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Chávez' Enteignungskurs trifft deutsche Kaffeefirma

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Chávez' Enteignungskurs trifft deutsche Kaffeefirma

19.07.2010, 13:36 Uhr | Financial Times Deutschland

Venezuelas Präsident Hugo Chavez (Foto: dpa)

Venezuelas Präsident Hugo Chavez (Foto: dpa)

Die Enteignungswelle von Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez macht auch vor deutschen Unternehmen nicht halt. Als Erstes hat es eine Fabrik der Kaffeedynastie Rothfos erwischt. Sie wartet noch immer auf ihre Entschädigung - und die Fabrik steht nun still.

Jeden Morgen fällt es Maria Sanchez* schwer, vor die Tür zu gehen. Nur 200 Meter von ihrem kleinen, blau gestrichenen Haus in Rubio steht ein Stück Vergangenheit, an das sie nicht mehr erinnert werden möchte: die deutsche Kaffeefirma Cafea. 13 Jahre ist sie jeden Tag den kleinen Weg hinunter zur Fabrik gelaufen, hinein in die Produktionshalle, in der Instantkaffee produziert wurde. Seit einigen Monaten ist alles anders. Maria wurde rausgeworfen - nicht von ihren Chefs, sondern von ihren Kollegen. Die hatten die Fabrik besetzt, später wurde sie verstaatlicht.

Rund 100 deutsche Unternehmen in Venezuela aktiv

Der linkspopulistische Präsident Hugo Chávez zelebrierte die Enteignung von Cafea sogar im Fernsehen. Stolz verkündete er im vergangenen November in seiner sonntäglichen Sendung "Alo Presidente", dass der Staat diese Firma verbessern und ausbauen werde - und das Volk davon profitiere. "Cafea hat die Technologie, um Instantkaffee zu produzieren. Wir werden diese Technologie nun nach dem sozialistischen Modell nutzen", sagte er.

Cafea gehört zur Unternehmensgruppe des Hamburger Kaffeeimperiums der Familie Rothfos, Europas führendem Hersteller von löslichem Kaffee. Die Fabrik in den Anden, nahe der kolumbianischen Grenze, ist die erste deutsche Firma, die in Venezuela den Enteignungen und Verstaatlichungen der Regierung zum Opfer gefallen ist.

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Fast zeitgleich besetzte das Militär ein weiteres Unternehmen - die Kakaoplantage des gebürtigen Hamburgers Kai Rosenberg, der allerdings die venezolanische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Die deutsche Botschaft in Caracas spricht von den bislang einzigen beiden Fällen, die deutsch-venezolanische Handelskammer will von einem dritten Fall gehört haben. Laut Handelskammer sind rund 100 deutsche Unternehmen in Venezuela aktiv. Jedes könnte das nächste sein.

Die deutsche Botschaft in Caracas hält sich zu dem Thema bedeckt. Zu heikel sind die Verhandlungen über Entschädigungen. Bis heute haben weder Cafea noch Kakaoproduzent Rosenberg auch nur einen Bolivar bekommen. Rosenberg hat bereits resigniert. An eine Entschädigung glaubt er nicht. Der Deutsche züchtete im Dschungel im Norden des Landes Edelkakao und wollte die beste Schokolade Venezuelas produzieren. Dann kam das Militär, besetzte seine Plantagen. "Man kann nichts machen, kann nirgends hingehen, kann keinen Richter anrufen", sagt er. "Die Polizei ist die Regierung, die Richter sind die Regierung. Man muss froh sein, dass sie einen am Leben lassen. Eigentum zu besitzen ist in Venezuela ein Verbrechen."

Schritt für Schritt ins Abseits gedrängt

Bei Cafea macht man sich auch keine Illusionen. Nur: Es tut weniger weh. Mit hanseatischer Gelassenheit sitzt Holger Bebensee im Besprechungszimmer eines Kontorhauses in der Hamburger Speicherstadt. "Das müssen wir so hinnehmen", sagt der Geschäftsführer mit einem Achselzucken.

Um ihn herum riecht es nach Tradition. Die Holzdielen knarzen, die Wände schmücken maritime Ölschinken in wuchtigen Rahmen, die Möbel sind aus massivem Edelholz, im Fleet schaukeln Barkassen vorbei. Jetzt ginge es nur noch darum, sagt Bebensee, die von Venezuelas Regierung angekündigte Entschädigung zu erhalten. Cafea hat einen Gutachter bestellt, der den Wert der Fabrik ermitteln soll. So will es das Gesetz. Auch Staatsanwaltschaft und die Regierung in Caracas lassen den Wert prüfen. Zwei gegen einen - wie das Verfahren ausgehen wird, ist abzusehen.

