17.12.2009, 19:03 Uhr | Financial Times Deutschland
Hongkong - Probleme durch lockere US-Geldpolitik (Foto: AFP)Die US-Notenbank hält den Leitzins längerfristig auf einem historischen Tief. Was gut für die Vereinigten Staaten ist, sorgt in Asien für gewaltige Unruhe. Besonders Hongkong fürchtet Vermögensblasen und heftige Kursausschläge. Die Niedrigzinspolitik der US-Notenbank Federal Reserve erhöht in Asien die Gefahr von Vermögensblasen. Ein tiefer Leitzins in den Vereinigten Staaten und das rasante Wachstum der chinesischen Volkswirtschaft werde im kommenden Jahr zu einem "Kapital-Tsunami" führen, schrieb die japanische Bank Nomura in einem Researchbericht. "Wir gehen davon aus, dass die Fed erst im Frühjahr 2011 an der Zinsschraube drehen wird. Das könnte zu starken Kapitalflüssen nach Asien führen. Es könnte ein Tsunami werden", führte Nomura aus.
Die Fed kündigte am Mittwoch an, den Leitzins noch "für eine längere Zeit" auf sehr niedrigem Niveau zu belassen. Das gilt als Signal, dass sie diesen Satz von derzeit 0 bis 0,25 Prozent binnen sechs Monaten nicht anheben wird. Zudem hält die Fed daran fest, bis Ende März 2010 für 1425 Milliarden Dollar mit Hypotheken besicherte Anleihen zu kaufen, um den Häusermarkt zu stützen. Nur einige in der Krise aufgelegte Liquiditäts- und Kredithilfen will sie wie geplant zum 1. Februar und andere später im Jahr auslaufen lassen.
Für Schwellenländer - insbesondere in Asien - ist die lockere Haltung der Fed eine Herausforderung. Enorme Kapitalzuflüsse - in diesem Jahr zog Asien nach Schätzung von Nomura 241 Milliarden Dollar an - erhöhen die Inflationsgefahr und die Risiken von Übertreibungen auf den Aktien- und Immobilienmärkten der jeweiligen Länder. Vertreter Chinas, Japans, Südkorea und anderer Staaten hatten bereits mehrmals öffentlich darauf hingewiesen.
Import von lockerer Geldpolitik
"Starkes Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern könnte bedeuten, dass Staaten, die den Wechselkurs frei schwanken lassen, sich auf Aufwertungen ihrer Währungen und noch mehr Kapitalzuflüsse gefasst machen könnten", schrieb Morgan-Stanley-Volkswirt Manoj Pradhan in einem Researchbericht. "Länder mit festen Wechselkursen importieren dagegen die lockere Geldpolitik der großen Zentralbanken", so Pradhan. "Teuerungsrisiken bleiben im System. Nicht, weil die Zentralbanken nicht aggressiv handeln können, sondern weil sie es einfach nicht tun werden." Morgan Stanley sieht den US-Leitzins Ende 2010 bei 1,5 Prozent und bei zwei Prozent 2011.
Hongkong besonders betroffen
Die Fragen der Risiken von Vermögensblasen stellen sich besonders dringlich im Fall Hongkongs. Die Metropole hat ihre Währung an den Dollar geknüpft und folgt deshalb der Geldpolitik der Fed. Die Immobilienpreise legten in den vergangenen zehn Monaten ununterbrochen zu, der Hang-Seng-Index kletterte seit Jahresbeginn um 50 Prozent. Die Zentralbank, die Hong Kong Monetary Authority (HKMA), warnte vor "scharfen Korrekturen". In ihrem Quartalsbericht schrieb die HKMA, dass die Börsenrally von ausländischem Kapital getrieben sei und Abflüsse zu "Volatilität in der Realwirtschaft" führen könnten. Die HKMA beließ den Leitzins bei 0,5 Prozent.
Leitzinserhöhung kehrt Geldfluss um
Seit Dezember 2008 flossen umgerechnet 83 Milliarden Dollar nach Hongkong. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Märkte schwanken würden, sobald die Fed den Leitzins erhöht und sich die Zuflüsse umkehren", sagte Wensheng Peng, Asienvolkswirt bei Barclays Capital. "Das Risiko ist nicht auf Hongkong beschränkt, sondern erstreckt sich auf alle Schwellenländer, insbesondere Asien", sagte Peng.
Lebensmittel dürften teurer werden
Auch Inflation dürfte 2010 ein Thema sein. Neben Energiepreisen - das Nordseeöl Brent verteuerte sich seit Jahresbeginn um 84 Prozent - dürften sich auch die Lebensmittel verteuern. Das zeichnet sich schon jetzt bei Reis, Palmöl, Milchprodukten, Zucker und Schweinefleisch ab. Barclays Capital sieht vor allem in Indien und Singapur Teuerungsgefahren.
Schuldner müssen mehr Eigenkapital mitbringen
Fraglich ist, wie die asiatischen Zentralbanken 2010 handeln werden. Bis jetzt beschränken sie sich darauf, die Kreditvergabe zu zügeln. In Südkorea beispielsweise wurden die Anforderungen an das Verhältnis zwischen Darlehenssumme und Vermögenswert verschärft. Das bedeutet, dass die Schuldner zukünftig mehr Eigenkapital einbringen müssen. Eine geldpolitische Straffung ist noch kein Thema. Die philippinische Zentralbank beließ den Leitzins am Donnerstag dementsprechend auf einem historischen Tief, kündigte aber an, "sorgfältig" über einen Exit nachzudenken.
Leichte Erhöhung der Leitzinsen 2010
Zinserhöhungen zeichnen sich nächstes Jahr also ab - wenn auch nur moderat. Barclays Capital rechnet mit 175 Basispunkten in Indien, 100 Basispunkten in Südkorea, 25 Basispunkten in Taiwan, 54 Basispunkten in China und 100 Basispunkten in Indonesien. Die Währungen der Länder würden um 2 bis 7 Prozent 2010 zulegen.
Neue Herausforderungen an das Liquiditätsmanagement
Der Spielraum der asiatischen Zentralbanken sei eher gering, sagte Barclays-Capital-Asienstratege Peter Redward: "Die Marktteilnehmer rechnen mit Währungsaufwertungen, was angesichts der attraktiven Zinsdifferenzen wieder zu Kapitalzuflüssen führt. Das geschieht in Form von Portfolioinvestments, Krediten, Einlagen und offene Positionen von Banken sowie Unternehmen", sagte Redward. "Die Kapitalzuflüsse haben das Potenzial, die Herausforderungen für die Länder in Bezug auf Liquiditätsmanagement zu erhöhen. "Das könnte eine Verschärfung ihrer Geldpolitik im Wege stehen", sagte Redward.