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Lidl räumt Bespitzelung in Filialen ein

Erschienen am 26. März 2008 | aktualisiert am 02. April 2008 | ots / dpa / T-Online
Lidl-Markt (Foto: dpa)
Lidl-Markt (Foto: dpa)
Schwere Vorwürfe gegen die Firma Lidl: Wie der "Stern" berichtet, hat der Lebensmitteldiscounter offenbar systematisch die Beschäftigten in seinen Filialen überwachen lassen. Lidl wies den Generalverdacht zurück. Das Mitglied der Geschäftsführung, Jürgen Kisseberth, räumte jedoch ein, dass in einzelnen Filialen möglicherweise Bespitzelungsaufträge erteilt worden seien. Jetzt nehmen Datenschützer den Discounter ins Visier.

Überblick - Auszüge der Lidl-Protokolle

"Stern" veröffentlicht Protokolle
Nach Informationen des Magazins "stern" wurde bei dem Lebensmitteldiscounter über zahlreiche Überwachungskameras registriert, wann und wie häufig Lidl-Mitarbeiter auf die Toilette gehen, wer mit wem möglicherweise ein Liebesverhältnis hat und wer nach Ansicht der Überwacher unfähig ist oder einfach nur "introvertiert und naiv wirkt". Aufgeführt wurde laut "stern" unter anderem auch, ob Mitarbeiter des Neckarsulmer Unternehmens tätowiert waren. Das Magazin beruft sich auf interne Lidl-Protokolle.

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Lidl: Bespitzelung nicht im Auftrag der Geschäftsleitung
"Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass es dazu Aufträge gegeben hat", sagt Kisseberth der dpa. "Das war aber nicht der Auftrag der Geschäftsleitung." Die zwei von Lidl beauftragten Detekteien hätten die Weisung gehabt, über Kameraanlagen vor allem Diebstähle von Kunden aufzudecken. Auslöser seien die hohen Inventurverluste im Vorjahr von acht Prozent der deutschen Filialen gewesen.

Lidl hat Zusammenarbeit mit Detektei beendet
Erst wenn alle Aufträge im Bundesgebiet geprüft worden seien, könnten alle Verdachtsmomente vollständig ausgeschlossen werden, betonte Kisseberth. Ihm lägen aber entsprechende Protokolle vor. Ob die Initiative dazu von den Detektiven oder Filialleitern ausgegangen sei, könne er nicht sagen. Lidl habe die Zusammenarbeit mit einer Detekteien mittlerweile beendet und werde künftig nur noch mit sichtbar angebrachten Kamerasystemen in den Läden arbeiten.

Getarnte Überwachung
Die meisten dieser Einsatzberichte, so der "Stern", stammen aus Lidl-Filialen in Niedersachsen, dazu kommen einzelne Abhörberichte aus Rheinland-Pfalz, Berlin und Schleswig-Holstein. Die Überwachung funktionierte immer nach dem gleichen Muster: Montagmorgen installierten von Lidl beauftragte Detektive in der jeweiligen Filiale meist zwischen fünf und zehn Miniaturkameras. Dem Filialleiter wurde erzählt, es gehe darum, Ladendiebe aufzuspüren. Tatsächlich notierten die Detektive aber auch ihre genauen Beobachtungen der Lidl-Mitarbeiter.

Behörden: "Der Sachverhalt muss aufgeklärt werden"
Die Datenschützer für den nicht-öffentlichen Bereich in Baden- Württemberg werden nach Angaben des Innenministerium den Fall unter die Lupe nehmen. "Der Sachverhalt muss aufgeklärt werden", betonte die Ministeriumssprecherin. Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di sprach von einem Skandal. Wenn die Vorwürfe stimmten, "dann passt das in das System der permanenten Kontrolle und Unterdrückung in dem Unternehmen", sagte der Handelsexperte der Gewerkschaft in Baden-Württemberg, Bernhard Franke der Nachrichtenagentur "dpa". Der Gewerkschafter forderte die Mitarbeiter auf, gegen die Zustände vorzugehen und Betriebsräte zu wählen. "Die Mitarbeiter werden eingeschüchtert und verängstigt. Es gibt so gut wie keine Betriebsräte bei Lidl", erklärte Franke.

Gewerkschaft und Rechtsexperten entsetzt
Vertreter der Gewerkschaften und Rechtsexperten zeigten sich angesichts dieser Vorwürfe entsetzt. Achim Neumann, Handelsexperte von Ver.di, erklärte gegenüber dem "Stern", er sei zwar einiges gewohnt von Lidl, von solch einer systematischen Mitarbeiterüberwachung aber habe er noch nie gehört. "Diese Dimension ist mir völlig neu." Der Hamburger Arbeitsrechtler Klaus Müller-Knapp, dem die Protokolle vorab gezeigt wurden, hält sie für "in höchstem Maße skandalös", weil es nicht um Arbeits-, sondern um Verhaltenskontrolle geht. "Das stellt einen klaren Verstoß gegen Artikel zwei Grundgesetz dar, der die freie Entfaltung der Persönlichkeit schützt."

Vorwürfe sind nicht neu
Die neuen Vorwürfe gegen Lidl sind dabei nicht neu. Bereits in den Jahren 2004 und 2006 hatte die Gewerkschaft Ver.di so genannte Schwarzbücher veröffentlicht, in denen die Geschäftspraktiken und Arbeitsbedingungen des Discounters angeprangert wurden. Ver.di sprach bereits zu diesem Zeitpunkt von "einem Klima der Angst" und kritisierte Personalknappheit und Kontrollen bis ins Privatleben. Die nun veröffentlichten Protokolle dokumentieren solche Kontrollen zum ersten Mal. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, erklärte gegenüber dem "Stern", dass das Protokollieren eines Toilettenbesuchs und ähnliches einen schweren Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz darstelle: "Ich gehe davon aus, dass, wenn solche Vorgänge bekannt werden, die zuständige Datenschutzbehörde tätig wird und Ermittlungen einleitet."

Wollen Sie mehr über die Geschichte und Struktur des Konzerns erfahren? Mit einem Doppelklick auf das Wort "Lidl" öffnet sich ein kleines Fenster. Mit einem Klick auf "Wikipedia" finden Sie weitere Informationen zum Unternehmen aus der Online-Enzyklopädie.

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Quelle: t-online.de
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