
03.02.2011, 16:02 Uhr | Spiegel Online
Spiegel: Preise in Deutschland müssen steigen (Foto: Archiv)
Eins-Komma-Neun-Sieben! Jean-Claude Trichet beharrt auf dem exakten Wert: 1,97 Prozent - das war die durchschnittliche Inflationsrate im Euro-Raum, seit die gemeinsame Währung 1999 eingeführt wurde. Und wir haben sie geliefert! Diese Botschaft will der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) verbreiten. Schließlich hat sich die EZB das Ziel gesetzt, die Inflationsrate dauerhaft "unter, aber nahe zwei Prozent" zu halten. Das sei exakt gelungen, sagt Trichet.
Es wäre ein Wunder, wenn das gewohnte Maß an Preisstabilität auch künftig erreicht würde. Insbesondere in Deutschland dürften sich deutlich höhere Inflationsraten etablieren. Bislang stiegen hierzulande die Preise unterdurchschnittlich - um 1,5 Prozent in den ersten zwölf Jahren der Euro-Ära. Das kann nicht so bleiben.
Warum? Weil eine höhere Inflation im wettbewerbsstarken Deutschland der inneren Logik der Währungsunion entspricht. Weil die Euro-Zone, so wie sie gebaut ist, auseinanderbrechen würde, falls in Deutschland auch weiterhin strikte Preisstabilität herrscht. Darüber redet bislang kaum jemand. Verständlicherweise. Zu unpopulär ist Inflation, gerade in Deutschland.
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Aber eins nach dem anderen. Die Schuldenkrise, die vor allem die Euro-Südstaaten erschüttert, resultiert nicht aus der Finanzkrise und der folgenden Rezession - das waren nur Symptome eines tiefliegenden Problems -, sondern aus einem nachhaltigen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit. Spanien und Co. sind zu teuer: Ihre Produktivität ist zu niedrig, und die Preise sind in den vergangenen zwölf Jahren schneller gestiegen als in "Kern-Europa", also in Deutschland, Benelux, Österreich.
Lohnstückkosten um 20 Prozent senken
Früher, vor Beginn der Euro-Union, hätten die südeuropäischen Staaten einfach ihre Währung abgewertet. Doch innerhalb der Euro-Zone ist diese Abkürzung auf dem Weg zur Wettbewerbsfähigkeit versperrt. Nun muss es eine "reale Abwertung" richten. Das ist die europäische Strategie: staatliche Leistungen kürzen, Schulden abbauen, Wettbewerbsfähigkeit gewinnen, Kosten senken - so wie es Deutschland über Jahre vorgemacht hat.
Aber "reale Abwertung" ist ein relatives Konzept: Preise und Löhne in den wettbewerbsschwachen Ländern müssen langsamer steigen als in den wettbewerbsstarken. Umgekehrt heißt das: In wettbewerbsstarken Ländern, besonders in Deutschland, das seit Jahren hohe Außenhandelsüberschüsse einfährt, müssen Preise und Löhne deutlich stärker steigen als im Rest des Euro-Gebiets. Wir müssen gegenüber den Euro-Partnern an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Andernfalls kommen Spanien und Co. nie auf die Beine.
Hinter dem technischen Begriff "reale Abwertung" verbirgt sich eine Aufgabe monströser Größenordnung: Die Lohnstückkosten in Südeuropa müssten um 20 Prozent und mehr sinken - so groß ist der Rückstand gegenüber Deutschland. Ob die betroffenen Gesellschaften einen derart herben Wohlstandsverlust ohne weiteres bereit sind hinzunehmen, ob die entsprechenden Kostensenkungen politisch durchsetzbar sein werden, das sind offene Fragen.
Deutsche Mini-Inflation erschwert Schuldenabbau in Krisenländern
Klar ist allerdings, dass der Prozess der realen Abwertung für die heutigen Problemländer leichter zu bewerkstelligen sein wird, falls die Überschussländer mehr Inflation zulassen. Sollte Deutschland auch in den kommenden zehn Jahren eine durchschnittliche Inflationsrate von lediglich 1,5 Prozent haben, müssten in Spanien, Portugal und anderswo Löhne und Preise nominal sinken, um die erforderlichen relativen Kostenverbesserungen zu realisieren. Ob es allerdings bei einem derart deflationären Kurs möglich ist, Schulden abzubauen, ist mehr als fraglich. Möglich, dass sich die Problemstaaten in eine üble Schuldendeflation ("debt deflation") verstricken, so dass die steigende reale Schuldenlast das Wirtschaftsleben erdrückt.
Hingegen wären bei Inflationsraten von fünf bis zehn Prozent in Deutschland die Südländer viel leichter in der Lage, Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen. Sie könnten dann mit Preissteigerungsraten um die zwei Prozent deutlich und rasch eine reale Abwertung hinbekommen und dadurch die Wirtschaft ankurbeln.
Um nicht missverstanden zu werden: Dies ist kein Plädoyer für eine davontrabende Inflation in Deutschland. Es geht darum, zu analysieren, wie die Währungsunion unter den heutigen Bedingungen funktioniert. In diesem Rahmen gibt es letztlich nur einen Mechanismus, um Divergenzen bei der Wettbewerbsfähigkeit auszugleichen. Und dieser Mechanismus läuft über Preise und Löhne.
Die Alternative ist eine klare Transferunion
Gibt es keine Alternative? Doch: Direkte Milliarden-Transfers von den Überschuss- in die Defizitländer. Deutsche Steuerzahler müssten also bereit sein, viele Milliarden Euro in die Problemländer zu überweisen. Die meisten Währungsunionen funktionieren so: Durch einen automatischen fiskalischen Mechanismus finden interregionale Ausgleichszahlungen statt, beispielsweise über eine zentralstaatliche Arbeitslosenversicherung. In den USA ist das so, und in der alten D-Mark-Bundesrepublik war es nicht anders.
Europa allerdings ist längst nicht so weit. So wie die Dinge stehen, müssen sich die Deutschen also auf deutlich erhöhte Inflationsraten einstellen. Und da die Bundesrepublik die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone ist, wird es für die EZB schwierig, an ihrem Knapp-unter-zwei-Prozent-Ziel festzuhalten. Aber dieses Ziel hat sich die EZB selbst gesetzt - sie kann es jederzeit ändern. Die EU-Verträge verpflichten die Euro-Bank lediglich auf das Ziel der "Preisstabilität". Und das ist ein dehnbarer Begriff, gerade in Zeiten der Schuldenkrise.
Quelle: Spiegel Online
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