
Erste Bewohner sollen schon bald in ein energieeffiziente Haus in Karlsruhe ziehen. zum Video
Die installierte Leistung aller Kraftwerke in der Bundesrepublik lag nach Zahlen des Wirtschaftsministeriums 2009 allerdings bei 152,9 GW - ein Vielfaches der Grundlast. Der höchste Verbrauch im Jahresverlauf beträgt maximal 80 GW. Diese Spitzenlast muss immer zuverlässig abgerufen werden, damit es nicht zu Stromausfällen kommt. Demnach wären die knapp 21 GW, die die Kernenergie beisteuert, leicht zu verschmerzen.
Theoretisch könnten die Atomkraftwerke in Deutschland also schon heute vom Netz gehen. Und die Energiekonzerne müssten nicht einmal neue Kohle- oder Gaskraftwerke als Ersatz bauen. Denn die bestehenden Kohle- und Gaskraftwerke liefern genügend Strom. Dazu kommen die boomenden Erneuerbaren Energien, die kontinuierlich ausgebaut werden und mittlerweile über 40 GW beisteuern. In unserer Tabelle erhalten Sie einen Überblick über die Stromerzeugungskapazitäten in Deutschland.
Die Bedeutung der Atomkraftwerke für die Stromerzeugung in Deutschland wird ohnehin überschätzt. So steht Krümmel nach zwei Störfällen 2007 und 2009 seit mehr als drei Jahren überwiegend still. Auch in Biblis kam es wegen der sogenannten Dübel-Panne zum zeitweiligen Stillstand beider Blöcke. Allein Block A lieferte zwischen Ende 2006 und Anfang 2008 an mehr als 500 Tagen keinen Strom, ohne dass es zu Versorgungsengpässen gekommen wäre.
Bereits 2009 hatte die "Bild"-Zeitung unter Berufung auf eine Statistik des Bundesumweltministeriums gemeldet, dass die deutschen Meiler im Schnitt 30 Prozent der Zeit keinen Strom lieferten, weil sie umgerüstet würden oder technische Probleme hätten. Einer Statistik der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEO) zufolge war der Meiler Brunsbüttel nur für rund 60 Prozent der bisherigen Laufzeit am Netz.
Jetzt mit dem Verivox-Stromrechner Anbieter vergleichen, wechseln und Geld sparen!
Strompreisvergleich
Quelle: t-online.de
silke721 schrieb:
am 15. März 2011 um 12:52:31
(0)
(0)
Mit durchschnittlich rd. 21 Minuten Ausfallzeit im Jahr 2006 liegt die Bundesrepublik deutlich vor den anderen europäischen Ländern.
Es
geht um die Grundlast von AKW´s. Es gibt derzeit eine tatsächliche Reserve von nur 5%. Der produzierte Strom steht niemals vollends zur Verfügung. Es gibt eine erhebliche nicht einsetzbare Leistung dazu kommen Ausfälle, Revisionen und Reserven für Systemdienstleistungen. Regional ist der Strombedarf und die Erzeugung sehr unterschiedlich. Vor allem der Süden ist auf eine gute Netzanbindung angewiesen welche erst noch realisiert werden muss!
mehr
Kommentar melden
Malte sagt : schrieb:
am 15. März 2011 um 12:01:12
(0)
(0)
aber jetzt wird Abgeschaltet oder ?
Das ist wie Autofahren ohne folgekosten Benzin (Atommüll) und Versicherung zahlt der Staat also wir
Bürger. Neckarwestheim 1 hätte 2010 und die beiden Biblis-Blöcke A und B hätten dann 2011 nach dem alten Atomgesetz abgeschhaltet werden sollen sind so gesehen also reine Goldesel für den Staat und Stromversorger.
mehr
Kommentar melden
Politolix schrieb:
am 15. März 2011 um 11:49:48
(0)
(0)
PDW
Im vorhergehenden Kommentar sprechen sie von Wissenschaftlern , die eine Entscheidung treffen müssen.Das haben sie bereits getan und
eindeutige Risiken genannt, die aber nicht als Sicherheitsrelevant von Konzernen und der Politik angesehen wurden.Ob wir wollen .,oder nicht,jeder ist genötigt jetzt zu entscheiden ob (Umwelt) Sicherheit wichtiger ist als billige Stromerzeugung durch Atomkraft, die in ihren Folgen nicht berechenbar und beherrschbar ist!
mehr
Kommentar melden
Bitte füllen Sie alle Felder aus.

Sie sind der Meinung, dass dieser Kommentar anstößige Inhalte enthält.

Neuer Besitzer blätterte mehr als 70 Millionen Euro hin. zum Video