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Ausraster im Büro: Wehe, wenn sie losgelassen

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Ausraster im Büro: Wehe, wenn sie losgelassen

27.08.2010, 10:00 Uhr | Spiegel Online, Anne Seith

Ständiger Druck im Büro: Da können Ausraster vorkommen. (Foto: Imago)

Ständiger Druck im Büro: Da können Ausraster vorkommen. (Foto: Imago)

Ein frustrierter Flugbegleiter haut per Notrutsche ab. Ein Chefarzt würgt angeblich einen Kollegen. Eine Sekretärin verabredet sich zum Stelldichein auf dem Chef-Schreibtisch. Immer wieder kommt es im Berufsleben zu peinlichen Ausrastern - Experten raten, mit der Wut ganz anders umzugehen.

Einmal über die Stränge schlagen

Es träumen so viele davon. Einmal im Büro über die Stränge schlagen. Dem ungeliebten Chef, dem faulen Kollegen oder dem unverschämten Kunden so richtig die Meinung geigen. Ein Zeichen setzen. Vielleicht eine Kündigung hinlegen, die in die Firmengeschichte eingeht. Oder sich derart spektakulär für alle erlittenen Ungerechtigkeiten rächen, dass es dem vermeintlichen Missetäter für immer im Gedächtnis bleibt.

Flugbegleiter wird zum Held der Arbeitnehmer

Wie gern Arbeitnehmer solchen Gedanken nachhängen, zeigt sich in dem Ausmaß, wie der Flugbegleiter Steven Slater gefeiert wird. Der Steward hatte im Krach mit einer Passagierin die Maschine kurz nach der Landung über die Notrutsche verlassen: "That's it!" Für Arbeitnehmer weltweit ist Slater ein Held. Allein die Facebook-Seite, auf der für seine Verschonung vor Strafe gekämpft wird, haben schon mehr als 35.000 Leute mit einem "Gefällt mir" versehen.

Die wenigsten Angestellten trauen sich im echten Leben, ihren Frust rauszulassen. In der Regel werden Demütigungen aus Angst vor Arbeitsplatzverlust geschluckt, Überforderung wird mit noch mehr Anstrengung bekämpft, weil sonst andere den eigenen Job bekommen könnten.

Ständige Überforderung macht depressiv

Diese Erfahrung hat auch der Coach und Organisationsberater Harald Wirbals in 20 Jahren Beratungspraxis gemacht. Der Druck auf Mitarbeiter wachse ständig, "es muss immer mehr in kürzerer Zeit geschafft werden", sagt er. "Arbeitsverdichtung" heißt das Fachwort. Wirbals spricht lieber vom "alltäglichen Wahnsinn". Da sei es nur natürlich, dass die Frustration vielerorts steige. Wirbals weiß von zahlreichen Menschen zu berichten, die angesichts ständiger Überforderung depressiv geworden sind.

Wenn der Frust doch mal an die Oberfläche kommt, spielen sich mitunter dramatische Szenen ab. Verbrieft ist der Fall eines Chefarztes, der im Notdienst irgendwann rot sah. Er hatte die Schicht von einem Kollegen übernommen. Morgens um sechs wurde er aus dem Bett geklingelt und ins Krankenhaus auf die Intensivstation gerufen. Als er dort kurze Zeit später ankam, war alles ruhig. Kein Kollege kam ihm entgegengerannt. Niemand habe sich auch nur im Geringsten um ihn gekümmert, beschwerte sich der Mann später vor Gericht. Erst nach und nach kam heraus, dass eine Patientin schlicht dehydriert war - und dass das Problem mit ein bisschen Flüssigkeit schnell behoben werden konnte.

