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Dialekt und Akzent: Das Aus für die Karriere?

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Dialekt und Akzent: Das Aus für die Karriere?

04.10.2010, 11:30 Uhr | t-online-business

Laptop und Lederhose: Passt das zusammen? (Fotos: imago, Montage: toi)

Laptop und Lederhose: Passt das zusammen? (Fotos: imago, Montage: toi) (Quelle: imago)

"Schaun mer mal", ein geflügeltes und weltweit bekanntes Wort des Fußballkaisers Franz Beckenbauer. Er hat international Karriere gemacht. Bei ihm wirkt Dialekt charmant, doch wie sieht es auf der normalen Karriereleiter aus? Ist die Mundart eine Karriere-Bremse oder vielleicht sogar der richtige Beschleuniger auf dem Weg nach oben? Wir haben Dialekt-Experten befragt und stellen die Tipps für Bessersprecher vor.

Haben Sie heute schon mit der Zunge geschmalzt oder "Daumen-Sprechen" geübt? Auch nicht in purem Hochdeutsch beim Bäcker Brötchen statt Semmeln gekauft? Dann sind ihre Stimmbänder noch nicht richtig gelockert für den dialektfreien Start in den Karriere-Tag. Dialekt abtrainieren, das geht nicht, weiß Sprachtrainerin Ariane Willikonsky, aber Hochdeutsch ins Gepäck packen - das geht und befreit.

Kult oder Karrierebremse?

Sie ist Kult, die geschwäbelte Müsli-Werbung. EU-Spitzenpolitiker Günther Öttinger schwäbelt sogar wenn er englisch spricht - man kann es also weit bringen mit Dialekt. Und doch gilt die Faustregel: Ab einer bestimmten Führungsebene wird Hochdeutsch gesprochen. Muss man sich also eine Mundart mühsam abtrainieren? Nicht unbedingt, sagt die Stuttgarter Sprachtrainerin Ariane Willikonsky. "Das kommt ganz auf die Berufssparte an. Es gibt zahlreiche Branchen, in denen Hochdeutschsprecher kaum eine Chance haben, in anderen wiederum werden Hochdeutschsprecher bevorzugt. So jedenfalls berichten es uns unsere Klienten."

Der Leiter eines bodenständigen Familienunternehmens darf also schwäbeln, der Manager eines internationalen Konzerns nicht? "Dialekt kann eine Karrierebremse sein. Insbesondere dann, wenn internationale Kontakte eine Rolle spielen", weiß Willikonsky. Sabine van den Boom aus der Personalberatung von Bonin verrät: "Das würde natürlich kein Personalentscheider als Grund zugeben, aber unter der Hand ist das immer ein Thema. Ein Top-Entscheider, der nur Dialekt spricht? Nein, das geht gar nicht, sagen dann viele Kunden."

So sprechen Sie locker

Bessersprecherin Ariane Willikonsky hat mit ihrem FON-Institut eine Marktlücke entdeckt, als sie 2003 die ersten Hochdeutsch-Kurse anbot. Die Seminare sind stark nachgefragt. Inzwischen gibt es auch Online-Schulungen per Skype. Das ist der neue Renner im Angebot. Statt als Blockseminar können die Schüler den Stoff auf kleine Happen verteilt einüben. Es geht dabei nicht um Grammatik, sondern um Klang und Intonation.

Anzeichen für Kompetenz?

Ein klares "Jein" antwortet Gabriele von Bonin auf die Frage, ob Dialekt oder Akzent der Karriere schade. "Es kommt auf den Dialekt an. Gerade der aus dem Münchner Raum ist stark akzeptiert, dagegen gilt Sächsisch gar nicht als attraktiv." Berührungsängste und Assoziationen mit dem alten System spielen eine Rolle. Einer lokalen Karriere tut Dialekt sogar gut, auf Führungsebene und im internationalen Raum, sollte der Dialekt nur noch eine Färbung sein. "Es kommt dann sowieso auf die Rhetorik an, sonst wird man nicht ernst genommen", sagt von Bonin. "Aber Lokalkolorit sollte in deutschen Betrieben schon auch Raum finden."

"Es sagt nichts über die fachliche Kompetenz aus", meint Ariane Willikonsky, "aber natürlich wird eindeutig der Kollege bei der Vergabe einer Präsentation bevorzugt, der Hochdeutsch spricht, denn das stellt eine kommunikative Kompetenz dar." Im Klartext: Er hat nicht mehr drauf, kann sich aber geschickter darstellen?

Nett ist nicht immer gut

"Ach, Ihr Dialekt klingt so nett!" Das mag im Urlaub okay sein, aber nicht im Job. "Das ist dieser feine Unterton, der Kieks, der sticht", erklärt Willikonsky.

