04.06.2010, 12:00 Uhr | Sabine Meinert
Die Dominanz einzelner Hirnregionen beeinflusst die Persönlichkeit und das Verhalten. (Foto: Imago)
Für verschiedene Tätigkeiten und Aktionen nutzt der Mensch verschiedene Areale des Gehirns. Die Dominanz einzelner Hirnregionen hat wesentlichen Einfluss auf die Persönlichkeit und das Verhalten. Das ist entscheidend auch für den Führungsstil.
Bereits in den 50er-Jahren befasste sich der amerikanische Hirnforscher Paul MacLean mit den "Gehirnmechanismen von Gefühlen". Er entwickelte die Theorie des "Dreieinigen Gehirns" ("Triune Brain"), prägte den Begriff des Limbischen Systems und untersuchte die Zusammenhänge zwischen Hirnstruktur und Verhalten.
In den 70er-Jahren entwickelte Rolf Schirm daraus ein Persönlichkeitsmodell. Typische Eigenschaften und Verhaltensdispositionen werden darin mit den einzelnen Gehirnarealen in Verbindung gebracht: dem Stammhirn, dem Zwischenhirn und dem Großhirn. Die Analyse bringt die Biostruktur eines Menschen zum Vorschein und wird in einem sogenannten Structogram dargestellt.
Das klingt kompliziert, ist jedoch relativ simpel und durchaus handhabbar, weiß Unternehmensberaterin Silke Wöhrmann: "Den einzelnen Hirnregionen wird eine Farbe zugeordnet. Das Stammhirn ist grün, das Zwischenhirn rot, das Großhirn blau. Die Region, die eine besondere Dominanz auf uns ausübt, bestimmt die Persönlichkeit. Die Wissenschaft kann hier also einen Schlüssel zur Selbsterkenntnis liefern."
Eine hohe Stammhirndominanz stehe häufig für Beziehungsmenschen. Sie gehen gern auf andere zu, pflegen Kontakte, entscheiden und arbeiten eher intuitiv, so Wöhrmann. Der Hang zu Struktur und Planung sei dagegen nicht immer ihre große Stärke.
Menschen mit einer Zwischenhirndominanz sind der Typologie zufolge dagegen eher dynamisch. Sie suchen den Wettbewerb, können sich gut durchsetzen, gelten als entscheidungsfreudig und innovativ. Sie sind aber häufig auch ungeduldig - eine Folge: sie können weniger gut zuhören.
Von einer Großhirndominanz spricht man, wenn jemand eher analytisch und strukturell denkt und handelt. Solche Personen agieren zukunftsorientiert und planvoll, sie sind oft detailorientiert. Im Team und in zwischenmenschlichen Beziehungen sind sie dagegen möglicherweise eher distanziert.
"Jeder hat alle Gehirnareale und daher alle drei Farben in sich, aber eine davon überwiegt. Es gibt allerdings auch Mischformen", erläutert Wöhrmann. "Ich bin zum Beispiel eine Kombination aus Blau und Rot - also aus Groß- und Zwischenhirn-geprägt. Ich brauche eine Struktur und überlege mir viele Schritte sehr genau, aber ich versuche auch, die Ergebnisse meiner Arbeit offensiv zu präsentieren."
Die Gehirnstruktur, so die Fachfrau aus Hamburg, ist genetisch vorbedingt und unveränderbar. Zusammen mit den umweltabhängigen, veränderbaren Merkmalen der Persönlichkeit ergibt sie die Persönlichkeitsstruktur.
Die Biostrukturanalyse nach Schirm legt offen, wo liegen die Stärken des Einzelnen? Wo hat er Potenzial, wo liegen Begrenzungen? Die Antworten auf diese Fragen helfen, sich besser einzuschätzen. Die Ausprägung - ob man eher ein roter oder grüner Mensch ist - lässt sich nicht ändern, aber man kann erkennen, wie man besser mit seinem Umfeld umgeht", so Wöhrmann, die auch Coachings durchführt.
Wer seine Biostruktur kennt und akzeptiert, stehe letztlich authentischer da. "Oder wie Schirm es formulierte: 'Erfolgreiche Menschen sind ganz sie selbst.' Sie verhalten sich entsprechend ihrer Persönlichkeitsstruktur und nutzen ihre Stärken", so Wöhrmann. Die eigene Biostruktur zu kennen - und in ihr liegende Chancen zu nutzen - , sei ein weiterer Erfolgsfaktor.
Für Führungskräfte nicht ganz unwichtig ist zudem zu erkennen, wie man mit unterschiedlich geprägten Mitarbeitern, Partnern oder Kunden umgehen kann. Eine angepasste Kommunikation sorgt beispielsweise für ein besseres Klima und intensivere Zusammenarbeit im Team, zeigt die Erfahrung seit den Siebzigern.
"Es regt zudem zum Nachdenken an, ob die starre Einteilung von Führungsstilen sinnvoll ist. Eine 'grüne' Führungskraft sollte ihre Stärke in der zwischenmenschlichen Kommunikation nutzen und sich zum Beispiel einen Partner suchen, der dieser Kommunikation Struktur verschafft", rät Wöhrmann. " Ein 'roter' Chef hingegen wird nie darauf verzichten, seine Ideen auch durchzusetzen. Er kann aber dafür sensibilisiert werden, seine Mitmenschen stärker einzubeziehen. Ein 'blauer' Chef mag eine aufgabenorientierte Führung, kann aber auf der Basis der Biostruktur seinen 'grünen' Anteil entdecken und diesen verstärken."
Die Biostrukturanalyse wird ausschließlich von lizensierten Coachs in speziellen Trainings durchgeführt. Der zugehörige Test umfasst 10 Aufgaben mit 39 Unterpunkten. Im Ergebnis wird die Persönlichkeitsstruktur in einem farbigen Kreisdiagramm, dem Structogram, dargestellt.
Quelle: Financial Times Deutschland
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