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Der Börsengang lohnt sich häufig nicht

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Schnell wieder runter vom Börsenparkett

08.02.2012, 15:56 Uhr | Financial Times Deutschland

Skeptischer Blick auf die Marktbewegungen (Foto: dapd)

Skeptischer Blick auf die Marktbewegungen (Foto: dapd)

Kerngesund und trotzdem abgestraft: In Krisenzeiten bereuen viele Unternehmen den Gang an die Börse schnell wieder. Am Ende bleibt nur noch die Flucht vom Parkett.

Hymer trotz guter Geschäfte abgestraft

Für Erwin Hymer muss es ein Albtraum gewesen sein. Machtlos musste er mit ansehen, wie sein Vermögen, ja sein Lebenswerk dramatisch an Wert verlor. Die Aktien des 1956 im schwäbischen Bad Waldsee gegründeten Wohnmobil-Herstellers, mehrheitlich Eigentum der Familie des heute 81-jährigen Firmenpatriarchen, stürzten nach Beginn der Finanzkrise 2008 auf 12,50 Euro ab, wenige Monate zuvor hatte das Papier noch bei fast 70 Euro notiert. Und das, obwohl Hymer  stark und stabil durch die Krise steuerte. Doch die von Spekulanten in New York, London und Frankfurt angefachte Hysterie erfasste auch das Traditionsunternehmen aus der Provinz.

Nie wieder sollte so etwas geschehen, beschloss Erwin Hymer und kaufte sein Unternehmen, das 1990 an die Börse gegangen war, vergangenes Jahr zurück. Seit November gehören ihm und seiner Familie wieder mehr als 98 Prozent des Konzerns, der 2010 mit 2600 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von rund 700 Millionen Euro erzielte. Demnächst wird die Hymer AG vom Kurszettel verschwinden. Dann brechen wieder ruhigere Zeiten an für den Senior. Statt sich auf Hauptversammlungen über renitente Aktionäre und Investoren zu ärgern, kann er Ende Februar wieder entspannt die schwäbische "Fasnet" feiern - ein bisschen gute alte Zeit.

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Ernüchterung nach dem Börsengang

Auch viele andere Unternehmer, die einst begeistert an die Börse gingen, sind längst ernüchtert. Die vergangenen zehn Jahre waren gekennzeichnet von heftigen Turbulenzen an den Kapitalmärkten: New-Economy-Crash 2001 bis 2003, Finanzkrise 2008/09, Schuldenkrise 2011. Selbst kerngesunde Firmen wurden von den Börsianern immer wieder abgestraft. So mancher Unternehmer ergreift daher wieder die Flucht von der Börse. Zu groß erscheinen vielen die Nachteile der Börsennotiz. Der Ärger fängt an mit nerviger Bürokratie und endet bei aufmüpfigen Kleinanlegern, mit denen sich die Unternehmer herumschlagen müssen. "Daran können sich vor allem Familienunternehmer, die zuvor frei schalten und walten konnten, schwer gewöhnen", sagt Harald Gesell, Aktienrechtler bei der Kanzlei Oppenhoff & Partner in Köln.

Nun wollen viele wieder runter vom Parkett, gerade zur rechten Zeit. Der Zeitpunkt für den Börsengang ist günstig, wie das Beispiel Hymer zeigt. Da die Aktienmärkte in der zweiten Jahreshälfte 2011 wegen der eskalierenden Schuldenkrise Verluste erlitten, erschienen die von der Erwin Hymer Vermögensverwaltungs AG (EH) gebotenen 45,50 Euro pro Aktie den meisten Anteilseignern attraktiv. Zudem musste Hymer nur die vergleichsweise niedrige Summe von 36 Millionen Euro für den börsennotierten Firmenanteil von 22 Prozent aufbringen, um wieder die volle Kontrolle zu übernehmen.

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Schnellere Entscheidungen ohne Börse

Hymer hat den Spieß also erfolgreich umgedreht und die niedrigen Bewertungen für seine Zwecke genutzt. Das Unternehmen habe in Familienhand deutlich bessere Wachstumschancen, sagt EH-Vorstand Johannes Stegmaier: "Wir haben künftig andere Entscheidungsstrukturen und können deutlich schneller auf neue Entwicklungen reagieren."

Langwierige Entscheidungsprozesse sind einer der wesentlichen Nachteile von Aktiengesellschaften. Selbst wenn ein Großaktionär mehr als 75 Prozent hält und somit keine Blockaden fürchten muss, drohen Verzögerungen. So muss der Aufsichtsrat wichtigen Maßnahmen zustimmen, was wegen viel beschäftigter Mitglieder bisweilen "einen erheblichen zeitlichen Vorlauf" erfordere, sagt Experte Gesell. Zudem könnten Aktionäre Hauptversammlungsbeschlüsse durch Anfechtungsklagen blockieren.

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Dividende gespart

Ein weiteres Hemmnis für die freie Entscheidung des Unternehmers: Börsennotierte Unternehmen müssen ihren Anteilseignern vernünftige Dividenden zahlen, damit der Kurs stabil bleibt. Hymer möchte künftig aber lieber wieder nach eigenem Gutdünken entscheiden, was er mit dem Gewinn anstellt. "Unternehmen, die vollständig in Familienbesitz sind, schütten in der Regel weniger aus und stärken damit die Innenfinanzierung", sagt Gesell.

