21.10.2010, 12:26 Uhr | von Frank Lansky
Gute Nachrichten für die deutschen Erdgas-Verbraucher: Anders als in vorigen Jahren rollt in dieser Heizperiode keine Welle an Preiserhöhungen über das Land. Zwar ziehen auch diesmal einige Versorger pünktlich zum Winter die Gaspreise an. Doch genauso viele senken sie auch. Denn das Angebot steigt - Flüssiggas bricht den Markt auf, wie t-online.de erfuhr. Allerdings gibt es auch einen Wermutstropfen: Erdgas könnte schon längst viel billiger sein, wenn nicht die meisten deutschen Versorger langfristig an teure Zuliefer-Verträge gebunden wären. Wegen der zunehmenden Aufteilung des Marktes in teure und in günstige Versorger gilt: Die Verbraucher sollten unbedingt die Preise vergleichen.
Normalerweise folgt der Preis für Erdgas mit einer Verzögerung von sechs Monaten dem Preis für leichtes Heizöl, wie Jürgen Scheurer vom Verbraucher-Portal Verivox im Gespräch mit t-online.de erläuterte. In diesem Winter sei alles anders - zurzeit löse sich die Bindung von Öl und Gas auf. Würde Erdgas weiter dem Heizöl folgen, müsste es überall 12,5 Prozent teurer sein. "Wir waren zunächst überrascht davon, dass diesmal nicht mehr Anbieter den Erdgas-Preis erhöhen", erläuterte Scheurer. "Allerdings könnte Gas noch billiger sein, wenn die großen Anbieter die Preise komplett an den Verbraucher weitergeben würden."
Tatsächlich ist Erdgas auf dem freien Markt um die Hälfte billiger, als über die Großversorger, wie Eugen Weinberg, Rohstoff-Analyst bei der Commerzbank, im Gespräch mit t-online.de ergänzte. Die meisten Versorger in der Bundesrepublik seien über langfristige Verträge an ihre Lieferanten gebunden. Immerhin nehme die Bereitschaft der Industrie massiv ab, sich an Öl zu koppeln. Immer mehr Firmen gingen an die Spotmärkte.
Gleich drei Faktoren drücken derzeit den Preis für Erdgas auf dem freien Markt: Erstens ist in der Rezession die Nachfrage nach Brennstoffen weltweit gesunken. So rutschte der Gaspreis seit Mitte 2008 von 13,60 Dollar je mmBTU auf zuletzt nicht einmal vier Dollar je mmBTU. mmBTU ist die international gebräuchliche Rechnungseinheit für Erdgas, sie bedeutet Million British Thermal Units – also Millionen britische Thermal-Einheiten. Eine mmBTU sind etwa 26 Kubikmeter Gas.
Zweitens werden in den USA gerade große Vorkommen an Schiefergas erschlossen. Die Vereinigten Staaten hätten durch die neue Technologie der horizontalen Bohrung diese bislang noch nicht gehobenen Vorkommen angezapft, erläuterte Weinberg. Amerika sei also unerwartet zu einem Selbstversorger geworden. Entsprechend hätten sich die bislang auf die USA fokussierten Anbieter von Flüssiggas andere Absatzmärkte gesucht.
Und dies sorgt nun drittens für ein steigendes Angebot in Europa. Unter dem Namen Liquefied Natural Gas (LNG) wird Erdgas unter hohem Druck und gekühlt in Tankern transportiert. Im Zielhafen wird die Flüssigkeit durch Erwärmung wieder in Gas verwandelt. LNG kann somit an jeden Hafen der Welt mit geeignetem Terminal transportiert werden. Es bricht somit die Macht der großen Erdgaskonzerne wie der russischen Gazprom.
Genau deswegen teilt sich zurzeit der Markt in Deutschland auf – teure Gas-Lieferanten, die an Pipeline-Verträge gebunden sind, tummeln sich neben günstigen, die in den Häfen Europas einkaufen. Zu letzteren gehören Branchenkreisen zufolge etwa Gas.de und Hitgas. Das steigende Angebot bedeutet niedrigere Kosten für die Verbraucher.
Für die Heizsaison von Oktober 2010 bis Januar 2011 haben laut Verivox bundesweit 114 Erdgas-Anbieter ihre Preise durchschnittlich um 6,8 Prozent gesenkt. Dem stehen 112 Anbieter gegenüber, die ihre Preise im Schnitt um 8,5 Prozent erhöhten. Das Vergleichsportal Check24 berichtete, seit Januar 2010 habe sich der Preis in der Spitze um 29 Prozent oder – umgerechnet auf einen Vierpersonen-Haushalt – um 333 Euro pro Jahr erhöht. Das größte Minus gab es demnach um 23 Prozent oder um hochgerechnete 434 Euro.
Fazit: Derzeit existiert für Erdgas in Europa noch kein funktionierender Markt wie bei Erdöl, wie die Analysten der Commerzbank urteilten. Noch werde der alte Kontinent zu 90 Prozent über Pipelines versorgt. Dies könnte sich aber dank LNG bald ändern. Im vorigen Jahr sei in den sieben europäischen Spotmärkten – die größten davon sind Zeebrügge in Belgien und Rotterdam den Niederlanden – der Umsatz mit Flüssiggas um gut 50 Prozent auf 100 Milliarden Kubikmeter gestiegen.
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Quelle: t-online.de
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