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Brauereien in Franken: Wo Frauen Bier brauen

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Wo Frauen brauen

19.10.2009, 12:42 Uhr | Spiegel-Online, Christoph Ruf

Bier-Manufakturen - eine reine Männerdomäne?  (Foto: dpa)

Bier-Manufakturen - eine reine Männerdomäne? (Foto: dpa)

Vier Brauereien für 4000 Menschen - Gräfenberg in Franken ist ein Bier-Paradies. Drei der Manufakturen werden von Frauen geführt. Sie produzieren so wohltuend weit weg vom Massengeschmack, dass das Dorf inzwischen Touristen anlockt.

Täglicher Ansturm

Langsam wandert die Morgensonne über das Dach der gegenüberliegenden Abfüllanlage. Die ersten Lichtstrahlen dringen ins "Lindenbräu". An der Wand hängen Schwarzweißfotos, Hopfendolden umrahmen Brauerwerkzeug. Hier in ihrer kleinen Gaststube wartet Irene Brehmer-Stockum auf den ersten Ansturm des Tages. Und der wird kommen, wie er jeden Tag kommt, obwohl das "Lindenbräu" in Gräfenberg liegt, einem fränkischen Dorf mit gerade mal 4022 Einwohnern.

Drei von vier Brauereien von Frauen geführt

Vor allem Wanderer lockt der "5-Seidla-Steig" hierher - auf zehn Kilometern kann man bei fünf Brauereigaststätten einkehren. Vier liegen auf dem Gebiet der Gemeinde Gräfenberg. Und drei werden von Frauen geführt.

Irene Brehmer-Stockum ist die Chefin vom Lindenbräu. (Foto: Christoph Ruf)Irene Brehmer-Stockum ist die Chefin vom Lindenbräu. (Foto: Christoph Ruf)Gleiches Rezept seit 1900

Eine der Frauen ist Irene Brehmer-Stockum, die sich jetzt erst mal zielstrebig einen Kaffee einschenkt und zurücklehnt. Small Talk ist nicht ihr Ding, lieber kommt sie gleich zur Sache - und damit zu ihrem Bier. Seit 1900 wird es im "Lindenbräu" hergestellt, und bis heute hat sich an der Prozedur nichts verändert. Obwohl Trendforscher immer wieder dazu raten, das Gebräu mit poppigen Beigaben aufzupeppen. Obwohl es vor ein paar Jahren hieß, Bier müsse hopfiger schmecken als das süffig-malzige, oft bernsteinfarbene "Altfränkische", das hier in der Region gebraut wird. Obwohl die Großen der Branche seit neuestem versuchen, mit möglichst bunten chemischen Mischungen höhere Umsätze in diesem schrumpfenden Markt zu erzielen.

Nische gefunden

1975 hat jeder Deutsche 150 Liter Bier pro Jahr getrunken, jetzt sind es noch knapp 110 Liter. Viele kleine Privatbrauereien müssen fusionieren oder zumachen. Das alles ist der Chefin des "Lindenbräus" egal - sie macht einfach weiter wie gewohnt, und sie würde auch das seit Generationen überlieferte Rezept niemals ändern. "Das Einheitsbier können Sie bei einer Blindverkostung kaum unterscheiden, bis auf die ganz herben Sorten", sagt sie. "Hier dagegen kennen die Leute das Bier ihrer Brauerei. Jedes schmeckt anders." So soll es auch bleiben. "Solange wir unsere Nische gefunden haben, können die Großen machen, was sie wollen."

Nuancenreicher Geschmack

Die wenigsten Biertrinker wissen, wie mannigfaltig sich ihr Getränk im Geschmack unterscheiden kann. Klar, es darf nur aus Wasser, Malz, Hopfen und Hefe bestehen. Doch es gibt billiges und hochwertiges Malz. Es gibt lebende und sterilisierte Hefe. Es gibt große Unterschiede in der Zubereitung, wenn man auf eine lange Lebensdauer achten muss. Die großen Brauer wollen ihre Ware oft für Jahre haltbar machen. Bier aus Gräfenberg muss innerhalb weniger Wochen getrunken werden, weshalb die Meisterinnen aus dem Dorf auf Erhitzung oder Sterilisierung verzichten. Ihr Bier schmeckt deshalb nuancenreich - und ungeheuer frisch. Wie beim Brot sei das, sagt Brehmer-Stockum: "Da gibt's auch welches, das sich ein Jahr hält. Aber sicher kein gutes."

Gut laufende Geschäfte durch Selbstabholer und Wirtshäuser

Das sieht auch Elfriede Hofmann so, die in der fünften Generation Bier braut. Sie ist die erste Frau an der Spitze des Betriebes. 1500 Hektoliter werden hier hergestellt - aber kein Supermarkt, kein Getränkemarkt führt das Bier aus dem Vorort Hohenschwärz. "Wir leben von den Selbstabholern und von den Wirtshäusern, die unser Bier haben."

1,90 Euro für einen halben Liter Bier

Um die Familie zu ernähren, gibt es auch noch eine Wirtschaft auf der anderen Straßenseite. Dort wird der halbe Liter Bier zum sensationellen Preis von 1,90 Euro verkauft - üblich in einer Region, in der ein opulentes Abendessen etwa sechs Euro kostet und eine Übernachtung im Wirtshaus gerade mal 20 Euro.

Fairer Umgang unter den Brauereien

Die kleinen Brauereien gehen fair miteinander um. "Man leiht sich schon mal den Leim für die Etiketten", sagt Sigi Friedmann, deren Biermanufaktur am Ortseingang steht. Die Frau käme nicht auf die Idee, eine Wirtschaft zu beliefern, die zu den Abnehmern einer Kollegin gehört. Das sei tabu, sagt die resolute Frau und erzählt, dass sie vor ihrem 14-Stunden-Tagen oft joggen geht, um mit mehr Energie in den Tag zu starten.

Immer noch eine Männerdomäne

Energie braucht sie. Denn die 48-Jährige muss in dem männerdominierten Geschäft viel aushalten. Als sie 1994 den väterlichen Betrieb übernahm, hörte sie immer wieder: "Der Betrieb ist bald bankrott." Am Telefon fragten Vertreter erst nach dem Chef, dann nach dem Braumeister - und legten schließlich wortlos auf, als sie hörten, dass sie beides ist. Heute sei es nicht mehr ganz so schlimm, sagt sie. Aber die Brauwirtschaft sei noch immer eine Männerdomäne.

Harter Konkurrenzkampf

Die Braumeisterin beklagt einen härteren Konkurrenzkampf, vor allem seit ein großer Konkurrent aus der Gegend versucht, sein Bier mit Kampfpreisen in die Stammwirtshäuser der Kleinen zu drücken. Friedmann kann da nicht beliebig mithalten. "Es ist eben teurer, wenn man Hopfen und Gerste vom kleinen Bauer kauft", sagt sie. Und es treibe nun mal die Kosten in die Höhe, wenn man Arbeiter im Winter nicht entlasse.

"Leute, denen nicht egal ist, was sie trinken"

Ihre Tochter will den Betrieb übernehmen und studiert in Weihenstephan Brauereiwissenschaften. Friedmann sieht das mit gemischten Gefühlen. "Eines macht mir Hoffnung", sagt sie. "Es kommen immer häufiger junge Leute, denen es nicht egal ist, was sie trinken."


Spiegel-Online, Christoph Ruf  

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