Fragwürdige Bankpraktiken im Visier von Verbraucherschützern (Foto: imago)Macht es Sinn, einer fast 80-Jährigen gleich mehrere Bausparverträge zu verkaufen, deren Zuteilung erst zwanzig Jahre später erfolgt? Das Magazin "Finanztest" deckte nun auf, dass Berater der Postbank Finanzberatung AG genau solche Verträge vermittelten. Und das ist nicht die einzige fragwürdige Verkaufspraktik deutscher Banken. Nach wie vor beraten sie völlig am Bedarf der Kunden vorbei.
"Provisionsgeleitete Beratung ist nicht nur ein Problem der Postbank", sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. "Das ist leider Alltag." Leidtragende seien die Verbraucher, die Abschlusskosten und Provisionen bezahlen für eine haarsträubende Beratung. "Vor einem Jahr verkaufte manRentner Lehman-Zertifikate, heute scheinen es mitunter Bausparverträge zu sein, beides war sicher nicht bedarfsgerecht", urteilt er im Gespräch mit t-online.de/wirtschaft. Der Gesetzgeber müsse die Beratung überwachen, derartig unsinnige Beratungen sollten verboten werden.
Zuteilung des Vertrags mit über 100 Jahren
Das bestätigen auch die Enthüllungen des Magazins "Finanztest" über die Verkaufspraktiken bei der Postbank. Das Magazin beruft sich auf mehrere ehemalige und aktuelle Mitarbeiter der Postbank Finanzberatung AG, die von teils erschreckenden Geschäftsmethoden berichten. Ein Finanzberater sagte dem Magazin, es sei eine "Spezialität des Hauses", alten Leuten gleich mehrere Bausparverträge anzudrehen, auch wenn diese gar nicht bauen oder renovieren wollten und die Zuteilung vermutlich gar nicht mehr erleben würden. In einigen Fällen müssen die Postbank-Kunden weit über 100 Jahre werden, um in den Genuss des angesparten Guthabens zu kommen. Einigen Kunden wurden mehrere Bausparverträge aufgeschwatzt.
Postbank weist Vorwürfe zurück
Postbank-Sprecher Rüdiger Grimmert findet solche Vermittlungen ganz und gar nicht sinnlos. Grundsätzlich sei die Vermittlung von Bausparverträgen an 80-Jährige weder ein Fehler noch ein Mangel, sagte er dem "Finanztest". Im Einzelfall könne es sinnvoll sein, mehrere Bausparverträge abzuschließen und diese unterschiedlich zu besparen. Da Bausparverträge vererbbar seien, sei es vorstellbar, dass Ältere zugunsten ihrer Enkel sparten, zitiert das Magazin den Sprecher.
Sinnloses Umschichten
Die angesprochenen Beispiele sind jedoch nicht die einzigen fragwürdigen Beratungspraktiken. In anderen Fällen wurden Altverträge vorzeitig aufgelöst und neue Verträge abgeschlossen. Für den Kunden ist das Umschichten teuer und meist unsinnig.
Urkundenfälschung nicht geahndet
In drei Fällen unterschrieb ein Finanzberater gar Verträge anstelle der Kunden - ohne deren Wissen. Obwohl der verantwortliche Finanzmanager laut "Finanztest" einräumt, dass das "sicherlich falsch" war, arbeitet er weiter für die Postbank. Die Postbank argumentierte gegenüber dem Magazin, dass sie die Verträge umgehend abgewickelt habe und für die Kunden keine Schäden entstanden seien.
Berater sind auf Provisionen angewiesen
Im Jahr 2006 gründete die Postbank die Postbank Finanzberatung AG. Seitdem arbeiten die Mitarbeiter als selbständige Handelsvertreter - sie bekommen kein Gehalt, sondern leben von Provisionen. Diese fließen ihnen bei der erfolgreichen Vermittlung von Produkten der Postbank und der zur Postbank gehörenden BHW-Bausparkasse zu. Der Berater bekommt also bei jedem neuen Abschluss Provision, auch bei Umschichtungen fließt zusätzliches Geld. Der Verkaufsdruck sei enorm, sagten Berater im Gespräch mit "Finanztest". Nur wer viel verkaufe, könne seinen Lebensunterhalt von den Provisionen bestreiten.
Schlechte Ausbildung
Zum Verkaufsdruck kommt laut den Insidern oftmals Unwissen dazu. Da viele Verkaufsgebiete unterbesetzt seien, falle die Ausbildung neuer Berater sehr kurz aus, zitiert das Magazin einen Ex-Mitarbeiter. Viele dieser Berater hätten keinerlei Finanzausbildung. Der Postbank-Sprecher verwehrte sich gegen die Vorwürfe einer mangelnden Ausbildung. Sie seien "völlig unhaltbar", sagte er dem Magazin. Er erklärte, dass neue Mitarbeiter ein 14-tägiges Finanzmanagement-Seminar mit Abschlussprüfung besuchen müssten. Die Qualifizierungsphase betrage insgesamt 15 Monate und ende mit einer Prüfung zum Bauspar- und finanzierungsfachmann des Verbandes der privaten Bausparkassen. Die ehemaligen Berater versichern hingegen, sie hätten kein Seminar besucht und keine Prüfung abgelegt.