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Dieter Fuchs: Der Gewürzkönig von Deutschland (2/2)

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Der Gewürzkönig von Deutschland (2/2)

20.04.2011, 10:11 Uhr | FTD, Jarka Kubsova

Bei Fuchs in Schönbrunn werden Gewürzmischungen verpackt. (Foto: imago)

Bei Fuchs in Schönbrunn werden Gewürzmischungen verpackt. (Foto: imago)

Was man aus einem Leben machen kann. Dieter Fuchs wirft sich einen steifen weißen Kittel über. Nun sehe er doch schon viel gewürziger aus, sagt er und lacht breit. Wie ein Krämer, nur dass sein Gewürzladen unermesslich ist. Im Lager stapeln sich Säcke und Kisten sehr hoch hinauf, Chili beißt in den Augen, Pfeffer kitzelt in der Nase, jeder Quadratmeter riecht anders und zusammen wie der würzigste Gewürztopf der Welt. Zimt und Kardamom, Thymian und Vanille, Petersilie und Kreuzkümmel. 2200 Zutaten verarbeitet Fuchs jeden Tag. Er atmet tief ein. Nein, dieses Aromas werde er nie überdrüssig. Bis an sein Lebensende nicht.

"Es ist nie fertig"

Hinter dem Lager rumpelt die Mühle, mehr als 30 Meter hoch, acht Stockwerke voll eiserner Ungetüme. "Die größte Vertikalmühle der Welt", sagt Fuchs. Da sind Turbinen und Kessel, Räder und Rohre, es pumpt und brummt, zischt und pustet, der Boden vibriert. Hier wird getrocknet, pulverisiert und zerhackt. Unten rieselt die Ernte in Säcke, zarte Thymianstiele, glänzende Pfefferkörner. Fuchs schreit gegen den Lärm an: "Vom Feld bekommen wir immer unterschiedliche Ware, aber daraus müssen wir uniforme Produkte machen. Diese Maschinen können das." Ist er nun fertig mit der Entwicklung? "Es ist nie fertig", sagt er.

Größte Paprikaplantage der Welt gehört Fuchs

Die Rohstoffe, die er durch seine Maschinen jagt, wachsen in erster Linie auf seinen eigenen Plantagen. Einfach nur Gewürze von anderen zu verarbeiten war ihm schon früh zu wenig. "Vom Samenkorn bis zur Dose machen wir alles selbst", sagt er. In Brasilien besitzt er die größte Paprikaplantage der Welt. Regelmäßig ist er dort, fährt mit den Bauern über die Felder. "Signor Fox" nennen sie ihn da. 2008 hat ihm der damalige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva einen Orden verliehen, für sein Engagement, für die Arbeits- und Ausbildungsplätze. "Einen schönen, bunten Orden", sagt Fuchs. Er hänge neben dem aus Dissen, innen an einer Schranktür.

Nichts hat Fuchs in seinem Leben dem Zufall überlassen. Gar nichts. Alles hat er immer genau kontrolliert, hat die Macht über die Dinge behalten. Vom Anbau der Rohstoffe auf seinen Plantagen in Brasilien, China oder Vietnam über die Verarbeitung in seinen Maschinen bis zum Vertrieb der Gewürzdosen in seinen Regalen. Bis heute kümmert er sich um jede Kleinigkeit in seinem Reich. Und was er nicht selbst erledigen kann, übernimmt eine kleine Gruppe ihm treuer Geschäftsführer, die ihn zum Teil seit Jahrzehnten begleiten.

Lebensmittelhändler abhängig gemacht

So ist rund um seine Maschinen ein System entstanden, das in dieser Form einzigartig ist. Der Einfluss, den Fuchs darüber gewonnen hat, wird am deutlichsten im Vertrieb. Seine Produkte gelangen nicht einfach so in den Handel, Fuchs hat die Lebensmittelhändler abhängig von sich gemacht. Es ist eines der Geheimnisse seines Aufstiegs.

Cleveres Vertriebssystem

Von Anfang an stehen seine Gewürze fast ausschließlich in Regalen, die Fuchs von eigenen Tischlern bauen lässt. Im Supermarkt sind sie meist clever und gut sichtbar platziert. Die Pflege dieser Regale besorgen die eigenen Vertreter vom Teuto-Vertrieb. 300 Mitarbeiter schwärmen Tag für Tag nach einem genau vorgegeben Plan aus, bestücken die Fächer, kontrollieren Mindesthaltbarkeitsdaten, beraten den Handel über saisonale Werbeaktionen. "Das ist alles ganz schön teuer", sagt Fuchs, "aber am Ende lohnt es sich." Dort, wo seine Sachen mal in normalen Verkaufsregalen landen, breche der Umsatz sofort deutlich ein.

Der Handel hat sich über die Jahrzehnte so sehr auf das System eingestellt, dass er aus der Abhängigkeit kaum entkommen kann. Einerseits macht es das Fuchs-System den Supermärkten leicht, weil es viel Aufwand und Zeit erspart. Andererseits nimmt es dem Einzelhandel die Möglichkeit, Einfluss auf Sortiment und Menge zu nehmen.

"Die strategischen Nachteile sind für uns größer als die organisatorischen Vorteile", klagt der Leiter des Bereichs Einkauf und Category-Management eines führenden deutschen Handelskonzerns, der nicht genannt werden will. Fuchs sei eben ein wichtiger Lieferant, mit dem man es sich nicht vermasseln wolle. Man sei auf ihn angewiesen. "Alternativen müssten wir uns mit sehr viel Aufwand selbst erarbeiten. Das würde uns dazu zwingen, in eine umsatzmäßig kleine Warengruppe mit sehr vielen Artikeln überproportional viel Energie und Zeit zu investieren", sagt der Bereichsleiter. "Fuchs hat mit diesem System sehr hohe Markteintrittshürden für Konkurrenten geschaffen."

