14.04.2012, 15:46 Uhr | dpa
Für die meisten Menschen ist es eine Horrorvorstellung: kein Geld zu haben. Doch Raphael Fellmer kommt ganz gut zurecht. Der 28-Jährige aus Kleinmachnow bei Berlin lebt im Alltag ohne Geld. Sein Ratschlag für eine stabilere Weltordnung: "Wir sollten das Geld ganz weglassen."
Fellmer gilt als Anführer der Leben-ohne-Geld-Bewegung, die immer populärer wird. Deren Anhänger ernähren sich hauptsächlich vom sogenannten Containern: Sie fischen weggeworfene Lebensmittel aus Mülltonnen, vorzugsweise aus Abfällen von Bioläden. Im Internet haben sich mittlerweile Foren gegründet, in denen sich Anhänger über richtige Ausrüstung und Gesundheitsrisiken beim Containern austauschen. Sogar Rezepte werden hin- und hergereicht.
Gemüse, Joghurt, Tofu - Fellmer hat auf seinem jüngsten Beutezug wieder einiges aufgelesen. Rechtlich ist das Wühlen in fremden Abfalltonnen Diebstahl, Fellmer spricht dagegen von "Retten". Er nimmt sich Lebensmittel, die als verdorben gelten und sonst vernichtet würden. Damit könne er nicht nur sich, sondern auch seine Freundin und die fünf Monate alte Tochter ernähren.
"Hier zum Beispiel", sagt er und zeigt ein Paket fair gehandelten Hochlandkaffees. "Nur ein paar Tage abgelaufen. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die sich tagelang dafür abgerackert haben."
Die Leben-ohne-Geld-Aktivisten sind der Occupy-Bewegung quasi einen Schritt voraus: Sie zelten nicht bloß vor Banken, um gegen das System zu protestieren. Sie boykottieren es, indem sie seinen "Treibstoff" nicht mehr verwenden: Geld. Dabei müsste Fellmer nicht von Müll leben. Er stammt aus einer Akademikerfamilie im bürgerlichen Berlin-Zehlendorf, sein Vater ist Architekt, die Mutter Kunsttherapeutin. Fellmer selbst hat in Den Haag ein Europa-Studium absolviert.
Statt für Lohn arbeitet der 28-Jährige aber lieber für seine Ideale. Er reist quer durch Deutschland und hält Vorträge. Auto fährt er meist per Anhalter. "In den meisten Autos in Deutschland sitzt doch eh immer nur einer drin", sagt er. Kritiker seiner Lebensweise nennen ihn allerdings oft einen "Schnorrer".
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Dabei will Fellmer nicht weniger als die Welt retten. "Es geht um die Ressourcen auf dieser Erde insgesamt", sagt er und meint damit auch Wasser, Energie und saubere Luft zum Atmen. Die Meere seien überfischt, die Böden ausgelaugt - die Wirtschaft solle aber weiter wachsen, am besten zweistellig. "Dabei müssen wir uns zu einer Schrumpfungsgesellschaft entwickeln. Wir sind sieben Milliarden Menschen, wir haben nur diese eine Erde", mahnt Fellmer.
Vor einiger Zeit reiste er bis nach Freiburg im Breisgau, um dort auf Einladung einer Waldorfschule zu referieren. Die Konferenz der Oberstufenlehrer habe Fellmers Vortrag als "pädagogischen Glücksfall" gewertet, berichtet Klassenlehrer Hans Hubert Schwizler. "Raphael verstand es, den Schülern - ob diese nun seinem Lebensentwurf zustimmen mochten oder nicht - deutlich zu machen, dass man die eigenen Ideale durchaus leben kann."
Ganz ohne den deutschen Sozialstaat kommt aber auch Idealist Fellmer nicht aus: Aus Sorge um Tochter Alma Lucia ist die Familie zumindest gesetzlich krankenversichert, die Kosten würden durch das staatliche Kindergeld beglichen, sagt Fellmer. "Wenn wirklich mal etwas passieren sollte, ist so alles in trockenen Tüchern."
Die Bewegung des Containerns - ihre Anhänger nennen sich auch Mülltaucher - entstand Mitte der 90er Jahre in den USA. In Städten wie New York gab es dort sogar eigene "Trash Tours", Container-Führungen für Neulinge in dieser Szene.
Rechtlich ist das Containern hierzulande heikel: Seine Anhänger können wegen Hausfriedensbruchs oder gar Diebstahls belangt werden. Selbst Abfall hat juristisch einen Eigentümer, auch wenn derartige Verfahren oft wegen Geringfügigkeit eingestellt werden.
So sorgte Anfang des Jahres ein Fall in Lüneburg für Schlagzeilen. Im sogenannten "Keks-Prozess" stand dort ein 52-Jähriger vor Gericht, weil er abgelaufene Kekse aus dem Container einer Konditorei geholt hatte. Dazu war er über einen Zaun geklettert und vom Wachpersonal gestellt worden.
Die Firma hatte ihn zunächst wegen Hausfriedensbruchs angezeigt - der Mann wurde zu 125 Euro Geldstrafe verurteilt. Bei der Berufung vor dem Landgericht hielt die Konditorei nicht mehr an der Anzeige fest, da kein Schaden entstanden sei. So wurde der Mann freigesprochen.
Quelle: dpa , t-online.de
Pretzi schrieb:
am 15. April 2012 um 18:48:34
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Fellmer
Tut mir leid, Herr Fellmer ist einer der ewig Gestrigen. Seine Aktion ist doch Schnee von gestern, grüne Philosohie der Anfänge.
Kein Kind wird auf dieser Welt vor dem Hungertod gerettet, wenn wir sorgfältiger mit Nahrungsmitteln umgehen - nur unserer Landwirtschaft geht es noch schlechter! Wir haben in Europa keine Wasserknappheit und keine Nahrungsmittelknappheit und schon gar keine kubanischen Verhältnisse! Man sagt es uns nur ab und zu, um die Preise dafür hoch zu halten!
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Georg Peither schrieb:
am 15. April 2012 um 11:35:06
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Wer weiß es noch - vor weniger als 50 bis 100 Jahren?
Mein Urgroßvater ist noch verstorben, da er nicht ausreichend Kleidung hatte. Die
Familie hat jedes Jahr von Herbst bis Frühjahr gebangt, da sie nicht wussten, ob sie diese Zeit mangels Essen überstehen. Die Familie hatte eine kleine Landwirtschaft und alle Kinder, ab der frühesten Kindheit, mussten dafür schwer arbeiten. Der Familie väterlicherseits ging es schlimmer, der Boden war noch karger. Meine höchste Hochachtung vor denen, die uns den Wert von Leben und Lebensmitteln nahe bringen!
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Maria schrieb:
am 15. April 2012 um 10:53:07
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Fellmer
@Edgar Wetzig 9:44 Uhr
Danke für diesen kompetenten Beitrag! Sie sprechen mir aus dem Herzen.
An viele andere: Ich habe nirgendwo
gelesen, dass Herr F. ausschließlich schnorrt und kein Geld für seine Vorträge erhält.
Anderes Thema: Sollte man alteingesessene Glaubensgemeinschaften, die ihre Ideale im Beten sehen und gegen Spenden für andere Menschen beten, auch als Schnorrer etc. bezeichnen und auf ihnen rumhacken? Wer andere nicht respektieren kann,wie sie sind, ist auch unsozial!
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