01.11.2008, 08:08 Uhr | Financial Times Deutschland
Deflation kann Volkswirtschaften in den Abgrund reißen (Foto: Imago)So schnell kann es gehen: Vor Monaten waren Inflationsgefahren das beherrschende Thema. Doch nach dem Fall der Rohstoffpreise herrscht Angst vor Deflation: Nicht nur in Japan, sondern auch in Großbritannien und den USA.#
Die Zeiten ändern sich. Es war nur eine kurze Bemerkung, doch sie sorgte für große Aufmerksamkeit. "Geldpolitik muss in Zeiten großer Unsicherheit die Balance wahren. Also muss sie einerseits die sich abschwächende Inflation beobachten, andererseits muss sie die Gefahren einer Deflation stoppen", sagte Erkki Liikanen, finnisches Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB), diese Woche. Da war es, das D-Wort. "Liikanen ist der erste EZB-Offizielle, der das Deflationsrisiko erwähnt", strichen die Volkswirte von Unicredit heraus.
Inflationsgefahren nehmen ab
Ein großer Wandel ist im Gange. Über Monate war bei Notenbankern und Investoren Inflation das große Thema: Energie- und Rohstoffpreise sorgten für hohe Teuerungsraten. Doch angesichts des Abschwungs der Weltwirtschaft und des Falls der Rohstoffpreise veränderte sich das Bild grundlegend. Die Inflationsgefahren nehmen ab - und das weltweit.
Preise in Europa steigen langsamer
Beispiel Europa. Hier steigen die Preise bereits langsamer. Laut der am Freitag veröffentlichten Eurostat-Daten zogen die Verbraucherpreise im Oktober auf das Jahr hochgerechnet um 3,2 Prozent an. Noch im Juli hatte die Rate bei 4,0 Prozent gelegen. "Das wird sich fortsetzen. Wir rechnen damit, dass die Teuerungsrate im kommenden Jahr bis auf 1,5 Prozent zurückgeht", sagte Martin van Vliet, Volkswirt bei ING.
Was auf den ersten Blick erleichternd wirkt, ist bei genauerer Betrachtung eine große Gefahr: Deflation kann sich selbst verstärken und Volkswirtschaften in den Abgrund reißen. Fallende Preise drücken die Gewinnmargen. Die Folge sind Entlassungen, die wiederum den Konsum belasten und so die Gewinne der Unternehmen schmälern. Während Notenbanken Teuerungsrisiken mit einem Anheben des Leitzinses bekämpfen können, ist ihr Spielraum im Fall der Deflation begrenzt.
Notenbanken aggressiv auf Lockerungskurs
Schon jetzt befinden sich Notenbanken weltweit auf aggressivem Lockerungskurs. Die Fed senkte den Leitzins diese Woche um 50 Basispunkte auf 1,0 Prozent. Seit Mitte September kürzte sie den Zinssatz damit um 4,25 Prozentpunkte - in nur rund 14 Monaten. Zum Vergleich: Bernanke Vorgänger Alan Greenspan benötigte 30 Monate, um 2003 an diesen Punkt zu gelangen. Andere Zentralbanken begleiten die Fed auf ihrem Kurs. Zuletzt beteiligten sich auch die EZB und die Bank of England (BoE) an der konzertierten Zinssenkung um 50 Basispunkte. Es wird damit gerechnet, dass die EZB auf ihrer Sitzung nächste Woche den Leitzins von 3,75 Prozent auf 3,25 Prozent senkt. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hatte sich zuletzt in dieser Richtung geäußert. Auch in Asien sind die Währungshüter aktiv: Am Mittwoch nahm die chinesische Zentralbank den Leitzins um 27 Basispunkte auf 6,66 Prozent zurück. Es ist der dritte Zinsschritt in zwei Monaten.
Japan - zurück in die 80er und 90er
Das "Musterland der Deflation" ist Japan. In den 90er-Jahren litt die zweitgrößte Volkswirtschaft unter fallenden Preisen. Bis heute ist die Krise nicht ausgestanden. Im Gegenteil: Es droht ein Rückfall in die Vergangenheit. Am Freitag senkte die Bank of Japan (BoJ) den Leitzins um 20 Basispunkte auf 0,3 Prozent. Die Entscheidung war innerhalb des Gremiums umschritten: Vier Währungshüter votierten dafür, vier dagegen. Notenbankgouverneur Masaaki Shirakawa gab mit seiner Stimme den Ausschlag. Diese Konstellation gab es zum letzten Mal im November 2007.
