28.01.2009, 09:18 Uhr | Spiegel-Online, Jochen Schönmann / dpa
Capri-Sonne trotzt der Krise (Foto: Capri-Sonne)
Außen silber, innen süß: Seit 40 Jahren funktioniert das Capri-Sonne-Prinzip - auch dank Muhammad Ali. Jetzt feiert der Schulpausen-Drink Geburtstag, und Eigentümer Hans-Peter Wild plant die nächsten Schritte: Die Eroberung Chinas und der Börsengang stehen an.
Saftsack feiert Geburtstag
Sie platzt immer noch, wenn man drauf tritt: Die bekannteste Safttüte Deutschlands aus glänzendem Kunststoff und Aluminium, 4,5 Gramm schwer, feiert ihren 40. Geburtstag. Beim Anblick des silbrigen Trinkbeutels von Capri-Sonne erinnert sich heute so mancher Erwachsener an die Schulzeit, als der Sprung auf die leere Tüte zum alltäglichen Pausenvergnügen gehörte.
Wasser, Zucker und natürliche Rohstoffe
Das will etwas heißen: Dekaden sind vergangen, Capri-Sonne blieb. Die scheinbar unverwüstliche Packung sieht im Wesentlichen noch heute so aus wie vor 30 Jahren, als sie längst Bestandteil eines jeden Turnbeutels für den Sportunterricht geworden war. Inhalt: ein Fruchtsaftgetränk, das im Wesentlichen aus Wasser, Zucker und natürlichen Rohstoffen besteht.
Aus fixer Idee wird Saftimperium
Die Geschichte des Trinksacks ist untrennbar mit der Unternehmerfamilie Wild verbunden. Sie erzählt, wie aus der fixen Idee eines Chemikers ein Saft-Imperium wurde, das mittlerweile durch Lizenznehmer in 140 Ländern präsent ist und damit neben Coca-Cola, Pepsi und Schweppes zu den bekanntesten Getränkemarken der Welt zählt.
Unterschiedliche Sorten je nach Weltregion
Capri-Sonne macht heute einen Außenumsatz von 1,4 Milliarden Euro pro Jahr. 5,5 Milliarden Trinkpacks produziert das Unternehmen in diesem Zeitraum und ist damit Weltmarktführer im Bereich der Fruchtsäfte bis 0,5 Liter. Die ursprünglichen Geschmacksnoten von Zitrusfrüchten gibt es überall, ansonsten unterscheiden sich die Sorten je nach Weltregion - im Mittleren Osten gibt es zum Beispiel dickflüssigere, süßere Geschmacksrichtungen, im angelsächsischen Raum "fruitpunsch".
Wild-Werke hüten ihr Geheimnis
Wer das 300.000 Quadratmeter große Areal der Wild-Werke in Heidelberg betritt, bekommt unwillkürlich das Gefühl, in einem alten James-Bond-Film mitzuspielen: Ausweiskontrolle, vorgeschriebene Laufwege, Filme über Sicherheitsbestimmungen und verschlossene Mitarbeiter, die bei Fragen lieber auf die Presseabteilung verweisen. Die Wild-Werke hüten eifersüchtig ihr Geheimnis.
Global Player mit 18 Produktionsstandorten
Der Unternehmer Hans-Peter Wild, Sohn des Gründers Rudolf Wild und Herrscher über das Saftimperium, wirkt allerdings nicht wie ein Goldfinger. Der promovierte Jurist gibt sich offen im Umgang. Der 68-Jährige, der vor 20 Jahren in die Schweiz zog, trat Anfang der siebziger Jahre in die Fußstapfen seines Vaters. Er machte aus dem Mittelständler einen Global Player mit 18 Produktionsstandorten weltweit.
Zwei Kisten monatlich für Muhammad Ali
Wild hatte schon früh großes diplomatisches Geschick und Durchsetzungsvermögen im internationalen Geschäft bewiesen. Sein wohl bester Marketing-Coup war die Verpflichtung des größten Box-Champions aller Zeiten: Muhammad Ali. "The Greatest of All Times" trank 1979 vor laufender Kamera Capri-Sonne und konnte auch privat kaum genug davon kriegen, glaubt man Wilds Ausführungen. Zwei Kisten als Monatsration waren offenbar sogar vertraglich geregelt.
Durchbruch in den USA
Mit Ali kam der Durchbruch: Zweistellige monatliche Wachstumsraten waren dank der Bekanntheit des Boxers keine Seltenheit. Wild hatte es geschafft: "Vor allem in den USA dachten die Leute: Wer sich Ali leisten kann, muss einfach ein tolles Unternehmen sein."
