03.03.2008, 19:19 Uhr | Spiegel-Online
Immer mehr Menschen rutschen aus der Mittelschicht heraus. (Foto: dpa) Millionen rutschen ab: Deutschlands Mittelschicht erodiert laut Spiegel-Informationen in atemberaubendem Tempo. Die soziale Spaltung ist viel dramatischer als bisher angenommen. Unter dem Druck der Globalisierung zerbricht die alte Balance der Bundesrepublik. #
Randzonen immer kräftiger
Einer der Stützpfeiler der sozialen Marktwirtschaft gerät ins Wanken. Ausgerechnet die Mittelschicht, die wie keine andere soziale Gruppe Deutschland nach dem Krieg geprägt hat, leidet nach "Spiegel"-Informationen unter akuter Auszehrung. Dafür werden die Randzonen der Gesellschaft immer kräftiger.
Entwicklung stärker als bislang bekannt
Mitte der Woche wollen der Verteilungsforscher Markus Grabka und Joachim Frick vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine Studie über die Verschiebung des sozialen Gleichwichtes in Deutschland vorstellen. Hinter den nüchternen Zahlen und den rosa gefärbten Balken in komplexen Diagrammen verbirgt sich ein erschreckender Befund: Unter dem Druck der Globalisierung hat sich die soziale Lage der Republik sehr viel unvorteilhafter entwickelt als bislang bekannt.
Nur noch 54 Prozent in der Mittelschicht
Grabka und Frick definieren die Mittelschicht ausschließlich mit dem kalten Blick der Ökonomen. Dazu gehört, wer genügend verdient – andere Kriterien wie Bildung, sozialer Status oder Herkunft zählen nicht. Im Jahr 2000 gehörten 62 Prozent der Deutschen dazu, inzwischen sind es nur noch 54. Spiegelbildlich dazu ist der Anteil der Deutschen mit extrem niedrigen oder extrem hohen Einkommen gestiegen.
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Erosion in atemberaubendem Tempo
Was Länder wie die USA oder Großbritannien in den achtziger und neunziger Jahren erlebten, hat nun auch Deutschland erfasst. Die Mittelschicht erodiert – und das in einem atemberaubenden Tempo.
Unterschied zwischen Arm und Reich immer größer
Statistiker haben schon lange darauf hingewiesen, dass der Graben zwischen Arm und Reich auch in Deutschland immer tiefer wird. Doch bislang konnten die Experten stets eine beruhigende Erkenntnis hinterherschieben: In der Mitte sei die soziale Lage weitgehend stabil. Die neuen Zahlen der Berliner Wirtschaftsforscher belegen, dass diese Einschätzung überholt ist.
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Aufstieg gelingt kaum
Die Angst vor dem Abstieg greift um sich. Stabil ist die Lage nur ganz unten. Wer einmal dort angelangt ist, hat kaum noch eine Chance, wieder aufzusteigen. 66 Prozent der Menschen aus der Unterschicht sind auch vier Jahre später noch ganz unten. Vor einigen Jahren lag diese "Beharrungsquote" noch deutlich niedriger – bei 54 Prozent.
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Besserverdiener verdienen immer mehr
Ein sozialer Aufstieg ist für die zerfallende Mitte schwierig – der weit größere Teil wandert nach unten ab. Aber etwa elf Prozent haben es geschafft, bis nach ganz oben vorzudringen. Zwischen 2000 und 2006 wuchs der Anteil der Spitzenverdiener an der Bevölkerung von 18,8 auf 20,5 Prozent. Die Besserverdiener können einen Großteil des volkswirtschaftlichen Reichtums unter sich aufteilen, ihre Einkünfte wachsen schneller als im Rest der Bevölkerung.
Sorgen nehmen zu
Nüchtern konstatieren die Verteilungsforscher eine "Zunahme der Einkommensungleichheit". Kein Wunder, dass die Stimmung in großen Teilen der Bevölkerung eher düster ist. Trotz des Aufschwungs machen sich aktuell drei Viertel aller Deutschen Sorgen um ihre wirtschaftliche Zukunft. Noch vor sieben Jahren lag diese Zahl zehn Prozentpunkte niedriger. Der Mainzer Sozialforscher Stefan Hradil spricht von der "Angst, die die Bürotürme hinaufkriecht".
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Quelle: t-online.de
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