Die Klischees

Gemütlichkeit und Bauernschläue, aber nicht Weltgewandtheit oder internationale Erfahrung verbindet man mit Mundart. Also nicht die Eigenschaften, die einer klassischen Management-Karriere zuträglich sind. Akzentfreies Hochdeutsch wirkt arrogant - ein anderes Klischee. Professoren beispielsweise, die leichten Akzent sprechen, wirken sympathisch, aber nicht kompetent. Nachrichten, Fakten, das verbindet man mit Hochdeutsch, Emotionen mit Dialekt. Niedrigere soziale Schichten sprechen Dialekt.

Dialektsprecher als Pisa-Gewinner?

Mundartforscher Ludwig Zehetner hat einen ganz anderen Eindruck: Dialektsprecher seien die eigentlichen Pisa-Gewinner, ist er überzeugt, denn sie könnten mühelos zwischen zwei Sprachwelten wechseln - und das von frühester Jugend an. Eine der besten Übungen für spätere geistige Flexibilität und das Sprachenlernen. Uni-Professoren, die zuhause Dialekt sprechen, in stark dialektgefärbten Gegenden ihre Wurzeln haben, sind nicht selten. Doch ihre Vorlesungen sind - wie nicht anders zu erwarten - auf Hochdeutsch.

Ariane Willikonsky und ihr Team des Stuttgarter FON-Instituts erteilen Sprechtraining, unter ihren Klienten sind Kinder genauso wie Manager, Berufseinsteiger, Migranten und Schauspieler. Allerdings nicht Günther Öttinger, für den nämlich hätte sie einige gute Tipps parat. "Wir können alles. Auch Hochdeutsch", ist ihr Motto.

Immer noch großer Bedarf

Hört man sich um auf deutschen Pausenhöfen denkt man, der heutige Berufsnachwuchs spricht eher Rapper-Deutsch als Dialekt. Doch Willikonsky hat einen anderen Eindruck: "Zumindest haben wir sehr viele Anmeldungen zu unseren Kursen und wir können gut davon leben " Der Bedarf scheint vorhanden.

Dabei ist es oft gar nicht der Dialekt, sondern der Akzent. Viele Manager mit Migrationshintergrund kommen zu ihr. Ihre Sprache ist perfekt, keine Probleme mit Grammatik oder Wortschatz, aber ein leichter Akzent bleibt. "Da kommt es auf die Ausrichtung und Akzeptanz des Unternehmens an", beobachtet Personalberaterin von Bonin. Wichtig ist und bleibt: "Die Sprache des anderen zu sprechen und zu verstehen."

Dialekt gezielt einsetzen

Eine Kunst ist es, so Willikonsky, Dialekt gezielt einzusetzen. Als charmantes "Zuckerl" ein Dialekt-Wort eingestreut, das wirkt sympathisch und authentisch. "Ich selbst liebe diese Zuckerle auch! Das lockert die Atmosphäre auf und gibt auch komplexen Sachvorträgen eine persönliche Note", betont Willikonsky, Mit "gnug gschwätzt", leitet die Stuttgarterin beispielsweise die Pause ein und lockert den Sachvortrag auf.

Wann wird die Regionalsprache zum Kult?

Was aber kann Dialekt sogar zum Kult machen? "Mit Dialekt verbinden wir regionale Besonderheiten, das Essen ist hierbei eines der wichtigsten Elemente. Ein Bayer, der seine Mundart spricht, ist der glaubwürdigste Vertreter für Semmelknödel und die schwäbische Alb ist als Getreidehochburg besonders glaubwürdig im Bezug auf ein leckeres Müsli." Das ist das Geheimnis der Authentizität von Werbung.

Hier ist Mundart gefragt

Manchmal sei es geradezu hinderlich und geschäftsschädigend, keinen Dialekt zu sprechen, erklärt Ariane Willikonsky: Ein Handwerker, der sich auf der schwäbischen Alb selbständig machen will und keinen Dialekt spricht, wird sich schwer tun, Kunden zu akquirieren, ebenso die Köchin, die im Biergarten Schweinsbraten und Knödel auf Hochdeutsch anpreisen will. Aber abtrainieren kann man Dialekt nicht, "Das ist als würden Sie jemanden bitten, Ihnen das Fahrradfahren abzutrainieren. Das kann man nicht", weiß Willikonsky. Wichtig ist zu wissen: "Ich habe das Hochdeutsch im Gepäck, wenn ich es brauche." Das befreit und gibt Selbstvertrauen.


Quelle: T-Online

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