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Aufstand der Investoren bei Infineon
19.01.2010, 11:05 Uhr | Financial Times Deutschland
Unternehmenssitz der Infineon Technologies AG in Neubiberg (Foto: imago)Erstmals entscheiden Aktionäre eines DAX-Konzerns in einer offenen Kampfabstimmung über den Aufsichtsratsvorsitz. Der Chipkonzern Infineon bestätigte Informationen der "Financial Times Deutschland" (FTD), wonach der britische Pensionsfonds Hermes den Kandidaten der Konzernspitze verhindern will.
Finanzchef des Autozulieferers ZF Friedrichshafen als Kandidat
Einen entsprechenden Gegenantrag für die Hauptversammlung am 11. Februar hat Hermes eingereicht. Darin schlägt der Investor den Finanzchef des Autozulieferers ZF Friedrichshafen, Willi Berchtold, als neuen Aufsichtsratschef vor.
Aktionäre stellen fachliche Kompetenz in Frage
Der umstrittene Amtsinhaber Max Dietrich Kley hatte den Ex-Siemens-Vorstand Klaus Wucherer nominiert, einen langjährigen Weggefährten. Der 65-Jährige ist einfacher Aufsichtsrat und war im Zuge des Schmiergeldskandals aus dem Siemens-Vorstand ausgeschieden. Nach "FTD"-Informationen argumentiert Hermes allerdings vor allem damit, dass Berchtold fachlich geeigneter sei.
Personalfragen werden üblicherweise intern geklärt
Eine solch offene Kampfansage ist ein Novum in der deutschen Unternehmensgeschichte. Normalerweise wird die Spitzenpersonalie vorab intern geklärt - ohne Konsultation der Investoren. "Wenn Hermes Erfolg hat, könnte dies die ganze Praxis der Aufsichtsratsnominierung umwälzen", sagte ein Mitglied der Corporate-Governance-Kommission, das nicht genannt werden wollte.
Weltweite Vernetzung
Zwar hält Hermes an Infineon weniger als drei Prozent. Der Fonds ist allerdings weltweit unter Großinvestoren exzellent vernetzt. "Man muss davon ausgehen, dass Hermes sich gute Chancen ausrechnet", sagte ein Insider. "Sonst hätte sich wohl auch niemand wie Berchtold zur Verfügung gestellt."
Berchtold ist alter Bekannter
Der 59-Jährige gehört zum Establishment der deutschen Industrie. Berchtold war von 2003 bis 2007 Präsident des I
T-Branchenverbands BITKOM. Seit Ende 2009 leitet er den Aufsichtsrat der Bundesdruckerei, die unter anderem die Personalausweise herstellt und großer Infineon-Kunde ist.
Aufsichtsrat wiederholt unter Druck
Bereits auf dem Aktionärstreffen 2009 hatte Hermes Infineons Kontrollgremium scharf kritisiert und zahlreiche Aktionäre auf seine Seite gezogen. So wurde der Aufsichtsrat einschließlich Wucherer nur mit einer knappen Mehrheit entlastet. "Vielleicht ist es nicht das Richtige, Wucherer zum Aufsichtsratschef machen zu wollen", sagte der zuständige Hermes-Manager Hans-Christoph Hirt kürzlich der "FTD". Am Montag war er für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.
Erholung der Märkte sichert Existenz
Nach der Insolvenz der Speicherchiptochter Qimonda im Januar 2009 hatte Infineon tief in der Krise gesteckt. Das Überleben des Konzerns mit einem Jahresumsatz von zuletzt gut drei Milliarden Euro konnten nur drastische Kostensenkungen und eine geschickt eingefädelte Kapitalerhöhung sichern. Ohne eine Entspannung an den Finanzmärkten wäre diese aber kaum möglich gewesen.
Offener Brief wirbt um Aufsichtsrats-Kandidat
Um die absehbare Kritik an seinem Kandidaten einzufangen, hatte sich Kley kürzlich in einem Brief auf der Internetseite von Infineon an die Aktionäre gewandt. Wucherer sei ein "profunder Infineon-Kenner", so Kley.
Keine Absprachen mit anderen Anlegern
Hermes hat rechtsverbindliche Absprachen mit anderen Anlegern vermieden, um sich nicht dem Vorwurf des "Acting in Concert" auszusetzen. Danach müssen Investoren, die strategisch zusammenarbeiten, ein Übernahmeangebot für sämtliche Aktien eines Konzerns abgeben, sofern sie gemeinsam auf über 30 Prozent der Stimmen kommen. Wenn sie sich nur punktuell für eine Entscheidung - wie etwa der Aufsichtsratswahl - zusammentun, entfällt nach derzeit herrschender Auslegung diese Pflicht.
Quelle: Financial Times Deutschland
, t-online.de