Dramatische Szene im Krankenzimmer

Als sich der Mann bei der Morgenvisite beim zuständigen Oberarzt beschwerte, kam es zum Eklat. Natürlich gibt es immer zwei Versionen der Wahrheit. Klar ist jedoch, dass ein lauter Wortwechsel stattfand, vor dem Bett der Patientin. Der Chefarzt ging dabei einen Schritt auf den Oberarzt zu - und erklärte später, er habe allenfalls mit zwei Fingern den Hals des Kollegen gestreift. Der Oberarzt dagegen wollte Hämatome davongetragen haben, die noch Tage später sichtbar gewesen seien, weil der Mann ihn gewürgt habe. Zeugen sprachen schlicht von einer unglaublichen Szene. Ein Gerichtsverfahren endete in einem Vergleich.

Abfindung nach frechen Mails an Kollegen und Vorgesetzte

Kurzschlüsse sind ein klarer Kündigungsgrund. Weniger drastische Fälle können dagegen ganz unterschiedliche Folgen haben. Ein Manager zum Beispiel verschickte nachts in seinem Überdruss freche Mails an Kollegen und Vorgesetzte, in denen er sich über den Stil des Unternehmens und über die Fähigkeiten bestimmter Kollegen ausließ. Er wurde fristlos gekündigt - zu unrecht, urteilte das Arbeitsgericht Frankfurt 2008. Dem Mann wurden 115.000 Euro Abfindung gezahlt.

Affäre ist kein Kündigungsgrund

Auch eine Sekretärin, die sich mit einem Programmierer zum Stelldichein auf dem Schreibtisch des Chefs verabredet hatte, klagte gegen ihre Entlassung. Das pikante Date war aufgeflogen, weil ein Kollege eine vielsagende E-Mail fand. Doch die Verabredung sei genauso wenig ein Kündigungsgrund wie die Affäre selbst, sagt der Hamburger Arbeitsrechtler Martin Krömer. Nur wenn man die beiden in flagranti erwischt hätte, "wäre das etwas anderes gewesen".

Störung des Betriebsfriedens entscheidend

Nicht weil es sich um den Schreibtisch des Chefs gehandelt haben soll: Sondern weil durch solche peinlichen Vorfälle grundsätzlich der "Betriebsfrieden gestört" würde. Ob es wirklich zur Annäherung auf der Arbeitsfläche des Vorgesetzten kam, konnte nicht geklärt werden - die Streitparteien einigten sich vor Gericht auf einen Vergleich. Zumal die Sekretärin nach dem Verfahren ohnehin kein Interesse mehr hatte, in ihren Job zurückzukehren.

Eskapaden stehen nicht im Zeugnis

Im Zeugnis der Frau darf sich von der Eskapade ohnehin nichts finden. "Ein Zeugnis muss berufsfördernd, wohlwollend und qualifiziert sein", sagt Arbeitsrechtler Krömer. Deshalb dürften auch lautstarke Auseinandersetzungen mit dem Chef, wenn sie nur einmal passieren, "in aller Regel nicht erwähnt werden".

Kleinere Grenzüberschreitungen sind also erlaubt? Diesen Schluss sollte man besser nicht ziehen. Wer seinen Chef mit Schimpfwörtern überschüttet, muss mindestens mit einer Abmahnung rechnen - die Vorstufe zur Kündigung. Und eine gute Arbeitsatmosphäre schafft man auch nicht, wenn man Chefs oder Kollegen düpiert.

Druck durch Gespräche lösen

Die Tipps der Experten klingen einfach und sind doch so schwer: statt auszurasten lieber ein angenehmes Arbeitsumfeld schaffen. Konflikte mit Sinn und Verstand lösen. Wenn der Druck zu hoch wird, sich erst mal mit Kollegen besprechen, denen es offensichtlich genauso geht, rät Coach Wirbal. Dann könne man gemeinsam nach einer Lösung suchen und eventuell zum Chef gehen.

Und gegebenenfalls, wenn gar nichts mehr geht, sei es auch sinnvoll, die eigenen Werte zu hinterfragen. Den Beruf an sich zu überdenken. Viele Menschen seien schlicht "im falschen Biotop", sagt Wirbal. Das Motto "höher, schneller, weiter" passe nicht auf jeden. Manchmal sei es wirklich besser, zu gehen. Man muss ja nicht gleich die Notrutsche nehmen.


Spiegel Online, Anne Seith  

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