30.12.2010, 11:52 Uhr | Financial Times Deutschland
Raffinerie in China (Foto: AFP)China kauft immer aggressiver auf dem Energiemarkt ein: Erst am Dienstag beteiligte sich Sinopec für 7,1 Milliarden Dollar an der brasilianischen Tochter des spanischen Repsol-Konzerns. Am Mittwoch berichtete die "Economic Times", China National Petroleum (CNPC) habe sich an den staatlichen indischen Konzern Oil and Natural Gas gewandt, um sich Zugang zu Vorkommen in Indien zu erkaufen. Und vor zwei Wochen kaufte der Sinopec-Mutterkonzern China Petrochemical dem US-Rivalen Occidental Petroleum für knapp 2,5 Milliarden Dollar alle Öl- und Gasfelder in Argentinien ab.
Die Liste der Zukäufe der drei größten chinesischen Öl- und Gaskonzerne Petrochina , Sinopec und CNOOC ist lang. Seit etwa 2004 steigen sie vor allem in anderen asiatischen Ländern, Afrika, Lateinamerika ein - und seit Kurzem auch in den USA. Das Land braucht Zugang zu Öl, um seine Wirtschaft am Laufen zu halten. China hat laut der Internationalen Energie-Agentur (IEA) die USA als größter Energieverbraucher abgelöst.
In den 90er-Jahren exportierte das Land noch Öl, heute ist es der zweitgrößte Importeur - mehr als die Hälfte des Tagesverbrauchs von rund 9,3 Millionen Barrel (je 159 Liter) kommen aus dem Ausland. "Die wachsende Bedeutung Chinas im Weltenergiemarkt kann man gar nicht stark genug hervorheben", sagte IEA-Chef Nobuo Tanaka. Wie Peking auf weltweit sinkende Ölreserven reagiert, sei entscheidend für den Rest der Welt.
China investiert Milliarden in seine Energieversorgung
Die aktuelle Reaktion des Landes: Zukäufe. Rund 60 Milliarden Dollar haben chinesische Firmen 2010 insgesamt im Ausland angelegt - 2009 waren es noch 42 Milliarden Dollar. Laut der Handelsorganisation der Vereinten Nationen, Unctad, ist China damit hinter den USA der zweitgrößte ausländische Investor. Zwei Drittel der Auslandsinvestitionen in diesem Jahr kommen von Sinopec, CNOOC und Petrochina, sie gehen in Unternehmensbeteiligungen und Schürfrechte.
Bei den Milliardenzukäufen unterstützen die staatlichen Banken die Konzerne nach Kräften. Kürzlich empfahl Jiang Jianqing, der Chef der China Industrial and Commercial Bank (ICBC), der Staat solle einen Großteil der aufgehäuften Devisenreserven von 2800 Milliarden Dollar an die Banken herausgeben, damit sie die Expansion der Unternehmen weiter ankurbeln.
Im Ausland lässt der Widerstand nach
Die politischen Widerstände gegen Käufer aus China schrumpfen derweil. Die Übernahme des US-Öl- und -Gasförderers Unocoal durch CNOOC im Jahre 2005 scheiterte noch an Gegenwehr patriotischer Politiker. Die Chinesen zogen das 18 Milliarden Dollar schwere Gebot zurück. Heute sieht die Lage anders aus: Im Oktober kaufte CNOOC für 1,1 Milliarden Dollar ein Drittel an einem Öl- und Gasprojekt des Förderkonzerns Chesapeake Energy in Texas - der spektakulärste Zukauf des Jahres, weil erstmals ein chinesischer Konzern Zugriff auf Bodenschätze der USA erhält.
In Afrika werden die Chinesen und ihre Milliarden von den Staatschefs meist mit offenen Armen empfangen. Aus Angola kommt inzwischen fast ein Viertel der Rohölimporte des Landes. Umweltschützer und Menschenrechtler kritisieren allerdings die Zusammenarbeit mit autoritären Regimes, die Arbeitsbedingungen und katastrophalen Umweltstandards der Ölförderung in den Ländern.
Petrochina, Sinopec und CNOOC rollen den Markt auf
Drei große Konzerne dominieren Chinas Öl- und Gasbranche. Sie sind an der Börse in Hongkong notiert und Töchter reiner Staatsunternehmen: Petrochina - der nach Marktwert zweitgrößte Konzern der Welt nach Exxon mit einem Quartalsgewinn von zuletzt 15,1 Milliarden Dollar - ist Chinas größter integrierter Energiekonzern, kümmert sich also um Förderung, Verarbeitung und Verkauf von Öl und Gas. CNOOC, die China National Offshore Oil Corporation, dagegen spezialisiert sich auf die Produktion im Meer. Die China Petroleum & Chemical Corporation, genannt Sinopec, ist Asiens größter Raffineriebetreiber.
Technisch liegen die Konzerne laut Branchenkennern hinter privaten Ölmultis wie Exxon, BP oder Shell zurück. Doch sie holen auf, vor allem weil sie sich Partner suchen. Petrochina unterzeichnete gerade einen Dreijahresvertrag mit dem US-Konzern Schlumberger über neue Bohrtechnik. Im Ausland arbeiten die chinesischen Konzerne gern mit Joint-Venture-Partnern wie BP, überlassen ihnen die Betriebsführerschaft und stellen das Kapital zur Verfügung - etwa bei dem aufsehenerregenden Zuschlag für Ölbohrungen im Irak.