20.04.2011, 08:22 Uhr | FTD, Jarka Kubsova
Gewürze von Fuchs stehen in eigenen Regalen. (Foto: imago)
Binnen sechs Jahrzehnten ist Dieter Fuchs zum mächtigsten Gewürzhändler Europas aufgestiegen. Konkurrenten hat er kaum noch, der Handel ist ihm untertan. Jetzt spricht er das erste Mal über sein Werk. Es ist die Geschichte seines Lebens.
Es ist früher Nachmittag an einem gewöhnlichen Donnerstag, als Dieter Fuchs so oder so ähnlich sagt, dass alles, wofür er sein Leben lang geschuftet hat, nun ruhig der Teufel oder sonst wer holen könne. Fast sechs Jahrzehnte hat er sein Werk aufgebaut, war immer da und hinter allem her, damit alles weitergeht und besser wird und größer.
Er hat Konkurrenten in Nischen verwiesen, hat sich den Handel untertan gemacht, ist zum größten Gewürzhändler in Europa aufgestiegen und zur Nummer zwei in der Welt. Zwei Ehen sind an seinem Fleiß zerbrochen, weil er sich an fast allen Tagen und in vielen Nächten lieber der Firma zuwandte, und noch immer herrscht er über all das, ein alter Mann, 83 Jahre wird er bald.
Und nun, gefragt danach, was werden soll, wenn er nicht mehr ist, wird er sehr ernst und zögert lang. Als er wieder spricht, spricht er nicht von Furcht oder Verfügungen, von einem großen Plan oder gesicherter Nachfolge. Er spricht von Mephisto. In Goethes "Faust" heißt es, dass alles, was entsteht, wert ist, dass es zugrunde geht. So sieht er das auch. "Man muss auf der Welt auch mal Platz für etwas Neues machen", sagt Fuchs. Er hat seinen Spaß ja gehabt.
Dieter Fuchs, dieser Unbekannte, der sich im Stillen ein Lebensmittelreich zusammengekauft hat. Der sich nie darum geschert hat, wie seine Konkurrenten über ihn schimpfen. Der fast jedem Deutschen schon das Essen schmackhaft gemacht hat. Wenn nicht aus seinen weißen Gewürzdosen mit dem ovalen Logo, dann mit seinen Zutaten in der Butter von Meggle, in Pringles-Chips von Procter & Gamble oder den Tiefkühlpizzen von Dr. Oetker.
Die Asiamarke Bamboo Garden gehört ihm sowie die Texmexsparte Fuego und die Orientallinie Jadira. Er hat die Gewürzspezialisten Ostmann und Ubena gekauft, kreierte die Feinkostmarke Escoffier für das Premiumsegment und Bio Wagner für die Discounter. In quasi jedem Supermarkt steht Fuchs mit diversen Marken, im Handel mit Haushaltsgewürzen ist er fast konkurrenzlos, mit einen Marktanteil von fast 80 Prozent.
Legenden ranken sich um diesen Gewürzkönig, schrullige Geschichten, bissige Nachreden und Heldensagen. Fuchs selbst hat immer geschwiegen, in 50 Jahren kein Interview, kein Gewese, kein Trara, nicht um sich oder sein Werk. Fotos lässt er erst recht nicht zu, aber erzählen will er nun, das erste Mal. Diese erstaunliche Geschichte über sein Leben und sein Unternehmen, das vom Unglück geboren und vom Glück aufgezogen wurde.
Hier in der Kleinstadt Dissen hat es angefangen, auf einem Industriegelände in einer abgelegenen Straße. Die krummen, alten Buden stehen da noch heute. Etwas weiter hat Fuchs sich für sein Werk eine neue Zentrale bauen lassen, einen kantigen, grauen Palast in leerer Landschaft. Im Norden steht buckelig der Teutoburger Wald, sonst ist da nichts, bloß schwaches Grün auf flachen Feldern und eine brausende Autobahn.
Dort sitzt er nun im Erdgeschoss, in einem Konferenzraum mit weißen Wänden und schwarzen Stühlen. Ein verhaltener Mann mit scheuem Lächeln. Das Gesicht zu alt, um es sich jung vorzustellen. Die dünnen, grauen Haare trägt er zurückgekämmt, er ist von kleiner Statur, seine Schultern hängen tief.