Enormer Entwicklungsaufwand
Wild kommunizierte nicht nur geschickt seine Marke, er baute sich auch ein stattliches Know-how auf: Die Wild-Werke entwickelten eigene Maschinen für die Produktion und trieben die Forschung in der Lebensmitteltechnologie voran. Auch heute ist der Entwicklungsaufwand enorm. "Unsere Pipeline ist voll", sagt der Forschungsleiter der Wild-Werke, Matthias Saß. Forschung, versichert er, sei Tradition im Haus.
"Innovation, Geschwindigkeit und harter Arbeit"
"Als Familienunternehmen sind wir schneller und können langfristiger planen", erklärt Wild. Die kräftezehrenden Anfangsschwierigkeiten bei der Entwicklung des Trinkbeutels hätten bei einem börsennotierten Unternehmen vielleicht zum Abbruch geführt. Wild hingegen zog die Sache konsequent durch. Und fährt nun die Ernte ein. Sein ein bisschen abgedroschen klingendes Erfolgsrezept: "Ich glaube an die Kraft von Innovation, Geschwindigkeit und harter Arbeit."
Wilds Zoff mit Hopp
Wenn es ums Geschäft geht, kann er auch unbequem sein. Zuletzt hat dies der SAP-Gründer und Multimilliardär Dietmar Hopp erfahren müssen, als er die Rhein-Neckar-Arena für seinen Fußballclub TSG 1899 Hoffenheim auf ein Gelände bei Heidelberg stellen wollte - direkt neben die Wild-Werke. Weil aber Wild seit Jahren nicht die Baugenehmigung für eben jenes Gebiet von dessen Eigentümern, den Kommunen Heidelberg und Eppelheim, aus ökologischen Gründen bekam, geriet er nun in Rage. Mr. Capri-Sonne begann eine Diskussion über die Werkserweiterung am Standort und die Schaffung von Arbeitsplätzen.
"Wenn es ums Geschäft geht, hört der Spaß auf"
Hopps Lieblings-Projekt wurde schließlich von den Stadt- und Gemeinderäten abgelehnt. "Arbeitsplätze statt Hooligans" lautete der Slogan, der plötzlich in der Region die Runde machte. Nachdem klar war, dass die Arena nach Sinsheim verlegt wurde, erweiterte Wild - in Brandenburg. Zuerst guckten alle in die Röhre, für Hopp war dies ein unerwarteter Tiefschlag. Wild hingegen sagt: "Ich bin ein umgänglicher Mensch. Aber wenn es ums Geschäft geht, hört der Spaß auf." Jetzt soll doch noch auch im Stammwerk in Eppelheim erweitert werden. Laut Unternehmensangaben werden 20 Millionen Euro investiert und 50 neue Arbeitsplätze geschaffen.
China und Südamerika als nächstes Ziel
Inzwischen funktioniert es auf der Arbeitsebene wieder zwischen Wild und Hopp: Die Wild-Werke beliefern den nahe gelegenen Softwareriesen SAP in Walldorf mit Getränken. Aber auch sonst entwickelt sich das Unternehmen weiterhin prächtig: Capri-Sonne wächst seit Jahren zweistellig. Und weil Wilds Söhne nicht die Nachfolge an der Spitze übernehmen wollen, wird nun doch der Börsengang für die nahe Zukunft vorbereitet. "Wir machen jetzt unsere Hausaufgaben dafür", erklärt Wild. Die Zeit für die Börse komme bald, denn das Geschäft laufe gut. Auch in Deutschland. Und das, obwohl die eigentliche Zielgruppe, nämlich Kinder, von Jahr zu Jahr kleiner werde.
Einstieg in den chinesischen Markt
Außerdem plant Wild den Einstieg in den chinesischen Markt. "Wir wollen von Peking und Guangdong aus Provinz für Provinz erobern", sagt Carsten Kaisig, 36, Chef von Capri-Sonne. Ein koreanischer Partner, der sich auf dem chinesischen Markt auskennt, soll helfen. Darüber hinaus soll das Fruchtsaftgetränk künftig auch in Südamerika verkauft werden. Potential sehen Wild und Kaisig in Chile, Venezuela und Brasilien.
"Gegessen und getrunken wird immer"
Mit der Expansion soll das weltweite Wachstum der vergangenen Jahre von zwölf Prozent fortgesetzt werden. Dass ihm das auch trotz globaler Wirtschafts- und Finanzkrise gelingt, steht für Wild außer Frage. "Gegessen und getrunken wird immer", sagt er.
Spiegel-Online, Jochen Schönmann / dpa
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