14.04.2008, 12:23 Uhr | Spiegel Online
Leerer Bahnsteig (Foto: ddp) Ein neues Gutachten zum Bahn-Börsengang prophezeit ein Horrorszenario: Wird der Konzern wie geplant privatisiert, treffen den Fernverkehr dramatische Folgen. Tickets würden deutlich teurer, das Angebot würde stark ausgedünnt. Die Bahn weist das Papier als Stimmungsmache zurück.
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Aufregung um Gutachten
Das Gutachten sorgte bei einer Anhörung im Verkehrsausschuss für Aufregung: Sollte die Bahn nach den derzeitigen Plänen des Bundesverkehrsministeriums an die Börse gehen, müsse auch der Fernverkehr - "seit Jahren das Sorgenkind im DB-Konzern" - auf Rendite getrimmt werden, heißt es da. Das bekäme vor allem die Kundschaft zu spüren, so die Kernbotschaft des Papiers. Bei den Tickets drohen demnach Preiserhöhungen von fünf bis sieben Prozent - jährlich. Die DB werde außerdem nach einem Börsengang "das Verkehrsangebot beständig 'optimieren'", heißt es weiter. Im Klartext: Der Fernverkehr werde auf den Strecken, auf denen er sich nicht lohnt, gestrichen oder stark ausgedünnt.
Studie kommt von Unternehmensberatung KCW
Erstellt hat die Studie die Unternehmensberatung KCW im Auftrag von mehreren Bundesländern und fünf Verkehrsverbünden, in denen sich Städte, Kreise und Eisenbahnunternehmen organisieren. Der Ton ist alarmierend - 15 Städte drohten, vom Fernverkehr abgehängt zu werden, heißt es. Das wären der Studie zufolge:
Auch im internationalen Fernverkehr werde es sicher zu Einschränkungen kommen, warnt KCW-Mitarbeiter Michael Holzhey im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. So etwa auf der Stecke Berlin-Stettin, Berlin-Krakau oder Berlin-Zürich.
Dementi der Bahn
Ebenso drastisch wie die Warnungen von KCW fällt das Dementi der Bahn aus. KCW betreibe "hanebüchene Stimmungsmache", heißt es in einer empörten Stellungnahme. Karl-Friedrich Rausch, DB-Vorstand für den Personenverkehr, sagt: "Es ist frei erfunden, dass Dutzende Halte im Fernverkehr aufgegeben werden sollen. Unter dem Deckmantel wissenschaftlicher Arbeit werden hier unverantwortlich Ängste geschürt. Ohne jeden Grund werden Reisende und politisch Verantwortliche verunsichert."
Horrorszenario nur Frage der Zeit
Laut KCW allerdings ist es nur eine Frage der Zeit, bis das skizzierte Horrorszenario Wirklichkeit wird. "Wir schätzen, dass dieser Prozess etwa drei bis fünf Jahre ab dem Börsengang dauern wird", sagt Holzhey. Das zeige schon ein Blick in die Vergangenheit. Bereits seit 2000 seien 23 Mittel- und Großstädte vom Fernverkehr abgehängt worden, unter anderem durch die Einstellung des Interregio-Verkehrs, rechnet die KCW in dem Gutachten vor. Die Zahl der Kunden sei in dieser Zeit im Fernverkehr von 145 Millionen Reisenden auf rund 119 Millionen Reisende zurückgegangen.
"Äpfel mit Birnen verglichen"
Da würden "Äpfel mit Birnen verglichen", kontert die Bahn: Der Interregio etwa sei durch "hochqualitativen" Nahverkehr ersetzt worden, sagt ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE. "Und die Gesamtkundenzahl ist von 1998 bis 2007 um zehn Prozent auf 1,8 Milliarden Passagiere gestiegen."
Einsparungen auf Kosten der Steuerzahler
Doch wenn Teile des Fernverkehrs durch Nahverkehr ersetzt werden, "geht das auf die Kosten der Steuerzahler", hält KCW-Experte Holzhey dagegen. Denn der Nahverkehr wird mit Regionalisierungsmitteln des Bundes bezahlt. Diese seien schon in der Vergangenheit um einen dreistelligen Millionenbetrag gestiegen - und müssten nach einem Börsengang durch die skizzierte Entwicklung weiter nach oben geschraubt werden. Laut KCW sei in den Jahren nach einem Börsengang deshalb eine Mehrbelastung von 80 bis 150 Millionen Euro zu erwarten.
Höhere Ticketpreise drohen
Der Bahn bleibe angesichts ihrer Gewinnprognosen gar nichts anderes übrig, als bei den Preisen anzuziehen und den Fernverkehr auszudünnen, argumentiert die KCW. Immerhin wolle der Konzern seiner Mittelfristplanung zufolge den Spartengewinn bis 2011 von 110 Millionen Euro auf 570 Millionen Euro steigern. Die Bahn - die die Mittelfristplanung nicht kommentiert - erklärt, Gewinnsteigerungen sollten allein durch Effizienzsteigerungen und neue Kunden erzielt werden.
Kritik von Münchener OB Christian Ude
In der Politik sorgt das Gutachten trotzdem für Aufregung. "Es kann nicht sein, dass aufgrund von Renditedruck nach der Privatisierung eine Vielzahl von Städten vom Fernverkehrsnetz abgekoppelt wird", empört sich etwa Münchens Oberbürgermeister Christian Ude, Präsident des Deutschen Städtetags. Der Bund sei "grundgesetzlich verpflichtet, für eine angemessene Schieneninfrastruktur und ein ausreichendes Verkehrsangebot zu sorgen. Dies darf bei einer Privatisierung der Bahn auf keinen Fall außer Acht gelassen werden."
Verkehrsexperten über Szenariouneins
Der CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer wiegelt ab: "Ich halte das Gutachten für ein subjektives Szenario. Warum sollte der eigenwirtschaftliche Fernverkehr Strecken aufgeben?" Ein SPD-Insider dagegen glaubt: "Ich halte die Szenarien für durchaus plausibel. Der Fernverkehr kam bisher immer nur knapp über eine schwarze Null. Wenn da der Ertrag gesteigert werden soll, ist doch klar, dass sich das beim Angebot bemerkbar macht."
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