08.01.2010, 13:23 Uhr | Spiegel-Online, Daniela Schröder
Das Bremer Unternehmen OHB hat sich den Auftrag für das Navigationssystem Galileo gesichert. (Foto: Imago)
Die Firma ist klein, aber erfolgreich: Das Bremer Unternehmen OHB hat einen Großauftrag für das europäische Navigationssystem Galileo bekommen und damit zum zweiten Mal die mächtige EADS-Tochter Astrium ausgestochen. Ob es aber zu Folgeaufträgen kommt, hängt von der Politik ab.
Es ist nicht lange her, da wollten sie in einer neuen Branche wachsen. Wollten groß werden, eine richtige Nummer im Flugzeugbau. Doch sie galten als zu klein und inkompetent - und mussten den Plan begraben. Deshalb konzentrierte sich das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB auf das, worin es gut ist: Satelliten. Jetzt ist es plötzlich ein Vorteil, klein zu sein.
Denn OHB wurde zum David, der Goliath besiegt - auch wenn sie das in Bremen schon nicht mehr hören können. Und doch scheinen sie die Rolle fest gebucht zu haben: Bereits zum zweiten Mal hat der Bremer Mittelständler nun der mächtigen EADS-Tochter Astrium eine Niederlage verpasst. Vor acht Jahren gewann OHB einen Auftrag der Bundeswehr für acht Radarsatelliten - Astriums Satellitenchef musste nach der Schlappe gehen. Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Europäische Kommission bei OHB eine erste Tranche von 14 Satelliten für das geplante europäische Navigationssystem Galileo bestellt. Auftragswert: 566 Millionen Euro. Auch um diese Ausschreibung hatten OHB und Astrium hart gekämpft.
Von hanseatischer Zurückhaltung war bei OHB-Chef Marco Fuchs, Halbitaliener und italienischer Honorarkonsul, nach der Siegesnachricht aus Brüssel denn auch wenig zu spüren. "Wir haben den großen Kuchen gewonnen", freute er sich. "Es ist 14 zu Null für uns ausgegangen." Der Grund für den Zuschlag ist für Fuchs einfach: "Wir haben das bessere und das günstigere Angebot gemacht."
Tatsächlich soll es 100 Millionen Euro günstiger gewesen sein als das der Münchner Konkurrenz. Doch am Preis allein lag es wohl nicht: Auch bei der Technik für die Galileo-Satelliten, sagen Branchenkenner in Brüssel, habe sich OHB überzeugender präsentiert als die EADS-Tochter. Die Bremer gelten als führend auf dem Markt für innovative und leistungsfähige Kleinsatelliten, schon 1994 kreiste der erste 'Made by OHB'-Mini im Weltall.
Während der Entstehungsphase der Produkte wird zunächst nicht an die Auflage gedacht. "Erstmal entwickeln wir den Satelliten, egal wie viele davon später gebaut werden", sagt Fuchs. In der Entwicklungsphase stecken seine Wissenschaftler und Ingenieure seit vergangenem Sommer. Damals überwies die Europäische Weltraumbehörde ESA, im Galileo-Projekt Partner der EU-Kommission, mehrere Millionen Euro Forschungsgelder an die beiden Bieter OHB und Astrium.
Bisher betonte der EADS-Ableger stets, beim Entwickeln von Navigationssatelliten drei Jahre weiter zu sein als alle anderen. Dass die Galileo-Satelliten nun in Bremen gebaut werden, dürfte in München denn auch für diverse Krisengespräche sorgen. "Wir nehmen die Entscheidung zur Kenntnis, dass die EU-Kommission ausschließlich OHB mit dem Bau von Satelliten beauftragt hat", kommentierte ein EADS-Sprecher am Donnerstag. Man werde die Gründe genau analysieren. Heißt übersetzt: Wir sind ziemlich sauer.
