23.10.2009, 16:40 Uhr | Financial Times Deutschland
Die Gas-Messstation Sudzha in Russland 200 Meter von der Grenze zur Ukraine entfernt (Foto: dpa)Europäische Verbraucherländer beobachten den schwelenden Gaskonflikt zwischen Russland und der Ukraine mit wachsendem Unbehagen. "Wir haben große Sorgen, ob die Verlässlichkeit der Lieferungen gegeben ist", sagte der ungarische Wirtschaftsminister Istvan Varga am Rand einer Veranstaltung in Düsseldorf. Strukturell sei der Konflikt nicht gelöst, sagte Jochen Weise, Beschaffungsvorstand des größten deutschen Erdgas-Importeurs E.ON Ruhrgas, der "Financial Times Deutschland" (FTD).
Ein erneuter Gasstreit gilt auch deshalb als denkbar, weil die Beziehungen zwischen Russland und dem Transitland Ukraine auf einem Tiefpunkt sind. Mitte August hatte Russlands Präsident Dmitri Medwedew seinen ukrainischen Amtskollegen Viktor Juschtschenko in einem offenen Brief heftig kritisiert und ihm einen antirussischen Kurs vorgeworfen. In Kiew herrscht die Befürchtung, der Kreml wolle auf die ukrainische Präsidentenwahl im Januar Einfluss nehmen, bei der Juschtschenko unter anderem gegen den eher prorussischen Kandidaten Viktor Janukowitsch antritt.
Russland zürnt der EU
Schon im Januar 2009 - auf dem Höhepunkt der Verbrauchssaison - war es zu Lieferunterbrechungen gekommen. Russland ist mit 35 Prozent Marktanteil größtes Lieferland Deutschlands. "Lieferstörungen sind nicht auszuschließen, in der derzeitigen Lage aber eher unwahrscheinlich", sagte E.ON-Manager Weise. Sowohl der russische Exporteur Gazprom als auch die ukrainische Naftogaz hätten ein Interesse daran, die Situation stabil zu halten. Zudem könnten Produzenten in Norwegen und den Niederlanden ihre Lieferungen erhöhen. Doch in Moskau sitzt der Ärger über Gespräche der EU mit der Ukraine tief. Die EU-Verbraucherländer hatten über die Modernisierung des ukrainischen Pipelinenetzes verhandelt, ohne Russland zu beteiligen.
Die Europäer zeigen sich gut gerüstet
Die Versorgung der Endkunden sei sichergestellt, versicherte der Ruhrgas-Vorstand. Die deutschen Speicher sind jedenfalls randvoll. Anfang dieser Woche waren sie nach Daten der Brüsseler Organisation Gas Storage Europe zu 97 Prozent ausgenutzt, ähnlich in anderen westeuropäischen Ländern. "Wir sind vorbereitet", sagte auch Varga. Ungarn ist allerdings neben der Schweiz das einzige Land Europas, das eine echte Krisenreserve angelegt hat. Die 46 deutschen Speicher, deren Kapazität rechnerisch für 40 Wintertage reicht, dienen nur dem kommerziellen Interesse der Betreiber, etwa dem Ausgleich von Verbrauchsspitzen.
Deutschland hat keine Gasreserve
"Es gibt in Deutschland keine strategischen Gasvorräte für den Krisenfall", kritisierte Bernd Schnittler, Geschäftsführer des Außenhandelsverbands für Mineralöl und Energie. Eine erneute Lieferunterbrechung könnte die Diskussion um ein Gesetz zur Anlage von Notfallreserven wieder in Gang bringen. Vorbild wäre ein Gesetz von 1978, nach dem bei Erdöl ein Vorrat für 90 Tage gebunkert werden muss. Die Internationale Energieagentur (IEA) hat empfohlen, auch für Gas Krisenreserven zu schaffen.
Noch keine Alternative zur Ukraine-Route
Die Lieferunterbrechungen vom Januar hätten den Bau von Alternativen zur Ukraine-Pipeline beschleunigt, sagte der Münchener Energieexperte Karlheinz Bozem: "Diese neuen Projekte wirken sich aber frühestens in drei bis vier Jahren aus." Dazu zählten Pipelines wie Nord Stream in der Ostsee oder Nabucco aus dem kaspischen Raum, der stärkere Import von verflüssigtem Erdgas (LNG) und größere Speicher.