05.03.2008, 18:57 Uhr | Spiegel Online
Ikea: Namensgebung reiner Zufall (Foto: ddp) In Dänemark kochen die Emotionen gegen Ikea hoch: Forscher haben herausgefunden, dass das schwedische Möbelhaus nur Fußmatten und billige Auslegeware nach dänischen Orten benennt - Edel-Möbel dagegen tragen schwedische Namen. Jetzt sinnen stolze Dänen auf Rache.
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Namen statt Bestellnummer
Schon viele haben versucht, dem Phänomen Ikea auf die Spur zu kommen. Das schwedische Möbelhaus schafft es wie kein zweiter Konzern von Weltrang, sich mit einer Aura der Leichtigkeit zu umgeben. Die Ikea-Leute pflegen den unkonventionellen Auftritt, sei es in der Werbung oder in der Gestaltung der Möbelhäuser. Auch bei der Namensgebung für ihre Produkte geben sie sich mehr Mühe als andere. Ein Gardinenring ist nicht einfach mit einer schnöden Bestellnummer gekennzeichnet, sondern heißt "Adele". Ein Stuhlkissen nennen sie "Amalia". Einen Spargeltopf findet man im Sortiment, wenn man nach "Seriös" sucht. Und wenn man den Namen "Smaka" hört, denkt man gleich an Käsehobel. Doch nicht jeder lässt sich von der entspannten Lautmalerei anstecken. In Webforen, wie etwa www.supertopic.de, analysiert ein Blogger ganz nüchtern die Systematik, die hinter der Namensgebung steckt: Polstermöbel, Bücherregale und Multimediamöbel zum Beispiel heißen wie schwedische Städtchen, für Betten, Garderoben oder Flurmöbel standen norwegische Örtchen Pate. Stühle und Esstische wiederum tragen Namen finnischen Ursprungs. Nichts ist zufällig bei Ikea - und schon gar nicht leicht.
Dänische Namen nur für "mindere" Produkte
Das finden auch die Dänen - und sie sind tief verletzt. Gleich zwei Wissenschaftler, Klaus Kjöller von der Universität Kopenhagen und Tröls Mylenberg von der Süddänischen Universität, kamen nach einer eingehenden Untersuchung der Namensgebung im Ikea-Katalog zu dem Ergebnis, dass die schwedischen Namen für die "besseren" Produkte vorbehalten sind, für Betten gebe es immerhin noch norwegische Namen. Und nur für die "minderen" Produkte dänische Bezeichnungen wie etwa "Roskilde" oder "Köge". "Fußabstreifer und Läufer und billige Auslegeware sind drittklassig, wenn nicht siebentklassig bei einer Wohnungseinrichtung", wird Kjöller in der dänischen Gratiszeitung "Nyhedsavisen" zitiert. Tiefer als ein Bodenbelag gehe es ja eigentlich gar nicht. Er warf dem Möbelhaus "schwedischen Imperialismus" vor.
Eine Debatte entbrennt
Den beiden gelang es tatsächlich, mit ihrer finsteren Auslegung eine Debatte in Dänemark loszutreten. Kjöller und Mylenberg schlügen zu Recht Alarm, finden nicht wenige Dänen. Zwar habe keiner bislang die unverschämte Herabsetzung der dänischen Nation durch den schwedischsten aller Konzerne bemerkt, heißt es in einem Leserbrief. Aber bei einem solch durchorganisierten Riesenunternehmen wie Ikea müsse es Absicht sein, dass dänische Orte für Fußabtreter stehen. Schließlich habe der Konzern eigens Vollzeitmitarbeiter für die Namensgebung seiner Produkte angestellt, die alle neuen Produktnamen mehrmals nach Schwachstellen für den Verkauf auf weltweite Verträglichkeit abklopften. Natürlich rief die Veröffentlichung auch Spötter auf den Plan, die sofort einen Warenboykott ins Spiel brachten - um die Idee dann gleich wieder zu verwerfen: Eine wirkliche Alternative zu dem großen Einrichtungshaus gebe es ja nicht im Lande. Doch nicht alle Dänen sehen das so locker. Auch Kjöller selbst findet, dass man das Ganze nicht ernst genug nehmen kann. Dänemark sei durch die herabsetzende Ikea-Namensgebung im übertragenen Sinne Fußabtreter des wirtschaftlich und bevölkerungsmäßig größeren Nachbarlands, schimpft er.