In knappen Sätzen erzählt er, wie er herkam, zu Verwandten, vor mehr als 60 Jahren, gerade ein Mann, verwundet, halb erblindet vom Krieg. Eine Ladung Splitter aus einer Flugabwehrkanone hatte ihn erwischt, das linke Auge war nicht mehr zu retten. Sein Bruder war tot, das Elternhaus in Osnabrück ausgebombt.
Die Welt war fad. Da fielen Fuchs die Gewürze wieder ein. Sein Vater hatte einst eine Samenhandlung, da hatte der Junge oft zugeschaut, und an den Gewürzen, an Kümmel und Senfkörnern, an Pfeffer und Paprika und was es alles gab, fand er den größten Gefallen. "Wie das alles schmeckte und wo das alles herkam, fand ich faszinierend", sagt Fuchs. Er dachte: "Da müsste sich doch etwas draus machen lassen."
Er bestellte Expresspakete mit Importen, die über Hamburg kamen, Salz, Pfeffer und Majoran; er füllte sie um in Tütchen, fuhr mit dem Fahrrad zu Hausfrauen und Fleischbetrieben in der Nachbarschaft. "Eine Heldentat war das nicht", sagt Fuchs. "Nach dem Krieg hat doch jeder etwas gesucht, womit er Geld machen konnte."Das meiste Geld, das Fuchs damals machte, sparte er. "Ich wollte etwas Großes, ich wollte meine eigene Fabrik."
Er wollte selbst vermahlen, die Aromen der Gewürze nach seinen eigenen Vorstellungen gewinnen. "Aber da bin ich schnell an Grenzen gestoßen, es gab einfach keine Maschinen, wie ich sie haben wollte", erzählt er. Also baute er sie selbst. Seine Maschinen.
Noch heute dreht er auf, wenn er davon redet. Er erklärt Schälverfahren und Bürsttechniken, Vermahlungsstufen und die Dampfentkeimung. Er sinniert über den hohen Fettgehalt der Muskatnuss, für die man sich richtig was einfallen lassen musste, und über die Widerspenstigkeit von Gewürznelken. Er redet über Walzen und Waagen, die er selbst auf dem Reißbrett grob umrissen hat, und erzählt, wie er endlich eine Maschinenfabrik fand, die alles nach seinen Vorstellungen baute. "Die Technik hat uns tüchtig nach vorne gebracht", sagt er. "Damit kam der Erfolg dann sehr schnell."
Heute handelt Fuchs mit mehr als 7000 Produkten, seine Plantagen und Fabriken stehen weltweit an 14 Standorten, 3500 Mitarbeiter beschäftigt er, im vergangenen Jahr hat seine Unternehmensgruppe mit Gewürzen und Feinkost 522 Millionen Euro umgesetzt. Der letzte veröffentlichte Jahresgewinn von 2009 betrug mehr als 10 Millionen Euro. Inzwischen ist die Fuchs-Gruppe so groß, dass weltweit nur noch der US-Gewürzhersteller McCormick größer ist. "Wenn ich noch mal 20 wäre, würde ich es mit dem auch noch aufnehmen", sagt Fuchs und lacht. Wie ernst solche Ansagen in Wahrheit sind, wissen seine Konkurrenten nur zu gut.
Fast jeden, der ihm in all den Jahren sein Geschäft streitig machte, hat Fuchs geschluckt. Das meiste Glück hatte er 1998 mit dem Zukauf des Gewürzanbieters Karl Ostmann, der Anfang der 90er-Jahre rund 40 Prozent des deutschen Marktes abdeckte. Zwei Jahre später kaufte Fuchs den Konkurrenten Ubena, wieder zwei Jahre später Wagner Gewürze. Irgendwann beschloss er, neben Gewürzen auch Feinkost und Fixprodukte anzubieten, 2006 verleibte er seinem Konzern die Theodor Kattus GmbH mit der Asiamarke Bamboo Garden ein. Seit 2008 schließlich mischt er auch den Markt für Fonds, Suppen und Soßen auf.
