Hohe Anforderungen an die Bewerber als Nachwuchs-Monster (Foto: imago)Wer gerne Leute erschreckt kommt bei diesem Job garantiert auf seine Kosten: Ein Berliner Gruselkabinett benötigt dringend neue "Erschrecker". Die Chefin Marlit Friedland weiß aber aus Erfahrung, dass es nicht leicht ist, gute Gespenster zu finden und hat daher sieben Bewerber zum Casting geladen.
Die 55-jährige Marlit Friedland betreibt das Gruselkabinett am Anhalter Bahnhof in Berlin seit 1997, es war Deutschlands erstes mit leibhaftigen Gespenstern. Das Profil eines Erschreckers beschreibt sie so: "Er muss flink sein, nicht zu groß und einen ausgeprägten Spieltrieb haben." Brillenträger sind nicht geeignet, ein Gespenst mit Fahrgestell auf der Nase geht nicht.
Frauen haben keine Chance
Auch Frauen haben keine Chance, denn männliche Besucher greifen laut Friedland gerne mal in Brusthöhe nach dem Erschrecker - in der Hoffnung, es handele sich um ein weibliches Gespenst. Vor allem Studenten kommen zum Casting, oder Männer, die hoffen, zwischen Grabsteinen aus Pappmaschee und getöteten Jungfrauen Arbeit zu finden. Das rechnet sich mit 1000 Euro brutto im Monat.
Besucher schleichen durch dunkles Labyrinth
Der Koreanistik-Student Jonathan Schwabbauer bringt Vorerfahrung mit. "Ich liebe es, Leute zu erschrecken. Erst neulich habe ich mich hinter der Tür versteckt, als meine Freundin abends nach Hause kam." Als sie in die Wohnung trat, sprang Schwabbauer mit einem Schrei hervor. So ähnlich sähe auch seine Arbeit auf den 800 Quadratmetern Gruselfläche im ersten Stock eines ehemaligen Bunkers aus. Die Besucher schleichen durch ein Labyrinth aus stockdusteren Gängen. In den angrenzenden Räumen stehen Ku-Klux-Klan-Puppen und fiese Außerirdische, von denen schon mal einer lebendig sein kann.
"Männer und Frauen erschrecken sich unterschiedlich"
Ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz - und das ist es, was Maurice Schmülling zum Erschrecker werden ließ. Der 20-Jährige ist einer von sechs hauptberuflichen Gespenstern und seit zweieinhalb Monaten dabei. "Männer und Frauen erschrecken sich unterschiedlich", fachsimpelt er. Er taxiert die Besucher des Kabinetts und entscheidet dann, ob er um die Ecke springt, laut stampft oder lieber aufschreit. Schlimm war es, als ein kleines Mädchen neulich anfing zu weinen. Da hat er die Maskerade beendet und das Kind herausgeführt.
Erst Zehnjährige dürfen zum Gruseln kommen
Das ist aber ein Einzelfall, denn Kinder dürfen erst ab zehn Jahren zum Gruseln kommen und die meisten Besucher sind Schülergruppen. "Je größer die Gruppe, desto sicherer fühlen sich die Leute", sagt Schmülling. Irgendwann packt es aber doch jeden. Die Studentin Johanna Wigger hat Tränen in den Augen, als sie zum Ausgang kommt. "Diese lebenden Monster jagen dir echt einen Schrecken ein", sagt sie. "Das unerwartete Erwartete ist das Verrückte. Man weiß, was passiert, und erschreckt sich trotzdem."
Erschrecken will gelernt sein
Diese Kunst will gelernt sein, und Marlit Friedland achtet streng darauf, dass kein Betriebsgeheimnis das Gruselkabinett verlässt. Sie hat eine Million Euro investiert und unterzieht die Kandidaten beim Casting einer strengen Befragung. "Leider ist das kein Job zum Angeben", klagt sie, denn die Verwandten seien oft nicht sehr stolz, einen professionellen Erschrecker in der Familie zu haben. Sie wird die besten Bewerber nun ein paar Tage zur Probe arbeiten lassen. Dann stellt sich heraus, wer das Zeug zum Monster hat.