11.05.2011, 13:59 Uhr | Financial Times Deutschland
Silberbarren bei einem Juwelier in Nanjing (Foto: imago) Peking bekommt die Teuerung im Lande nicht in den Griff - Investoren greifen weltweit zu den vermeintlich sicheren Edelmetallen Gold und Silber. Weitere Daten aus der Volksrepublik nähren Sorgen um eine Abkühlung in der derzeit dynamischsten großen Volkswirtschaft.
Neue Zahlen zur Teuerung in China haben die Preise für Edelmetalle befeuert. Die Verbraucherpreise in der Volksrepublik stiegen nach Angaben binnen Jahresfrist um 5,3 Prozent. Das sind 0,1 Punkte mehr als erwartet. Die Teuerungsrate ist damit im Vergleich zum Vormonat zwar leicht um 0,1 Prozentpunkte zurückgegangen. Im März hatte sie allerdings ein 32-Monatshoch markiert. Die Zielrate der Notenbank PBOC beträgt vier Prozent im Jahresdurchschnitt.
Die Daten belegen, dass sich die Bemühungen der Regierung, das Wachstum und damit die Inflation zu dämpfen, bislang weitgehend als fruchtlos erwiesen haben. Die Notenbank hat bereits mehrfach den Leitzins auf derzeit 6,31 Prozent angehoben und die Mindesthinterlegungsrate für Bankkredite deutlich ausgeweitet. Flankierend hat Peking Schritte gegen die überbordende Immobilienspekulation eingeleitet, die durch günstige Darlehen befeuert wird.
Chinesische Wirtschaft läuft langsamer
Die Straffung der Geldpolitik und der Kreditvergabe soll zugleich das Wirtschaftswachstum dämpfen, das auch im vergangenen Jahr über zehn Prozent gelegen hatte und das derzeit das höchste unter den großen Volkswirtschaften der Welt ist. Die Angst vor einer Überhitzung der Konjunktur hatte das Land lange im Griff. Neue Daten zur Industrieproduktion zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Abkühlung möglicherweise größer ist als angenommen.
Denn der Ausstoß der chinesischen Industrie ist im April im Jahresvergleich nur um 1,3 Prozent gewachsen. Analysten hatten ein Plus von 14,5 Prozent erwartet. Das wäre nur eine leichte Abkühlung in Vergleich zum Plus von 14,8 Prozent aus dem März gewesen.
Sorgen um die Binnenkonjunktur
Die Produktionsdaten lassen Skeptiker aufhorchen. Sie hatten bereits nach Veröffentlichung der neuesten Außenhandelsdaten auf einen unerwartet geringen Anstieg der Einfuhren nach China hingewiesen und das als Zeichen dafür ausgemacht, dass sich die Binnenwirtschaft der Volksrepublik nicht so gut entwickelt wie erhofft. China hatte im vergangenen Monat mit umgerechnet 11,3 Milliarden Dollar einen Außenhandelsüberschuss erzielt, der fast vier Mal so hoch ist, wie Analysten erwartet hatten. Während die Exporte im Rahmen der Erwartungen zulegten und auf ein neues Rekordniveau stiegen, blieb das Importplus mit rund 22 Prozent um sechs Punkte hinter der durchschnittlichen Analystenschätzung zurück.
Analysten von Global Insight sehen Warnsignale: "Sowohl die Produktions- als auch die Preisdaten legen nahe, dass sich die chinesische Konjunktur im April abgekühlt hat", schreiben sie in einem Kommentar. Beunruhigend sei, dass der Fabrikausstoß den größten Rücksetzer seit Mitte vergangenen Jahres erlebt habe. Experten von TD Security erwarten, dass die PBOC ihre Geldpolitik angesichts der jüngsten Daten weiter straffen wird. Denn die sich abschwächende Produktion gehe nicht mit geringeren Inflationsraten einher, argumentieren die Analysten.
Dagegen schieben die Experten von Bank of America Merrill Lynch den geringeren Ausstoß der chinesischen Fabriken vor allem auf das Tohoku-Erdbeben vom 11. März und den anschließenden Tsunami, der weite Gebiete im Nordosten der japanischen Hauptinsel Honschu zerstört hat. Als weiteren Grund für die schwache Entwicklung führen sie Stromausfälle in China selbst an. Ein Grundlage, die prinzipielle Einschätzung für die chinesische Konjunktur zu überdenken, sehen die Analysten der US-Investmentbank in den neuen Daten aus Peking nicht.
Die beiden für die zweigrößte Volkswirtschaft der Welt wichtigsten Aktienindizes schlossen angesichts der schwachen Werte zwar im Minus, machten zum Handelsschluss aber einen Teil ihrer frühen Verluste wieder wett. In Hongkong schloss der Hang-Seng-Index 0,2 Prozent im Minus bei 23.292 Punkte. Zwischenzeitlich hatte das Börsenbarometer indes bis zu 0,4 Prozent abgegeben. An der wichtigsten chinesischen Festlandbörse in Schanghai zeigte sich ein ähnliches Bild: Der SSE-Index ging mit einem Minus von 0,3 Prozent bei 2883 Punkten aus dem Handel. Im frühen Geschäft hatte er aber bis zu 0,8 Prozent verloren.
International wandten sich Anleger angesichts der durch die Teuerungsdaten aus Peking erneuerten Inflationssorgen Edelmetallen zu. Am stärksten fiel das Plus mit 1,8 Prozent beim Silber aus: Die Notierung näherte sich zwischenzeitlich wieder der Marke von 40 Dollar, gab aber dann wieder nach. Der Einbruch aus der Vorwoche ist damit aber noch längst nicht überwunden: Der Silberpreis hatte sich fast schlagartig um rund 30 Prozent vermindert, nachdem er zuvor mit bis zu 48 Dollar an der Rekordmarke aus dem Jahr 1980 - vor dem Platzen der großen Silberspekulation - angenähert hatte.