30.03.2010, 09:26 Uhr | Axel Gloger
Fehlende Liquidität hat schon manch gesundem Unternehmen die Existenz gekostet. Wenn der laufende Geldeingang stockt, können oft nur noch externe Berater helfen.
Wenn Burkhard Jung kommt, ist das Konto meist schon leer, unbezahlte Rechnungen stapeln sich. Jung ist dann in seinem Element. Der Vorstandschef von CMS, einem Sanierungsspezialisten, schaut in die Auftragsbücher und lässt sich die Kontoauszüge vorlegen. "Liquiditätskrise", lautet derzeit regelmäßig seine Diagnose. Viele Unternehmer haben das Thema Liquidität einfach nicht auf dem Radar. "Sie lassen sich jeden Monat eine Aufwands- und Ertragsrechnung vorlegen", sagt der Krisenberater, "aber an den Geldeingang denkt niemand." Das sei ein Systemfehler in der deutschen Buchhaltung. Er hat schon manche Firma die Existenz gekostet - die Auftragsbücher waren voll, aber es fehlte Bargeld.
Liquiditätsengpässe sind meist hausgemacht. Lieferanten pochen auf pünktliche Zahlung, die Kunden aber zögern ihre Überweisungen hinaus. "Aus 30 Tagen werden schnell mal 45 Tage Zahlungsziel", sagt Jung. Dann beginnt eine fatale Kette des Wegschauens. Der Geschäftsführer denkt nur "wird schon wieder", hofft auf den nächsten großen Auftrag und verdrängt, dass selbst wenn er kommt, das Geld erst Monate später fließt.
Der Bank sagt er von der sich anbahnenden Geldklemme lieber nichts - das könnte ja den Kontokorrent gefährden. Trifft dann eine erhoffte Zahlung nicht ein oder wird ein Auftrag abgesagt, ist von einem Tag auf den anderen kein Geld mehr da. In den meisten Liquiditätskrisen ist also keine finstere Macht am Werke. Dennoch kann meist nur noch ein Berater weiterhelfen. "Die Geschäftsführer sind wie gelähmt, sie kämpfen mit Tunnelblick um das Überleben für die nächsten Tage", sagt Jung. Der Berater ist der einzige, der noch den Kopf frei hat - und entscheiden kann, wo es die nächsten Monate langgeht.
Die Agenda lautet: "Die Selbstfinanzierungskraft stärken." Gut aufgestellte Unternehmen wissen um die Bedeutung dieses Themas. 78 Prozent der mittelständischen Weltmarktführer sagen, der laufende Geldeingang sei ihre wichtigste Kapitalquelle - weit vor dem Bankkredit, wie eine Befragung von Simon-Kucher & Partners ergab.
Das bringen die Berater den strauchelnden Unternehmen als Erstes bei. In der Regel dauert das drei bis sechs Monate. In dieser Zeit geht der Berater zur Bank und wirbt dort für Vertrauen. Dann beleiht oder verkauft er das Tafelsilber - so weit nötig. Auch die guten Lieferanten werden oft an einen Tisch gebeten - mit einer eindeutigen Bitte um Zahlungsaufschub. Schließlich zeigt er seinen Kunden, wie ein rollierender Liquiditätsstatus aussieht. "Listen sie alle Eingangsrechnungen und alle Debitoren mit Fälligkeitstermin auf", fordert Jung die Unternehmer auf. Wer das für drei Monate im Voraus tut, hat seinen Geldeingang unter Kontrolle.
Quelle: Financial Times Deutschland
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