Kontrolle über den Markt

Über seine Regale und seinen Vertrieb kontrolliert Fuchs den Markt, sie sind ein Machtwerkzeug. Immer wieder haben sich Wettbewerber beschwert. 2002 bekam Fuchs erstmals Ärger mit dem Kartellamt. In mehreren Fällen sollen Vertriebsmitarbeiter dem Handel hohe "Werbekostenzuschüsse" gezahlt haben, unter der Bedingung, dass Konkurrenzprodukte aus den Regalen verschwinden. 2006 musste Fuchs eine Geldbuße von 250.000 Euro zahlen, weil er sich gegen die Verfügung von 2002 hinweggesetzt und weiterhin Wettbewerber verhindert hat.

"Dornenreiche Zeiten" seien das gewesen, klagte damals der Gewürzhersteller Hans-Dieter Hartkorn. Das Vorgehen von Fuchs sei systematisch gewesen. Händler seien regelrecht aufgefordert worden, Hartkorn-Produkte aus dem Sortiment zu nehmen.

Kunden gieren nach neuen Geschmacksrichtungen

Ernst zu nehmende Konkurrenz gibt es heute kaum noch, zumindest nicht in Deutschland. Fuchs ist zum Alleinherrscher geworden. Und die Welt der Gewürze und Aromen um ihn herum ist rasend geworden. Kunden gieren nach neuen Geschmacksrichtungen. Die Gewürzvielfalt der Lebensmittelindustrie ist in den vergangenen Jahren nahezu explodiert.

Auf die Teller kommt Mediterranes und Mexikanisches, Asiatisches und Französisches. Fuchs, der Mann, der mal mit Pfeffer, Salz und Majoran angefangen hat, weiß genau, dass er diese bunte Welt bedienen muss, um an der Spitze zu bleiben. Mehrmals die Woche verkostet er neue Speisen von seinen Entwicklungsköchen, schlägt eigene Rezepte vor, mischt Dinge zusammen, die vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen wären: Chili mit Mango oder Vanille mit Knoblauch.

Zusammenarbeit mit Sternekoch

"Er hat einen exzellenten Geschmack", sagt Alfons Schuhbeck. Vor Jahren traf der Sternekoch, der selbst einen großen Namen als Gewürzliebhaber hat, Fuchs zum ersten Mal. In Schuhbecks Gewürzladen in München. Noch heute muss Schuhbeck lachen über den Moment. Fuchs stand da und sagte: "Fuchs ist mein Name, ich habe auch einen kleinen Gewürzladen." "Ich konnte gar nicht glauben, dass das DER Fuchs ist", sagt Schuhbeck.

Inzwischen sind sie Freunde und Geschäftspartner, einmal die Woche treffen sie sich und entwerfen neue Mixturen. Schuhbeck vertreibt seine eigene Linie, für die Fuchs die Gewürze stiftet, und Schuhbeck grinst von Fuchs' Feinkostsortiment. Der alte Unternehmer sieht die große Zeit noch kommen. Er ist sicher, dass aus dem Würzverhalten von Mensch und Industrie noch viel mehr zu holen ist. Er kramt die Zahlen aus dem Gedächtnis. 1970 habe der Pro-Kopf-Verbrauch von Gewürzen bei 115 Gramm gelegen. 2002 bei 390 Gramm. 2020 werde er bei über 600 Gramm erwartet. "Ich glaube sogar", sagt Fuchs, "dass es noch mehr sein wird."

"Ich bin sehr zufrieden mit allem"

Profitieren wird davon dann wohl ein anderer. Fuchs hat für dieses Leben genug Freude gehabt. "Ich bin sehr zufrieden mit allem", sagt er. Er lebe gut, schätze gutes Essen und auch mal eine gute Flasche Wein. In seiner mittlerweile vierten Ehe sei er glücklich. Großen Luxus gönne er sich nicht. "Die Nützlichkeit von Geld ist schnell erreicht", sagt er.

Doch ja, er ist stolz auf das, was er geschaffen hat. "Dieses Leben ist wie ein spannender Roman", sagt er. Er ist keiner, der angibt, kein Großredner, schon gar nicht möchte er intellektuell wirken, so ist er nicht. Darum überlegt er auch so lange, als es um die Zukunft geht, bevor er mit Mephisto kommt. Mit dieser Gewissheit, dass alles vergänglich ist, weil das nun mal der Lauf der Dinge ist. Das zu akzeptieren mache ihn so ruhig, sagt er.

Familiennachfolge ist nicht wichtig

Wirklich? Dieser Mann, der stets über alles wachte und es noch immer tut, will das Schicksal walten lassen? Ganz so ist es dann doch nicht, gibt Fuchs dann zu. Er hat vorgesorgt. Die Mehrheit der Anteile an seinem Unternehmen liege bei ihm und davon die Mehrheit in einer Stiftung. "So kann das Unternehmen in Sicherheit und Freiheit weitergeführt werden", sagt er. Von wem auch immer. Aus der Familie, von seinen vier Kindern, werde es wohl niemand werden. Aber eine Familienachfolge sei ihm auch nicht wichtig. Man müsse den Besten dafür finden. "Aber noch", sagt Fuchs, "noch bin ich ja da."

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Quelle: Financial Times Deutschland

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