18.02.2010, 13:00 Uhr | Spiegel Online
Wie glücklich macht Geld? Forscher Jürgen Schupp hat auf die Frage eine Antwort gefunden - nur ist sie nicht so simpel wie oft gedacht. Im Interview mit "Spiegel Online" spricht er über Gefühle, Gerechtigkeit und den Grund, warum Männer einfach schneller unzufrieden sind als Frauen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Schupp, sind reiche Menschen glücklicher?
Jürgen Schupp: Nun - eines steht fest: Menschen in reichen Ländern sind zufriedener als Menschen in armen Ländern.
SPIEGEL ONLINE: Geld macht also glücklich.
Schupp: So einfach ist es nicht. Der preisgekrönte US-Ökonom Richard Easterlin hat Länder über einen längeren Zeitraum beobachtet und festgestellt: Wenn das Einkommen wächst, nimmt die Zufriedenheit nicht im selben Tempo zu. Und irgendwann steigt sie gar nicht mehr. Kurzfristig mag Geld als Glückmacher funktionieren, aber der Effekt nutzt sich sehr rasch ab.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine bestimmte Summe Geld, die man braucht, um zufrieden zu sein?
Schupp: Das hängt von Ihren Ansprüchen ab. Bei einem armen Haushalt kann die Sättigungsgrenze bei 2500 Euro liegen. Bei einem reicheren ist sie sehr viel höher. In ganz armen Entwicklungsländern sind die Menschen glücklich mit einem extrem niedrigen Einkommen - wichtig ist vor allem die Verteilung. In Ländern wie China, in denen sich die Kluft zwischen Arm und Reich öffnet, hält die Zufriedenheit nicht Schritt mit dem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts.
SPIEGEL ONLINE: Ist das der gleiche psychologische Prozess, wie wenn jemand mit seinem Gehalt zufrieden ist und dann zufällig erfährt, dass der Kollege für den gleichen Job viel mehr Geld kassiert?
Schupp: Ja. Am Ende fühlt sich diese Person vermutlich sogar viel schlechter - obwohl beide genauso viel leisten und genauso viel verdienen wie zuvor. Der Vergleich hat das eigene Einkommen quasi entwertet. Sie sehen, Geld hat keinen direkten Zusammenhang mit Zufriedenheit.
SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt Glück dann ab?
Schupp: Die psychologische Forschung geht davon aus, dass jeder ein vermutlich genetisch festgelegtes Grundmaß an Zufriedenheit hat, den sogenannten Set-Point. Im Laufe des Lebens gibt es um diesen herum Ausschläge nach oben und unten. Ist man frisch verliebt, stellt sich so etwas wie ein Honeymoon-Effekt ein - der Mensch fühlt sich zufriedener. Nach zwei, drei Jahren erreicht er in der Regel wieder sein ursprüngliches Niveau. Bei schmerzhaften Trennungen ist es umgekehrt. Langfristig bewegt sich ein Mensch immer wieder auf seinen Set-Point zu...
SPIEGEL ONLINE: ...auch bei großen Schicksalsschlägen?
Schupp: Es gibt eine Ausnahme, die die Set-Point-Theorie außer Kraft zu setzen scheint: wenn Männer ihren Arbeitsplatz verlieren. Sie erleiden tatsächlich einen nachhaltigen Verlust ihrer Lebenszufriedenheit. Auch nach vielen Jahren ist der ursprüngliche Zustand nicht wieder erreicht.
SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?
Schupp: Nicht unbedingt am Geld, das plötzlich fehlt, denn der Sozialstaat gleicht das ja zum Teil aus. Vielmehr zählt, dass mit der Arbeit soziale Anerkennung und Einbindung verbunden sind.
SPIEGEL ONLINE: Warum trifft das Problem vor allem Männer?
Schupp: Sie haben weniger Alternativen, um Zufriedenheit und Ausgeglichenheit zu erlangen. Empirische Forschungen auf Basis der Längsschnittstudie "Sozio-oekonomisches Panel" (SOEP) haben gezeigt, dass bei Frauen dann offensichtlich andere Bereiche herhalten...
SPIEGEL ONLINE: ...ihre Rolle als Hausfrau und Mutter etwa? Ist das nicht ein überholtes Klischee?
Schupp: Der Rückzug in die Familie, die Geburt eines Kindes - all diese Rollen sind bei Frauen von der Gesellschaft anerkannt, bleiben Männern aber eher verschlossen. Männer sind nach wie vor eher sozial anerkannt, wenn sie Karriere machen. Das ist kulturell geprägt. Was auch bedeutet, dass die Gesellschaft das verändern kann. Ein solcher Wandel findet ja seit einigen Jahren langsam, aber kontinuierlich statt.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es ein Einkommensniveau, ab dem Menschen sogar weniger glücklich werden?
Schupp: Nun - das Risiko, arm zu werden, ist in Deutschland gestiegen. Zugleich ist für Reiche die Chance größer geworden, noch reicher zu werden. Angesichts dieser Polarisierung lag für uns die Frage nahe, wie sich die Reichen jetzt fühlen. Unsere Erkenntnis: Personen, die im Schnitt das Doppelte des Durchschnitts verdienen, machen sich jetzt sogar mehr Sorgen.
SPIEGEL ONLINE: Welche? Und wieso?
Schupp: Wer oben angekommen ist, orientiert sich nicht mehr nach unten - sondern an anderen Reichen. Gerade jetzt in der Krise wird da schnell klar, dass man auch wieder abstürzen kann. Darum sieht man die Zukunft mit mehr Sorge. Die Unbekümmertheit ist dahin, weil man versteht, dass man alles verlieren kann. Das ist der sogenannte Schickedanz-Effekt, benannt nach Madeleine Schickedanz, der Quelle-Erbin, die im vergangenen Jahr ein Vermögen verlor...
SPIEGEL ONLINE: ...und dann über ihre Lebensverhältnisse klagte. Dabei ist sie im Vergleich mit den meisten Deutschen immer noch reich.
Schupp: Es mag viele empören, dass sich solche Menschen Sorgen um ihre Zukunft machen. Aber sie tun es trotzdem.
Jürgen Schupp ist seit 1984 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Abteilung Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW)in Berlin. Seit 2004 ist er stellvertretender Abteilungsleiter. Der 53-Jährige ist Mitglied des wissenschaftlichen Expertenkreises zur Armuts- und Reichtumsberichterstattung und hat an mehreren Gutachten für die Bundesregierung mitgewirkt. Seit 2006 ist der bekennende Fan der ARD-Serie "Lindenstraße" Honorarprofessor für Soziologie an der Freien Universität Berlin.
Quelle: Spiegel Online , t-online.de
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