Experte: Zinssenkung war notwendig
Aus Sicht vieler Marktteilnehmer hatte die BoJ gar keine andere Wahl. Der japanischen Wirtschaft droht der Absturz wie zur Zeiten der langjährigen Deflation. Im September legten die Exporte nur um 1,5 Prozent zu. Das ist weniger als die Hälfte dessen, was Volkswirte erwartet hatten. Die Industrieproduktion ist seit drei Quartalen rückläufig. Auch die Konsumausgaben und die Inflation gehen zurück. Zu Wochenbeginn fiel der Nikkei 225 auf den tiefsten Stand seit 1982. "Angesichts der aktuellen Situation, in der sich die Wirtschaft befindet, ist es höchste Zeit für eine Zinssenkung. Die Investoren hatten bereits damit gerechnet, der Yen antizipierte den Schritt bereits. Die BoJ konnte sich dem nicht widersetzen", sagte Naoki Iizuka, Volkswirt bei Mizuho Securities.
Japanische Konzerne senken Prognosen
Japanische Unternehmen in Serie senkten zuletzt ihre Ertragsprognosen. Dazu gehören Mizuho Financial, All Nippon Airways, Suzuki Motor und Kawasaki Heavy Industries. Daiwa Securities, das zweitgrößte Brokerhaus, verbuchte einen Verlust. "Die Abwärtsrisiken für die wirtschaftliche haben zugenommen. Zugleich hat die Inflationsgefahr im Vergleich zur jüngsten Vergangenheit deutlich abgenommen", teilte die BoJ am Freitag mit.
USA im Fokus
Viele Augen sind auf die Vereinigten Staaten gerichtet. Nach dem Zinsschritt der Fed wird mit einer weiteren Lockerung gerechnet. Auch ein Nullzins wird diskutiert. Darauf deuten Kommentare mehrerer hochrangiger Währungshüter des Landes hin. Janet Yellen, Chefin der amerikanischen Distriktnotenbank San Francisco, spricht von einem "deutlichen Schrumpfen" der US-Wirtschaft und einem "großen Abflauen der Inflationsrisiken".
Größte Wachstumseinbuße seit 2001 in den USA
Noch befinden sich die Vereinigten Staaten formal nicht in einer Rezession. Im engen Sinn verstehen Volkswirte darunter eine Phase rückläufigen Wachstums in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen. Im ersten und zweiten Quartal wuchs die US-Wirtschaft noch um 0,9 Prozent und 2,8 Prozent. Doch seitdem lässt die Dynamik nach: Im dritten Quartal schrumpfte die Wirtschaft um 0,3 Prozent, das ist die größte Wachstumseinbuße seit der Rezession 2001.
Verbrauchervertrauen so niedrig wie noch nie
Gleich mehrere Indikatoren deuten darauf hin, dass sich der Abwärtstrend beschleunigt: Das Verbrauchervertrauen ist so niedrig wie noch nie. In den 20 größten Metropolen der Vereinigten Staaten fielen die Hauspreise im Vergleich zum Vorjahr im August um 16,6 Prozent, wie sich am Case-Shiller-Hauspreisindex ablesen lässt. Und auch die Industrieproduktion ist rückläufig. Der ehemalige Fed-Gouverneur Frederic Mishkin sieht vor diesem Hintergrund Gefahren einer Deflation. Der Schock auf den Finanzmärkten sei durchdringender als zur Zeiten der Großen Depression und habe die Möglichkeit eröffnet, dass die Inflation zu tief ausfalle. "Der Schock ist komplizierter und schwieriger in den Griff zu bekommen als damals. Es besteht eine große Gefahr, dass die Teuerung unter das Niveau der Preisstabilität fallen könnte", sagte Mishkin in einem Interview diese Woche.
Rezession auf der Insel
Auch in Großbritannien geht das Deflationsgespenst um. Die Notenbank BoE jedenfalls ist alarmiert. Momentan liegt der Leitzins bei 4,5 Prozent. Marktteilnehmer rechnen damit, dass die BoE auf ihrer Sitzung nächste Woche die Geldpolitik weiter lockert. "Die Wirtschaft wird 2008 und 2009 schrumpfen. Meine Sorge ist, dass die Inflation unter ein Prozent fallen und sogar negativ werden könnte", sagte David Blanchflower diese Woche, der im geldpolitischen Rat der BoE sitzt.
Häuserpreise im freien Fall
Für die Insel sind das neue Verhältnisse. Im September legte die Teuerung noch auf 5,2 Prozent zu. Das war der höchste Stand seit elf Jahren. Doch seitdem trübte sich der wirtschaftliche Ausblick zusehends ein. Hauspreise sind im freien Fall, die Konsumenten schränken sich ein, und die Arbeitslosigkeit steigt. Premierminister Gordon Brown und Schatzkanzler Alistair Darling sahen sich gezwungen, einen Rettungsschirm für die Bankenbranche aufzuspannen und in großem Stil bei der Royal Bank of Scotland einzusteigen.
Branchflower: Tiefe Rezession möglich
Branchflower geht deshalb davon aus, dass der Teuerungsdruck stark nachlässt, und sieht dringenden Handlungsbedarf. "Wenn die Notenbank nicht aggressiv die Zinsen senkt, droht uns eine lange und tiefe Rezession", sagte Branchflower in einer Rede an der University of Kent.