Die Vorzüge eines "Going Private" haben auch die Milliardärin und Quandt-Erbin Susanne Klatten überzeugt. Nach 33 Jahren holte die Bad Homburger Investorin 2010 das Chemieunternehmen Altana mit 5000 Mitarbeitern und 1,5 Milliarden Euro Umsatz von der Börse. Zunächst hatte sie ihre Anteile peu à peu auf 95,04 Prozent aufgestockt, um die restlichen Aktionäre gegen eine Zwangsabfindung hinauszudrängen ("Squeeze-out"). Dies ist ab 95 Prozent möglich. Auch bei zahlreichen anderen Unternehmern dürfte der Wunsch groß sein, wieder die volle Kontrolle zu übernehmen. Doch oft ist dies keine Option, weil sie zu viele Aktien platziert haben und ein Rückkauf zu teuer wäre.

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Renitente Aktionäre

Zu den Unternehmern, die mit der Börsennotiz hadern, gehört auch Martin Stürner, Vorstandschef von PEH, einem bankenunabhängigen Finanzdienstleister. Seit zwei Jahren schlägt sich Stürner mit Aktionären um den umstrittenen Investor Swen Lorenz herum, die ihn entmachten wollen - und denen dabei, so scheint es, fast jedes Mittel recht ist. Sie kritisieren Stürmer in Internetforen und greifen ihn auf Hauptversammlungen an. Der Dauerbeschuss, so Stürner, habe Nerven gekostet. "Ich habe es zeitweise bereut, in den 90er-Jahren den Schritt an die Börse gewagt zu haben." Zumal der nicht unbedingt nötig gewesen sei. "Wir brauchten damals kein frisches Kapital", sagt Stürner.

Es sei vielmehr darum gegangen, Topleute aus der Finanzbranche als Führungskräfte zu gewinnen. "Das ist deutlich einfacher, wenn man ihnen Aktienoptionen anbieten kann." Stürner vermutet, dass Lorenz und dessen Mitstreiter die Kontrolle übernehmen und PEH gewinnbringend zerschlagen wollten. Das Beispiel zeigt: Wer sich zu weit aufs Börsenparkett gewagt und zu viele Aktien verkauft hat, muss mit den teils unkalkulierbaren Folgen leben.

Zu viel Bürokratie in der AG

Auch die Bürokratie, die eine Börsennotiz mit sich bringt, kostet Nerven und Geld. So bindet allein das Verfassen und Veröffentlichen der Quartalsberichte erhebliche interne Ressourcen. Hinzu kommen Ausgaben für spezialisierte Anwälte, denn wer nicht laufend prüfen lässt, ob er seine Informationspflichten erfüllt, muss mit Schadensersatzklagen von Aktionären rechnen.

Ärger mit ihren Anteilseignern müssen Unternehmen auch nach dem Abschied von der Börse fürchten. Wenn Hymer etwa in den nächsten Wochen das Delisting beantragen wird, dürfte der eine oder andere Aktionär auftauchen, der dagegen klagt - in der Hoffnung, für seine Aktien noch ein höheres Abfindungsangebot herauszuholen. "Wir sind gespannt, wer dann aus der Deckung kommt", heißt es im Hymer-Lager. Es wird zwar das letzte Mal sein, dass Kleinanleger querschießen können. Aber erst danach hat Patriarch Hymer endlich seine Ruhe.


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Kommentare (7)

zum Forum

Thema: "Der Börsengang lohnt sich häufig nicht"

Anleger schrieb: am 9. Februar 2012 um 14:12:48
(0) (0) Börse ist nicht das Schlechteste
Deutschlands Aktienkultur liegt am Boden, die Leute haben aus unterschied-lichen Gründen kein Interesse
(mehr) an Aktien, leider. Die Geldanlage Aktie setzt voraus, dass ich mich mit dieser Thematik beschäftige. Aber Dschungelkamp, Bachelor, Facebook und Schnäppchen jagen sind vielen wichtiger. Die Aktien werden deshalb u. a von ausländischen Investoren gekauft und der deutsche Schnäppchenjäger läuft im Hamsterrad, bis die Musik zu Ende ist. Aber jeder kann selbst entscheiden, was ihm wichtig is
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hase schrieb: am 9. Februar 2012 um 08:27:18
(3) (3) Börse
Es wird Zeit, Aktien und Börse per Gesetz zu verbieten und jegliche Zuwiderhandlung mit schwersten Strafen zu belegen ! Geld
verdienen ohne dafür zu arbeiten ist unmoralisch. Es schädigt die gesamte Volkswirtsachaft und dient nur der Bereicherung einer kleinen Horde von Kriminellen. Schiebt diesen Typen endlich einen Riegel vor - aber einen der erst nach 20 Jahren wieder öffnet !
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CONNY schrieb: am 9. Februar 2012 um 05:15:00
(4) (0) kauf einer beteiligung an einem unternehmen
wenn ich aktien kaufe,dann als langfristige beteiligung an einem guten unternehmen+dividende.das
ist leider die ausnahme.nur zocken ist heute angesagt.D hat keine aktienkultur,aber das ist seit langem bekannt,weil die überwiegende mehrheit geiz ist geil-mentalität hat,u.nur die schnelle mark im auge hat -für mich wenig klug.keine änderung in absehbarer zeit in sicht. nur der,der im unternehmen des vaters gelernt hat,was dieser ein leben lang geleistet hat-wird sich so entscheiden-wie ich.
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