29.12.2010, 08:57 Uhr | FTD, Daniela Schröder
Die Idee eines Elektromotors zum Bohren entstand in einer Stuttgarter Werkstatt. (Foto: imago)
Hunderte Löcher bohren, mühsam per Hand? Das muss auch anders gehen, dachten sich zwei Mechaniker und bauten die erste elektrische Bohrmaschine. Dieser Erfindung Ende des 19. Jahrhunderts folgten etliche weitere.
Keine drei Stunden ist die neue Arbeitswoche alt, da haben Friedrich Heep und Jakob Wahl die Nase bereits gestrichen voll. Hunderte Antriebsmotoren müssen schnellstmöglich fertig werden, lautet die Anweisung, sonst gehen künftige Aufträge an die Konkurrenz. Im Frühjahr 1895 liegen in der Werkstatt des Stuttgarter Geräteherstellers Fein die Nerven blank.
Frustriert machen sich die beiden jungen Mechaniker wieder ans Werk. Denn in jeden einzelnen dieser Motoren müssen sie mit einem Handbohrer viele kleine Löcher bohren, das ist äußerst mühselig und dauert scheinbar ewig. Nicht weit von ihrem Arbeitsplatz stehen einige wuchtige Kisten mit ungewöhnlich kleinen Elektromotoren, vor ein paar Tagen erst ist die Ware aus England eingetroffen.
Der Chef Wilhelm Emil Fein hat einige seiner Lehrjahre in London verbracht und bestellt dort hin und wieder Technik, die es in Deutschland so noch nicht gibt. Sehr handliche Geräte, denken sich Heep und Wahl, als sie sich die Motoren in der Mittagspause einmal gründlich anschauen.
Dann haben sie eine Idee - und setzen sie auch sofort um: Die Mechaniker nehmen einen der Minimotoren und verbinden ihn mit einem Bohrfutter. Dann bohren sie ein Loch nach dem anderen, sauber und schnell. Schaut her, rufen sie ihren Kollegen zu, mit einem Elektromotor geht es viel schneller und bequemer als mit dem Handbohrer.
Emil Fein, der älteste Sohn des Chefs, ist hellauf begeistert. So können wir die Elektrotechnik in einem ganz neuen Bereich einsetzen, schwärmt er seinem Vater vor. Diese Kombination müssen wir auch bauen. Der Senior zögert, aber nur kurz. Denn Wilhelm Emil Fein ist ein Erfindergeist. Während seiner Lehre hat er einen Morse-Telegrafenapparat gebaut, während seiner London-Jahre eine automatische Kaffeemaschine konstruiert, später das erste tragbare Telefon und den ersten elektrischen Feuermelder entworfen, eine Vielzahl weiterer Geräte folgte.
Maschinen und Werkzeuge mit einem Einzelantrieb auszustatten, auch darüber hat der Senior bereits nachgedacht. Der große Durchbruch war ihm mit seinen ersten Konstruktionen jedoch nie gelungen. Vielleicht ist die Bohrmaschine die Chance dazu, überlegt sich der Vater und gibt dem Sohn freie Hand. Zusammen mit Feinkonstrukteur Otto von Fellenbach baut Emil die erste elektrische Handbohrmaschine der Welt. Trotz der zwei Griffe an den Seiten ist sie nicht sehr handlich - sie wiegt 7,5 Kilo. Ihre Bohrleistung liegt bei vier Millimetern in Stahl.
Das neue Produkt geht in Serie, schnell kopieren andere Hersteller wie AEG und Metabo die revolutionäre Idee. Ein Patent hat Fein nicht angemeldet. Trotz seiner Erfahrungen hat der Seniorchef das Potenzial der Erfindung unterschätzt. Das Verschmelzen von Werkzeug und Elektromotor erweist sich als Schlüssel zu einer neuen Arbeitsweise.
Als Emil Fein nach dem Tod seines Vaters 1898 die Firma übernimmt, überträgt er das Prinzip Elektromotor daher auf andere Werkzeuge und richtet das Unternehmen auf die Produktion von Elektrowerkzeugen aus. Nach einer Reihe neuer Bohrmaschinen bringt Fein 1906 das erste Handschleifgerät auf den Markt. 1922 kommt der elektrische Hammer heraus, 1925 der erste Elektroschrauber, 1927 die erste Blechschere und die erste Stichsäge. Und der Erfindergeist lebt weiter - heute hält das Unternehmen 500 Patente und Patentanmeldungen.
Quelle: Financial Times Deutschland
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