Der Nervenkrieg um die Fabrik geht im Mai 2009 los: Unter der Regie des Gewerkschaftsverbands UNT und von Vertretern aus der Kommunalpolitik demonstriert ein Teil der Angestellten vor der Fabrik. Unterstützt werden sie von Studenten, Anwohnern und Aktivisten. Am Abend besetzen sie die Fabrik. Rufe nach Verstaatlichung und Umwandlung in ein Unternehmen sozialer Produktion (EPS) werden laut. "Die Besetzung kam für uns völlig überraschend", sagt Bebensee. Bis dahin hätten die Arbeiter immer hinter ihrem Arbeitgeber gestanden. Als die Regierung einmal Kaffeebohnen beschlagnahmen wollte, hätten sie sich sogar auf die Kaffeesäcke gelegt, um den Abtransport zu verhindern.

Immer dieselbe Vorgehensweise

Doch das war früher, vor der neuen Politik von Chávez, die bei vielen Einheimischen gut ankommt. Seine Regierung geht immer nach dem gleichen Prozedere vor. Erst beschuldigt Chávez die Unternehmen, sie seien für die miserable wirtschaftliche Lage in Venezuela verantwortlich, brandmarkt sie als Preistreiber, die sich auf Kosten des Volkes bereichern, dann werden die Unternehmen von Behörden oder Mitarbeitern besetzt, und später übernimmt der Staat ganz die Kontrolle.

So auch bei Cafea: Im Jahr 2008 kommt es zu einer "Kaffeeverknappung", wie Bebensee sagt. Bohnen aus Venezuela sind plötzlich Mangelware. Auch auf den Plantagen haben Enteignungen, eine aggressive Bodenreform und rigide Preiskontrollen ein Klima der Unsicherheit geschaffen, sodass keine Investitionen mehr getätigt werden. Infolgedessen wird ein Großteil nach Kolumbien geschmuggelt - wo das Zwei- bis Dreifache gezahlt wird.

Den Engpass will Cafea mit Importen aus Nicaragua decken. Die Firmenleitung hat bereits Ware bestellt, die Lieferung ist auf dem Weg. Doch die Regierung untersagt den Import. Es gebe genügend Kaffee in Venezuela. Cafea wolle lediglich Billigware aus dem Ausland einführen.

Teil 2: Von den Verlieren der Verstaatlichung


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Quelle: Financial Times Deutschland

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Kommentare (249)

zum Forum

Thema: "Chávez' Enteignungskurs trifft deutsche Kaffeefirma"

MIBA schrieb: am 17. Juli 2010 um 16:41:12
(0) (0) @Tell59
Umgekehrt wird ein Schuh draus, hier wurden keine Unternehmen verstaaticht, sondern Staatsbetriebe profitieren von priaten Investoren.

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Dagobert schrieb: am 17. Juli 2010 um 16:31:51
(1) (0) @Rufus
Ich habe gerade einen gut 70jährigen Verwandten getroffen, der als armes Auswandererkind in Bolivien geboren wurde und mit seinem
Bruder zusammen in Südamerika Karriere gemacht hat (Argentinien). Er beneidet uns um unseren "sauberen" Kapitalismus und unsere Infrastruktur. Vielleicht täte es manchem Dauernörgeldeutschen mal gut, die Realität anderer "Paradiese" kennen zu lernen! Abschreckendes Beispiel ist für mich immer Kuba: gut angefangen und trotzdem in Armut geendet.
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Tell59 schrieb: am 17. Juli 2010 um 16:23:17
(1) (0) @ dc 13:12h – wohl nicht mitbekommen...
was in China seit fast 3 Jahrzehnten abspielt. Kommunismus als Staatsform – trotzdem krasseste
Einkommensunterschiede. Nichts da von gleichem Einkommen für unterschiedliche Leistungen. Wenn verstaatlichte Unternehmen keinen Erfolg haben können, woher kommt dann die chinesische Erfolgsstory? Z.B. aus dem Chongqing-Modell, wo sehr effiziente Staatsbetriebe die Investition ausl. Privatfirmen nach sich zog – gefeiert vom deutschen Vorzeigeunternehmen SAP. Ach so, dessen Manager sind ja Kommunisten.
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