06.04.2010, 10:38 Uhr | t-online.de/business / dpa-tmn
Der typische Mobber: männlich, 35- bis 54 Jahre und seit Jahren in der Firma. (Foto: Imago)
Schikanen, Intrigen, Ausgrenzung: In deutschen Unternehmen herrscht nicht selten wahrer Psychoterror. Mehr als eine Million Beschäftigte in Deutschland sind derzeit Mobbing-Attacken ausgesetzt, heißt es in einer Broschüre der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA). Die erschreckende Erkenntnis der Experten: In vielen Fällen geht die Schikane vom Chef aus. Wir zeigen, wo die Gefahren liegen und was Firmen dagegen tun können.
Es trifft immer wieder dieselben Kollegen: Meier zum Beispiel, den der Chef zum xten Mal vor versammelter Mannschaft herunterputzt. Und wenn Frau Müller ins Zimmer kommt, verstummen regelmäßig die Gespräche der Bürogenossen. Schulze hingegen muss kurz vor einem Meeting feststellen, dass Dateien mit wichtigen Arbeitsergebnissen von der Festplatte seines PCs verschwunden sind - das passiert in letzter Zeit ständig. Die BAUA-Experten kennen noch heftigere Fälle: Da werden verschimmelte Lebensmittel in fremden Schreibtischschubladen gelegt, Autos ungeliebter Mitarbeiter mutwillig beschädigt oder diese gar zum Selbstmord aufgefordert.
Laut der BAUA-Studie "Mobbing-Report" werden aktuell drei von 100 Beschäftigten am Arbeitsplatz diskreditiert, gedemütigt, verleumdet, beleidigt, an ihrer Arbeit gehindert, seelisch zermürbt oder körperlich bedroht - kurz: gemobbt. Bei etwa 37 Millionen Erwerbstätigen sind das mehr als eine Million Personen. Für die Unternehmen werden solche fiesen Psychospiele teuer: Schätzungen gehen der BAUA zufolge davon aus, dass der Produktionsausfall durch Mobbing rund 12,5 Milliarden Euro beträgt.
Ein Grund mehr für Unternehmen, den Missständen ein Ende zu machen, sollte man sich denken. Das Problem dabei: Nach Angaben der BAUA gehen fast 40 Prozent der Mobbing-Fälle auf das Konto von Vorgesetzten. Und weitere zehn Prozent der Chefs tun sich sogar mit den Kollegen zusammen, um ihrem Mobbing-Opfer das Leben schwer zu machen.
Der typische Mobber ist schnell dingfest gemacht, betonen die BAUA-Experten: Beinahe 70 Prozent aller Mobbingattacken können der Altersgruppe der 35- bis 54-Jährigen zugerechnet werden, 60 Prozent der Mobber seien Männer - und zwar meistens Kollegen, die schon länger als sechs Jahre im Betrieb beschäftigt sind.
"Bossing" heißt das Mobbing von oben im Fachjargon. Dahinter steckt oft die Unsicherheit des schikanierenden Chefs, berichtet die Zeitschrift "Psychologie heute" (Ausgabe 3/2010) und beruft sich auf eine Studie des US-Forschers Nathaniel Fast von der University of Southern California in Los Angeles. Fast hat in einem Versuch gezeigt, dass Vorgesetzte besonders dann aggressiv werden, wenn sie sich inkompetent fühlen.
In dem Versuch wurden Führungskräfte in eine solche Stimmung versetzt und mussten dann entscheiden, wie sie andere für einen Fehler bestrafen würden. Das Ergebnis: Aus dem Gefühl der Unsicherheit heraus verteilten die Chefs im Test härtere Strafen. Vorgesetzte, die fürchteten, den Erwartungen nicht gerecht zu werden, sahen sich mitunter grundlos von Untergebenen bedroht - und reagierten dann aggressiv.
Der Tipp von Experten: Eine unsichere Führungskraft nicht noch vorführen, sondern auch mal loben: Durch "Ego-Massagen" verwandele sich mancher Tyrann in einen netten Chef. Sind Mitarbeiter allerdings bereits Opfer eines mobbenden Vorgesetzten geworden, hilft das nicht mehr: Systematische Schikane lasse sich durch solche Schmeicheleien nicht beenden.
Führungsschwäche und ein geringes Selbstwertgefühl sieht auch Dieter Zapf von der Universität Frankfurt am Main als Grund dafür, dass Chefs mobben. "Wer innerlich gefestigt ist, wird sich durch eine einzelne Kritik nicht anfechten lassen", so der Arbeitspsychologe und Mobbing-Forscher gegenüber zeit.de. Ein Vorgesetzter, der seinen Mitarbeiter fachlich nicht gewachsen ist und mit Minderwertigkeitsgefühlen kämpft, versuche seine Unsicherheit zu kompensieren, indem er den Mitarbeiter erniedrigt.
Die Unternehmensspitze bekomme häufig gar nicht mit, wenn Führungskräfte im mittleren oder unteren Management ihre Mitarbeiter drangsalieren, erklärte Zapf im Gespräch mit zeit.de. "Solange der Laden läuft, fällt es oben gar nicht auf", sagte der Mobbing-Forscher. Mangelndes Interesse spiele dabei auch eine Rolle. Vielen Firmen fehle schlicht der Mut, Mobbing von Führungskräften rigoros zu bekämpfen, vor allem dann, wenn diese inhaltlich kompetent seien. Wie hoch die soziale Kompetenz von Mitarbeitern mit Personalverantwortung sei, würde selten geprüft oder mit Fortbildungen gefördert.
Laut BAUA laufen vor allem Frauen, Auszubildende und Ältere schneller als andere Gruppen von Beschäftigten Gefahr, schikaniert zu werden. Arbeitnehmer in sozialen Berufen etwa gehen demnach nur wenig sozial miteinander um: Sie sind einem fast dreimal so hohen Mobbingrisiko ausgesetzt wie der Durchschnitt. Bank-, Sparkassen- und Versicherungsfachleute müssen immerhin mit einem fast doppelt so hohen Mobbingrisiko rechnen. Mit mehr Respekt und Achtung als der Durchschnitt gegegnen sich hingegen Berufskraftfahrer, das Fahrpersonal des öffentlichen Personennahverkehrs sowie Reinigungs- und Entsorgungskräfte. Aber auch Landwirte, Winzer und Landarbeitskräfte tragen ein minimales Risiko, Opfer von Mobbing zu werden.
Unternehmen, die Mobbing einen Riegel vorschieben wollen, raten die BAUA-Profis dazu, entsprechende Regeln in Dienstanweisungen beziehungsweise Betriebs-/Dienstvereinbarungen festzulegen. Neben der Definition von Mobbing sollte in den Vereinbarungen stehen, welche Sanktionen Mitarbeiter zu erwarten haben, die dagegen verstoßen. Weitere Abhilfe würde ein betriebliches Beschwerderecht schaffen. Der psychologische Effekt von Anti-Mobbing-Dienstvereinbarungen: Die Hemmschwelle für potenzielle Mobber erhöhe sich, da diese wüssten, dass die Attacken gegen Kollegen geahndet würden, betonen die Experten.
t-online.de/business / dpa-tmn
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