Nichts ist Fuchs zu groß. "Bevor er ins Suppengeschäft einstieg, hatte er die Feinkostprodukte von Lacroix im Sinn und sagte: Ich will auch so eine Suppe!", erzählt ein Bekannter. "Und wenn Fuchs etwas will, dann lässt er auch nicht locker, bis er es hat." Den Hersteller Lacroix bekam er zwar nicht, aber er schuf mit Escoffier eine fast identische Marke. Rücksicht auf die Konkurrenz hat er in all den Jahren nie genommen. Für Freundschaften ist in diesem Geschäft kein Platz.
"Er ist ein knallharter Geschäftsmann", sagt Gerhard Weber, Geschäftsführer des Verbands der Gewürzindustrie. "Er ist der Hecht im Karpfenteich. Klar ist da nicht jeder gut auf ihn zu sprechen." "Krake" hätten ihn die anderen schon genannt, sagt Fuchs selbst. Einen, der seine Tentakel überallhin ausstreckt und sich immer mehr einverleibt. "Ich weiß, dass die anderen mich nicht mögen, weil ich an denen vorbeigewachsen bin", sagt er. "Aber es ist ja gar nicht so, dass ich hier mit feuchten Händen sitze und immer nur an Größe denke." Eigentlich denke er nur an seine Maschinen.
Wegen der Maschinen musste er so groß werden, sagt er. Mindestens viermal wiederholt er das, so wichtig ist es ihm. Er habe seine Technik immer weiter ausgebaut, getüftelt, spezialisiert. "Wir haben die beste Technik der Welt", sagt er stolz. "Wenn man solche technischen Anstrengungen unternimmt, muss man da auch entsprechendes Volumen durchjagen. Wenn man in diesen teuren Spezialanlagen nicht jedes Jahr 10.000 Tonnen Gewürze verarbeitet, lohnt sich das einfach nicht." Die anderen hätten es doch genauso machen können, sagt er. "Wenn andere besser gewesen wären, hätte ich das akzeptiert." Aber keiner war besser.
In Dissen schauen die Menschen dafür zu Fuchs auf. Seinen Fleiß und seine Hartnäckigkeit beschwören viele. Und einige, wenn sie sich genug versichert haben, dass ihr Name nicht fällt, verraten auch Fuchs' Geheimnisse. Dass er hier irgendwo versteckt auf seinem Industriegelände lebe, sagen sie, nie würde ein Fremder sein Haus finden können. Und von seinem Jet schwärmen sie, mit dem er sich durch die Welt zu seinen Produktionsstätten fliegen lässt. Es soll die alte Kanzlermaschine von Helmut Kohl sein, mit großen Konferenzsälen und Schlafräumen. Ansonsten sei Fuchs bescheiden, lebe sehr zurückgezogen. Nur manchmal sehe man ihn im Jazzklub sitzen und mit den Fingern schnippen.
Dissen am Teutoburger Wald ist klein und schmucklos, keine 10.000 Einwohner, aber reichlich Arbeitsplätze. Allein Fuchs beschäftigt hier 800 Menschen. "Er hätte woanders mehr Geld verdienen können", sagt Louis-Ferdinand Schwarz, ein enger Freund von Fuchs und der ehemalige Bürgermeister des Städtchens. "Aber er ist hiergeblieben, und das wird ihm hoch angerechnet."
2004 hat Fuchs das niedersächsische Verdienstkreuz bekommen, seit 2008 ist er Ehrenbürger von Dissen. Im Stadtrat schauen sie gern zu, wie Fuchs groß und größer wird. Auch wenn sie dafür seine Marotten mitmachen müssen. Fuchs ist ein sprunghafter Mann, Geschäftspartner ruft er schon mal nachts an, weil ihm gerade eine aufregende Idee gekommen ist.
Den Bürgermeister scheucht er gern mal an den Wochenenden auf und zitiert ihn zu sich, weil er noch eine Genehmigung für ein Bauvorhaben oder sonst was braucht. "Wenn Fuchs was will, pariert man", sagt der Bürgermeister Georg Majerski, "wir sind ja froh, dass er hier ist." Allein schon wegen der schönen Gewerbesteuereinnahmen. "Er ist ein Beispiel dafür, was man aus einem einzigen Leben machen kann", sagt Ulrich Strakeljahn, der Stadtkämmerer.
Weiter zu Teil 2: Clever im Supermarkt platziert
Quelle: Financial Times Deutschland
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