
13.12.2010, 09:34 Uhr | Spiegel Online
Eine Computersimulation zeigt den "Ochta-Turm", den Gazprom nie an dieser Stelle bauen wird (Foto: dpa)
Die Bevölkerung hat gesiegt: Nach jahrelangem Streit hat Gazprom ein Bauprojekt im Herzen St. Petersburgs aufgegeben. Der Energieriese wollte einen Wolkenkratzer in Form einer Gasflamme errichten - doch der Konzern stieß auf erbitterten Protest.
Gazprom-Chef Alexej Miller hat sein persönliches Stuttgart 21 - nur hat, anders als in Deutschland, letztlich die Bevölkerung gesiegt: Nach jahrelangem Zoff mit dem Plebs hat der Energieriese den Kampf um den Standort für einen neuen Wolkenkratzer verloren, berichtete die "New York Times".
Nun lässt sich der Staatskonzern auf eine für seine Verhältnisse ungewöhnliche Aktion ein: Er probt den Kniefall vor der Bevölkerung. Der Plan, den Ochta-Turm, ein rund 400 Meter hohes Stahl- und Glasungetüm, in St. Petersburgs historischem Zentrum hochzuziehen, ist vom Tisch.
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Gazoskryob nannten Gegner das Gebäude, den "Gaskratzer". Das Design wurde 2006 vom britischen Architekturbüro RMJM entworfen. Den Bauvisionären schwebte ein in sich verdrehter Stahlturm vor, dessen Form an eine flackernde Flamme erinnert. Direkt am Fluss Newa gelegen hätte der "Gaskratzer" einen monströsen Schatten über die umliegenden Gotteshäuser geworfen. Und er hätte die Isaakskathedrale und die Peter-und-Paul-Kathedrale um Längen überragt.
Gazprom-Chef Miller lobte den 77 Stockwerke starken Entwurf von RMJM, in dem einst die Erdöltochter Gazprom Neft über der Stadt thronen sollte. St. Petersburg sollte seine Kühnheit umarmen, sagte er. Sie sollten die Gasflamme als neues Symbol der Stadt akzeptieren. Dann gab Russlands heimlicher Präsident Wladimir Putin sein Plazet, und jeder weitere Protest gegen den Prestigebau schien zwecklos.
Doch die Mächtigen hatten die Bevölkerung unterschätzt. Die Meinung von Russlands Elite war weniger monolithisch als erwartet. Die Kultur-Elite verdammte die Gasflamme, stilisierte sie zum Emblem der russischen Energie-Hybris; der Direktor des Hermitage Museums protestierte gegen das Gebäude; der Kulturminister monierte, der Bau sei zu hoch, er verstoße gegen die städtischen Bauvorschriften. Dann drohte auch noch die Unesco, der Stadt St. Petersburg ihren Status als Weltkulturerbe abzuerkennen.
Schließlich knickte Gazprom ein. Der Wolkenkratzer wird jetzt woanders gebaut, sagte Bürgermeisterin Walentina Matwijenko. "Wir haben alle Vor- und Nachteile evaluiert, doch wir können nicht ewig diskutieren."
Quelle: Spiegel Online
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