Starke Rivalität zwischen beiden Staaten
Die Empfindlichkeit der Dänen lässt sich durchaus erklären - das zeigt schon ein Blick in die Geschichte, die von starker Rivalität der beiden Staaten geprägt ist. Verlierer in diesem ewigen Wettstreit waren dabei häufiger die Dänen. So gehörte das reiche Norwegen einst den Dänen, bis es ihnen die Schweden abjagten und erst vor gut hundert Jahren in die Unabhängigkeit entließen. Auch das südschwedische Schonen - hierzulande vor allem bekannt aus Henning Mankells Krimiserie "Wallander" - war einst dänisch, und selbst heute noch fordern die indirekt an der bürgerlichen Regierung des Landes beteiligten und stimmenstarken dänischen Rechtspopulisten einen Rückanschluss dieser Region am Öresund. Selbst die ungefähr gleich großen Hauptstädte Stockholm und Kopenhagen wetteifern seit jeher miteinander. Wer auf dem Stockholmer Flughafen ankommt, steht unmittelbar vor einer riesigen Werbetafel, die jeden Zweifel ausräumen soll: "Welcome to the Capital of Scandinavia". Manch einen Dänen bringt schon diese "Anmaßung" in Wallung: Schließlich sei gerade Kopenhagen und die dazugehörige Öresundregion mit Abstand die erfolgreichste wirtschaftliche Boomregion Skandinaviens.
"Namensgebung reiner Zufall"
Ironie des Schicksals: Die Konzernzentrale von Ikea ist in Schonen angesiedelt, dort wo Ikea-Gründer Ingvar Kamprad einst mit einer kleinen Möbelfertigung begann. Wäre die Geschichte also anders verlaufen, so wäre der Möbelkonzern heute dänisch. In Schonen wehrt man sich im Übrigen vehement gegen die Kritik der Nachbarn. "Dass wir das absichtlich so gemacht haben, ist Unfug. Das war reiner Zufall, und es ist inzwischen schon viele Jahrzehnte her", sagte Ikea-Pressechefin Charlotte Lindgren. Die Mitarbeiterin, die irgendwann einmal Fußbodenbeläge mit dänischen Namen versehen hat, sei inzwischen schon längst im Ruhestand. "Die Kritiker scheinen die Bedeutung von Fußbodenbelägen sehr zu unterschätzen", fügt sie hinzu. "Das sind doch grundlegende Einrichtungsbestandteile. Wir machen dänische Ortsnamen weltweit mit unseren Produkten bekannt. Das ist doch positiv." Im Prinzip will man aber locker bleiben und kein weiteres Öl ins Feuer gießen. Es sei natürlich nicht ausgeschlossen, dass Ikea auch mal eine andere, etwas weniger grundlegende Produktsparte auf dänischen Namen tauft, deutet Lindgren an.
Rache mit Leichtbier
Doch diese Aussicht befriedigt längst nicht alle Kritiker jenseits des Öresunds. Sie sinnen auf Rache - und wollen die Schweden dort treffen, wo es ihnen richtig weh tut. Die Brauerei Carlsberg zum Beispiel könne doch eines ihrer Leichtbiere auf einen schwedischen Namen taufen, lautet ein Vorschlag. Denn nichts mögen die Schweden weniger als Leichtbier. Die fade Biersorte ist der einzige Alkohol, den man in Schweden außerhalb der sehr begrenzten Öffnungszeiten der staatlichen Alkoholverkaufsstellen kaufen kann.
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