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Aufschieberitis: Vertagen hilft nicht

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Aufschieberitis: Vertagen hilft nicht

25.02.2011, 13:28 Uhr | Sebastian Bronst, dpa-tmn

Morgen, morgen nur nicht heute.... (Foto: imago)

Morgen, morgen nur nicht heute.... (Foto: imago)

Aufgaben im Job verschleppen, aufschieben, vertagen: Fast jeder kennt das Problem. Egal ob es darum geht, die Karriereleiter hochzuklettern oder darum, neue Kunden zu akquirieren - oft ist der "innere Schweinehund" schuld. wenn unsere Vorhaben scheitern. Psychologen und Experten für Personalentwicklung haben einen Namen für das Phänomen: Prokrastination, vom lateinischen procrastinare für aufschieben. Selbstständige können dadurch in die Pleite schlittern, und auch für Angestellte kann Aufschieberitis fatale Folgen haben. Experten kennen jedoch Wege aus der Aufschiebefalle.

Selbstmotivation wichtige Qualifikation

Fortwährendes Aufschieben wird oft vor allem da zu einem Problem, wo eigenverantwortliches Arbeiten verlangt wird. "Prokrastination kann ein absoluter Karrierekiller sein", betont Andreas Frintrup, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens S & F Personalpsychologie aus Stuttgart. Auch Susanne Rausch, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Karriereberatung (DGFK) in Berlin, betont, dass in einer immer schnelllebigeren Berufswelt die Fähigkeit zu Selbstmotivation eine besonders wichtige Qualifikation sei.

Die eigenen Ziele ordnen

Chronisch unorganisierte Aufgabenverschlepper könnten mit einigen Tipps und Tricks viel erreichen, erläutert Hans-Werner Rückert, Psychologe und Buchautor aus Berlin. Eine Ausnahme seien besonders schwere Fälle, in denen das Verhalten mit psychischen Erkrankungen zusammenhänge oder bereits sehr weit fortgeschritten sei. Die eigene Ziele zu ordnen und daran zu arbeiten, könnten ansonsten aber "selbst Leute wieder lernen, bei denen man das schon gar nicht mehr denkt".

Persönlichkeitsstruktur spielt wichtige Rolle

Wunder erwarten sollte man dabei nicht: Fachleute betonen, dass sich Menschen bereits aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur sehr bei der Fähigkeit unterscheiden, Vorhaben langfristig umzusetzen und auf entfernte abstrakte Ziele hinzuarbeiten. Die einen stürzen sich auf neue Herausforderungen, anderen fällt das schwerer - und sie können dies auch nur mühsam ändern. "Selbstmotivation hängt auch stark mit personalen Kompetenzen zusammen, die in der Regel nur schwer zu verändern sind, wie zum Beispiel Optimismus", so Susanne Rausch.

Flucht in die Selbstständigkeit

Das Ausmaß an Beharrlichkeit und Engagement, mit dem sich ein Mensch an weit in der Zukunft liegende Ziele macht, sei eine stabile Eigenschaftskomponente, erläutert Frintrup. Man könne dies trainieren, aber es sei schwierig. Bestimmte Arbeitsmodelle seien daher für Typen, die besonders zum Aufschieben neigen, eventuell sogar ungeeignet. Gefährlicherweise flüchteten gerade sie sich oft in die Selbstständigkeit, um den Anforderungen fester betrieblicher Abläufe auszuweichen - nur um dort erst recht beruflich Schiffbruch zu erleiden.

Aufschieberitis nicht immer problematisch

Umgekehrt sei die Neigung zum Aufschieben auch nicht für alle Menschen immer problematisch, betont der Experte. Viele hätten von sich aus keinen besonders ausgeprägten beruflichen Ehrgeiz und seien damit glücklich. Schwierigkeiten verursache Prokrastination erst, wenn der Betroffene leidet, weil er die eigenen Ambitionen wegen der dauernden Selbstblockade nicht umsetzen kann - oder wenn er die Abläufe eines Unternehmens durcheinanderbringt.

Versagensängste und Perfektionismus hemmen

Unterhalb der Persönlichkeit-Schwelle hängt das Auftreten des "inneren Schweinehunds" maßgeblich auch von der Zufriedenheit mit einer Aufgabe ab und kann ein Ausdruck von latenten Ängsten oder Konflikten sein. "Wenn ich eine Aufgabe habe, die mich nicht interessiert, ist es schwer, mich zu motivieren", sagt Frintrup. Oft seien es auch Versagensängste oder Perfektionismus, die dazu führten, dass Menschen bestimmte Projekte nicht angehen, erklärt Rückert.

Wünsche und Ziele definieren

Menschen sollten eigene Wünsche und Ziele kennen und sich diesen annähern, empfiehlt Karriereberaterin Rausch. Die Identifikation mit einer beruflichen Aufgabe, einer Firma und deren Werten, aber auch mit Kollegen, Kunden und Geschäftspartnern sei wichtig. "Menschen sollten genaue Kenntnis darüber haben, was sie leisten können und tun wollen, wo, wofür und mit wem sie arbeiten wollen", sagt Rausch.

Rückzug vom Routinestress kann helfen

Durch Selbstbeobachtung lässt sich das Prokrastinationsrisiko auch nach Frintrups Auffassung verringern. Eine ehrliche Analyse der eigenen Motive, die hinter dem Verschleppen stehen, sei ein erster Schritt hin zu einer Verhaltensänderung: "Man kann den inneren Schweinehund gewissermaßen einkreisen." Dabei helfen könnten auch bestimmte Abläufe - etwa wenn man sich für eine "stille Stunde" vom alltäglichen Routinestress zurückzieht und gezielt langfristigen Projekten oder eigenen Zukunftsplänen widmet.

Drei Möglichkeiten, Aufschieberitis loszuwerden

Laut Rückert haben Aufschieber drei Möglichkeiten. Die erste: Sie tun endlich, was sie schon so lange tun wollten. Erledigen etwa den Auftrag vom Chef - und behalten so ihre Stelle. Die zweite Option wäre, das aufgeschobene Vorhaben endgültig aufzugeben. Und in der Folge einen neuen Job zu suchen, der weniger Stress bereitet. Drittens könnte der Betroffene sich entscheiden, weiterhin aufzuschieben, ohne Schuldgefühle und ohne die Selbstachtung zu verlieren. Und stattdessen üben, dem Spiel mit dem Feuer sogar Spaß abzugewinnen.

Therapeutische Hilfe

Einen Ausweg aus dem ewigen Aufschieben bietet Rückerts "BAR-Programm". Das Kürzel steht für Bewusstheit, Aktionen und Rechenschaft. Demnach muss sich ein Prokrastinierer zunächst einmal über die Gründe des Aufschiebens und die dahinter stehenden Konflikte klar werden. Wer erkannt hat, dass er das Aufschieben nicht kontrollieren kann, hat auf jeden Fall einen großen Schritt nach vorn gemacht. Und kann das Problem eventuell mithilfe einer Therapie angehen. Um am Ende gelernt zu haben, sich selbst besser zu organisieren und zu steuern. Aufschieben ist dann überflüssig geworden.


Sebastian Bronst, dpa-tmn  

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