Dabei kommt die Entscheidung nicht ganz überraschend. Schon im vergangenen Monat war durchgesickert, dass der kleine Konkurrent das Rennen machen würde. Seitdem ging die OHB-Aktie auf Höhenflug, nach dem offiziellen Entscheid der EU-Kommission schoss das Papier sogar um zehn Prozent nach oben. Ohnehin gelten die Aussichten für die Bremer als rosig, denn Aufträge gibt es genug. Der Umsatz ist im vergangenen Jahr wieder gewachsen und dürfte bei 300 Millionen Euro liegen. Mit dem fast doppelt so hohen Satelliten-Auftrag aus Brüssel muss OHB quasi neu rechnen lernen.
Kein Wunder also, dass sich Unternehmenschef Fuchs erstmal neue Leute ins Haus holt. Kaum war aus dem Galileo-Gerücht eine Nachricht geworden, knallte die Firma ein feuerrotes "Wir stellen ein!" auf ihre Internetseite, dazu ausführliche Profile der gesuchten Experten. "Ein Dutzend, vielleicht auch zwei" würden zu den gut 1500 Beschäftigten dazu kommen, so der OHB-Chef, "aber sicher nicht Heerscharen."
Denn das Unternehmen solle vor allem flexibel bleiben. "Wir sind ein Familienunternehmen, wir verwetten nicht Haus und Hof auf diesen Vertrag." Wenn der Galileo-Auftrag erledigt sei, sagt Fuchs, "dann will ich keine Fabrik haben, die wieder leer steht". Denn trotz des Erfolgs ist seine Strategie klar: In kleinen Strukturen arbeiten, nicht alles selbst machen, Aufträge an andere Unternehmen vergeben. Denn nur mit Schnelligkeit und Effizienz, so sein Credo, kann sich auch ein mittelständisches Familienunternehmen im Wettbewerb gegen die Großkonzerne durchsetzen.
Und das funktioniert, seit Fuchs' Mutter 1982 die OHB abgekürzte Otto Hydraulik Bremen kaufte. Damals war das eine Elektrowerkstatt mit fünf Mitarbeitern, die für die Bundeswehr Schiffssysteme reparierte. Weil ihr Mann Manfred aber als Luftfahrtingenieur arbeitete, stiegen die beiden drei Jahre später ins Geschäft mit der Raumfahrt ein. Das steht auch heute noch unter Verantwortung des Vaters, Mutter Christa ist Vorsitzende des Aufsichtsrats. Insgesamt hält die Familie 70 Prozent der Anteile.
Aus dem kleinen Betrieb ist längst ein Unternehmen geworden, das eine der bemerkenswertesten Wachstumsgeschichten in der deutschen High-Tech-Industrie hinter sich hat. Vor zwei Jahren wurde sogar darüber verhandelt, die deutschen Airbus-Werke zu kaufen. Jetzt sei er heilfroh darüber, dass das nicht geklappt habe, sagt Fuchs heute.
Das klingt ein bisschen trotzig - und das ist verständlich: Denn im Airbus-Mutterkonzern EADS war damals umstritten, ob die mittelständische OHB der Aufgabe gewachsen sei. Schließlich stoppten die Münchner überraschend die Verhandlungen, und der Traum der Bremer vom Einstieg in die Luftfahrtbranche platzte. Ein Grund mehr also für die Genugtuung bei OHB, jetzt im Wettstreit um die Galileo-Satelliten die Nase vorn zu haben.
Kein Wunder also, dass man sich für die Zukunft selbstbewusst gibt: "Wir sind jetzt gut positioniert und werden bei jeder Tranche mitbieten", kündigt Fuchs an. Bauaufträge für maximal 18 Satelliten werden noch vergeben, auch darum dürfen sich nur OHB und EADS-Astrium bewerben. Wie das Rennen ausgeht, ist offen. Denn es ist fraglich, ob ESA und EU-Kommission wieder nach Preis und Qualität gehen - oder ob sie sich möglichem politischem Druck aus dem EADS-vernarrten Paris beugen. Gegen eine solche Wettbewerbsverzerrung ist auch der David aus Bremen nicht gefeit.
Spiegel-Online, Daniela Schröder
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