16.08.2009, 12:48 Uhr | Financial Times Deutschland
Schweißer finden trotz Krise einen Job (Quelle: imago)Die Wirtschaftskrise kann einigen Berufszweigen nur wenig anhaben. Manche Arbeitnehmer finden leichter einen Job als andere. Das liegt unter anderem an der alternden Gesellschaft - und unseren komplizierten Steuergesetzen. Wir nennen die chancenreichsten Berufe - klicken Sie sich rein! #
Rund 3,5 Millionen Arbeitslose gibt es in Deutschland, Experten warnen vor einem Anstieg der Zahl, sollten im Herbst Tausende aus der Kurzarbeit in die Erwerbslosigkeit wechseln. Die Zahl der Jobangebote sank im ersten Halbjahr drastisch, der größte Personalvermittler Adecco rutscht in die Verlustzone: Vom Arbeitsmarkt kommen derzeit düstere Nachrichten.
Es gibt aber auch Lichtblicke, zumindest für Menschen mit speziellen Berufen. Laut Bundesagentur für Arbeit waren im Juli 480.000 Stellen in Deutschland offen. Ein Teil davon dürfte über die großen Zeitarbeitsfirmen Randstad, Adecco und Manpower, aber auch kleinere Regional- und Spezialanbieter vermittelt werden.
Nachfrage zieht an
Randstad habe derzeit 4488 offene Jobs bundesweit im Angebot, sagt eine Unternehmenssprecherin. Zwar sei dies deutlich weniger als in den Vorjahren, wo es auch schon mal 6000 oder 7000 Stellen auf einmal gewesen seien. Die Lage am Arbeitsmarkt sei derzeit aber auch nicht aussichtslos. Auch der in Deutschland kleinere Konkurrent Manpower berichtet von tagesaktuell 2100 offenen Stellen. Die Nachfrage nach Mitarbeitern ziehe an, sagt Kerstin Hattar, Mitglied der Manpower-Geschäftsleitung.
Sozial- und Gesundheitsberufe: Offene Stellen
"Als Altenpfleger mit Zertifizierung bekommen Sie sofort einen Job", heißt es bei Randstad. 400 offene Stellen in Sozial- und Gesundheitsberufen zählt derzeit allein dieser Personaldienstleister. Deutschlandweit dürften zudem etliche Jobverträge ohne Vermittler geschlossen werden. Auch Manpower berichtet von einer verstärkten Nachfrage nach Pflegepersonal. Vor allem im Gesundheitsmarkt gebe es Berufe mit Zukunft.
Pfleger meist nur mit Ausbildung
Tendenziell gebe es hierzulande zu wenig Altenpfleger, sagt die Randstad-Sprecherin. Trotz der großen Nachfrage sei es für Unqualifizierte allerdings so gut wie unmöglich, in Pflegeeinrichtungen eingestellt zu werden. Auf eine fundierte Ausbildung legten die Arbeitgeber großen Wert.
Zeitarbeitsfirmen suchen Facharbeiter und Angestellte
Gern genommen würden nach wie vor Facharbeiter: Schweißer und Schlosser etwa. Kaufmännisches Personal könne mit guten Fremdsprachen- oder SAP-Kenntnissen punkten. Wer flexibel in mehreren Abteilungen einsetzbar sei, werde ebenfalls gern beschäftigt. "Wir suchen vermehrt kaufmännische Angestellte, Produktionsmitarbeiter sowie Facharbeiter im produzierenden Gewerbe", sagt auch Manpower-Managerin Hattar. Aber auch bei Banken ziehe die Nachfrage nach Arbeitskräften langsam an.
Computer-Ärger als zuverlässiger Jobmotor
Eine stabile Nachfrage verzeichnet Randstad auch nach Experten, die Computerprobleme lösen können - also per Hotline genervten PC-Nutzern zur Seite stehen. Für Aufgaben am User-Helpdesk ließen sich Jobsuchende derzeit leicht vermitteln, heißt es bei Randstad. Gefragt seien auch Datenadministratoren und Programmierer.
Arbeitsmarkt für IT-Experten nicht nur rosig
"Auch in der Krise waren bisher Softwareentwickler stark gefragt", bestätigt ein Sprecher bei Bitkom. Der Verband der Hightech-Branche startet Ende August seine große jährliche Umfrage zum IT-Arbeitsmarkt in Deutschland. Jüngste kleinere Befragungen hätten ergeben, dass immerhin ein Drittel der Arbeitgeber IT-Experten einstellen wolle. Allerdings plante auch ein ebenso großer Anteil einen Arbeitsplatzabbau, sagt ein Verbandssprecher. Letzteres zeigt, dass die Lage auf dem Arbeitsmarkt für IT-Experten nicht durchgängig rosig ist - was sich mit den Daten von Adecco deckt. So sprach der Personalvermittler in seinem jüngsten Stellenindex für das erste Halbjahr von einem drastischen Rückgang der Jobangebote bei IT-Dienstleistern und Softwareunternehmen von fast 50 Prozent.
Mehr Jobs als bei anderen Branchen
Dennoch sind IT-Dienstleister zusammen mit Wirtschaftsberatern noch immer diejenigen Arbeitgeber in Deutschland, die am ehesten neues Personal suchen. Adecco zählte immerhin 8518 Jobangebote in Deutschland, ergab die bundesweite Auswertung von Stellenanzeigen in 40 Printmedien, die Basis für Adeccos Stellenindex ist.
Krisenfester Steuerdschungel
Wirtschafts- und Steuerberater suchen ebenfalls noch Mitarbeiter - allerdings zaghafter als 2008. Dass sie von der Wirtschaftskrise vergleichsweise gering betroffen sind, liegt an dem sprichwörtlichen deutschen Vorschriftendschungel. "Da eine Steuerreform mit vereinfachter Gesetzgebung auf sich warten lässt, haben kompetente Consultants gerade in Krisenzeiten gute Konjunktur", stellte Adecco in dem vergangenen Monat veröffentlichten Stellenindex trocken fest. Gesucht würden von den Beratungsunternehmen in erster Linie Steuerfachleute und Wirtschaftsprüfer, häufig mit akademischer Grundausbildung, zudem qualifizierte Buchhalter und Betriebswirte.
Auch die Gastronomie sucht weniger als 2008
Wer ohne Arbeit ist und keinen gefragten Beruf gelernt hat, schaut sich am besten in der Gastronomie und in der Freizeitbranche um - auch wenn hier ebenfalls das Angebot an offenen Stellen im Vorjahresvergleich bundesweit gesunken ist. Adecco spricht von einem Minus von 30 Prozent. Leben kann man von vielen dieser Stellen jedoch nicht - nahezu ein Drittel sind Teilzeit- oder Minijobs. Ob der erhoffte Aufschwung am Arbeitsmarkt tatsächlich in Sicht sei, könne man erst in vier bis fünf Wochen sagen, schätzt die Randstad-Sprecherin. Von einem Ende der Krise wollen auch die Personaldienstleister nicht sprechen - trotz einzelner gefragter Berufe.