16.09.2010, 14:53 Uhr | FTD, Daniela Schröder
Der Bierdeckel wurde Ende des 19. Jahrhunderts erfunden. (Foto: Imago)
In Teilen Bayerns wird die Maß noch immer auf dem "Bierfilzla" abgestellt. Diese Bezeichnung stammt aus der Zeit, in der Biergläser noch auf übelriechenden Filzplatten kredenzt wurden. Das stank einem Holzmüller aus Sachsen. Also erfand er den Pappuntersetzer.
Ende des 19. Jahrhunderts kommt sich der Dorfkrugwirt stets vor wie ein Waschweib. Sind die letzten Zecher aus der Tür gewankt, zieht er ihre Bierfilze kurz durchs Wasser und hängt sie zum Trocknen auf. Am nächsten Tag pflückt er den stinkenden Filzstoff wieder von der Leine. Da muss es doch eine bessere Lösung geben als den muffigen Stoffdeckel, denkt sich der sächsische Mühlenbesitzer Robert Ludwig Sputh und bestellt ein neues Pils. Saugfähig und dennoch stabil muss es sein, vor allem aber billig. Sputh nimmt einen kräftigen Schluck. Saugfähig, stabil und billig, überlegt er. Im Prinzip so wie Papier.
Sputh sitzt buchstäblich an der Quelle. Seit einigen Jahrzehnten werden Papier und Pappe nicht mehr aus den Zellstofffasern alter Leinenkleidung hergestellt, sondern aus zermahlenem Holz. Der gelernte Kaufmann besitzt eine gut gehende Holzschliffmühle in Sachsen. Doch Sputh will endlich etwas Eigenes auf den Markt bringen.
Er beginnt, mit Holzfasern zu experimentieren. Eines Abends gießt er Papierbrei in eine Siebform, presst die Feuchtigkeit heraus und lässt die Papierplatte über Nacht trocknen. Am nächsten Morgen ist der erste Pappbierdeckel fertig und Sputh ein Erfinder. Er lässt seine kleine Papiermühle ausbauen und stellt neue Arbeiter ein. Am 25. Oktober 1892 erhält er das Patent 68.499 für sein "Verfahren der Herstellung von Holzfilzplatten oder Holzfilzdeckeln".
Die Bierdeckel der ersten Generation sind dicker und saugfähiger als die heutigen Modelle, ihr Durchmesser von 107 Millimetern aber ist nach wie vor Standard. Auch der Werbefaktor gilt von Anfang an. Oben tragen die Pappen die Namen und Wappen der Brauereien, unten sinnige Sprüche wie "Bier ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die schmackhafteste, unter den Nahrungsmitteln das angenehmste".
Zum Massenprodukt macht den Bierdeckel dann aber ein Unternehmer aus dem Schwarzwald: Casimir Otto Katz. Auch er betreibt eine Holzmühle, anders als Sputh jedoch sucht Katz zunächst nur eine Möglichkeit, Holzreste weiterzuverwerten. Als er von dem neuen Bierdeckel aus Sachsen hört, wittert er sofort eine Riesenchance. Katz modernisiert seine Anlagen. 1903 beginnt er damit, Bierdeckel im großen Stil zu produzieren. Die Fichten und Tannen des Schwarzwalds liefern Massen an Rohstoff, Katz' Geschäft brummt. Die großen Brauereien können gar nicht genug bekommen von dem perfekten Werbeträger.
Um die große Nachfrage zu bedienen, entwickelt das Unternehmen Ende der 60er-Jahre ein Gerät, das die Arbeitsgänge Drucken und Stanzen kombiniert und die Produktionszeit auf ein Minimum drückt. Die neue Maschine schafft täglich eine Million Bierdeckel, später stellt die Katz-Gruppe bis zu 15 Millionen Bierdeckel pro Tag her - fast zwei Drittel der Gesamtproduktion in Europa. Weltweit lag der Marktanteil des Unternehmens bis vor Kurzem bei knapp 70 Prozent.
Gegen moderne Bierwerbung sah der Pappdeckel dennoch irgendwann alt aus. Über kreatives Design und neue Untersetzer für Trendgetränke machte sich bei Katz lange keiner Gedanken. Auch an neue Auslandsmärkte traute sich der Fastmonopolist erst spät heran. Im Frühjahr 2009 dann der Absturz: Die Katz-Gruppe musste Insolvenz anmelden. Ein halbes Jahr später wurde die Bierdeckelfirma von einem badischen Unternehmen gekauft - einem Papierhersteller.
Quelle: Financial Times Deutschland
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