07.10.2009, 13:49 Uhr | t-online.de/business
Mercedes Benz-Stern (Foto: dpa)
Im Büro Privates verheimlichen, lügen, mit wem man in Urlaub fährt - viele homosexuelle Beschäftigte kennen diese oft jahrelange Qual. Trotz der Leidenszeit schrecken viele vor einem Coming-out in der Firma zurück. Zu groß ist die Angst, verspottet, gemobbt, diskriminiert zu werden oder die Karriere zu riskieren. Einige Firmen haben da inzwischen Handlungsbedarf gesehen - darunter Daimler: Bei dem Stuttgarter Autobauer ging jetzt ein offizielles schwul-lesbisches Mitarbeiternetzwerk an den Start.
Aus einer schon länger bestehenden privat organisierten Gruppe schwuler Daimler-Mitarbeiter entstand das Netzwerk GL@D - gesprochen "glæd" für Gay Lesbian Bisexual Transgender at Daimler. Das Unternehmen unterstützt das Netz, das zurzeit etwa 40 Mitglieder aus dem Raum Stuttgart hat, indem es einen direkten Link im Intranet und eine E-Mail Adresse bereitstellt.
Das Netzwerk will Homosexuelle mit all ihren Problemen am Arbeitsplatz unterstützen. "Wir wollen keine Betroffenengruppe sein. Wir sind offen für Menschen jeder sexuellen Identität. Wir sind keine Paradiesvögel. Man sieht uns nicht an, dass wir homosexuell sind. Wir sind ganz normal", sagte Netzwerk-Koordinatorin Johanna Kösler gegenüber jetzt.sueddeutsche.de.
Es gehe viel Energie und Arbeitskraft verloren, wenn sich jemand verstecken müsse oder unwohl fühle, so Kösler. "Wir möchten die Leute zu mehr Transparenz ermutigen, aber natürlich niemanden zum Outing zwingen“, so die Netzwerkerin. Sie habe bisher aber nur positive Berichte von anderen Kolleginnen und Kollegen gehört, die offen mit dem Thema Homosexualität umgingen. "Wir sind offen für alle, die sich für das Thema interessieren“, betonte Kösler. Ihr Hilfsangebot richtet sich auch an Führungskräfte, Personalbetreuer und Betriebsräte.
Die GL@D-Gründungsmitglieder stammen aus allen Unternehmensbereichen. Allerdings sind laut der Initiatorin deutlich weniger Leute aus der Produktion dabei. Dort sei die Furcht vor Mobbing oder Diskriminierung offenbar noch stärker. Außerdem habe sich bisher noch niemand von den leitenden Führungskräften als homosexuell geoutet. „Es ist immer noch eine Karrierebremse“, sagte Kösler laut einem Bericht der Nachrichtenagentur ddp.
Kösler kennt die Angst, aufgrund der sexuellen Neigung abgelehnt zu werden. Vor sieben Jahren, erklärte sie gegenüber sueddeutsche.de, habe sie bei Daimler angefangen. Aber erst nach drei Jahren habe sie sich getraut, ihren Kollegen zu sagen, dass sie lesbisch sei. "Mehr als die Hälfte der Schwulen und Lesben verschweigen ihre sexuelle Identität am Arbeitsplatz aus Angst, diskriminiert, verspottet oder angefeindet zu werden", so Kösler. Unterstützung ist also notwendig. Kösler berichtet etwa von einem Mitarbeiter, dessen Arbeit nach seinem Coming-out plötzlich bemängelt wurde und er deshalb die Abteilung wechselte.
Hilfestellung ist in vielen schwierigen Situationen gefragt. Wie reagiert man zum Beispiel am besten, wenn man auf den Partner oder die Partnerin angesprochen wird? Was tun, wenn ein Kollege Schwulen-Witze reißt? Was kann eine Führungskraft machen, um ein offenes, aber dennoch leistungsorientiertes Arbeitsklima zu fördern?
Mut gehört auf jeden Fall dazu, zu seiner homosexuellen Orientierung zu stehen. Jörg Sikorski, Entwicklungs-Projektleiter bei Daimler und ebenfalls GL@D-Netzwerker, hat es Ende der 90er Jahre gewagt, sich zu outen. Das schaffen gemäß einer Studie des Kölner Beraters Dominic Frohn nur etwa 40 Prozent aller homosexuellen Mitarbeiter. Die Mehrheit schweigt - und das laut der Untersuchung aus gutem Grund: Über 70 Prozent der insgesamt 2230 befragten Schwulen und Lesben in Deutschland gaben demnach an, schon einmal diskriminiert worden zu sein.
Solche Zustände zu beenden, sollte auch im Interesse der Unternehmen sein. Gemessen an der Zahl der Erwerbstätigen bildeten homosexuelle Beschäftige zwar eine Minderheit, aber eine ökonomisch relevante, zitiert jetzt.sueddeutsche.de eine Sprecherin des Lesben- und Schwulenverbands in Deutschland (LSVD). "Wer sich am Arbeitsplatz nicht integriert und respektiert fühlt, identifiziert sich weniger mit der Firma und arbeitet schlechter", so die LSVD-Sprecherin.
Die Idee, ein Netzwerk zur Unterstützung homosexueller Mitarbeiter anzubieten, ist nicht ganz neu. Vorreiter war laut faz.net der Autokonzern Ford, der bereits Ende der 90er Jahre mit dem Netzwerk Globe einen großen Schritt in Richtung Gleichbehandlung tat. Eingetragene Partnerschaften sind demnach klassischen Ehen sowohl bei Einkaufsrabatten wie bei der Betriebsrente gleichgestellt. Ähnliche Netzwerke gibt es auch bei IBM (Eagle), bei der Telekom (Queerbeet) und beim Softwarehersteller SAP (HomoSApiens). Bei der Commerzbank heißt das entsprechende Forum arco, bei der Deutschen Bank Rainbow. Die Volkswagen Bank nennt ihre schwul-lesbische Interessenvertretung Queerdirect.
Wer im Job wegen seiner sexuellen Orientierung gemobbt oder diskriminiert wird, kann sich auch an regionale Hilfsstellen wenden. Zudem setzen sich die Gewerkschaften für die betriebliche und gesellschaftliche Gleichstellung von lesbischen Frauen und schwulen Männern ein, ver.di zum Beispiel im Arbeitskreis Lesben und Schwule.
Der Mut, sich zu outen, wird offensichtlich belohnt. Kösler und Sikorski haben ihre Lebenspartner im Sommer geheiratet - und viele Glückwunsche und Geschenke von den Kollegen erhalten.
t-online.de/business
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