02.03.2009, 10:45 Uhr | Financial Times Deutschland
Leitzinsen - Wie tief kann und will die EZB gehen? (Quelle: ddp)Die Währungshüter der Europäischen Zentralbank (EZB) werden nach Einschätzung führender Volkswirte ihren Leitzins weiter aggressiv senken. Grund sind die anhaltende schwere Wirtschaftskrise und die rapide sinkende Inflation im Euro-Raum. Für die Sitzung an diesem Donnerstag erwarten die von der "Financial Times Deutschland" (FTD) monatlich befragten Ökonomen internationaler Banken einmütig, dass die Währungshüter den Zins von 2,0 auf 1,5 Prozent zurücknehmen. Das ist das niedrigste Niveau seit der Euro-Einführung im Jahr 1999.
Aber selbst bei diesem Rekordtief dürfte nicht Schluss sein. Nahezu einhellig gehen die Experten davon aus, dass der Zins mindestens auf 1,0 Prozent sinkt. Zudem wächst die Zahl jener, die einen noch niedrigeren Zins erwarten. Die Citigroup, Barclays Capital, BHF-Bank und BBVA prognostizieren einen Rückgang auf 0,5 Prozent zur Jahresmitte, die Deutsche Bank auf 0,75 Prozent. "Die Krise zwingt die EZB zu handeln wie nie zuvor", sagt Julian Callow, Europa-Chefvolkswirt bei Barclays. Die Ökonomen bei Julius Bär sehen den Zins gar auf 0,25 Prozent fallen.
Zinssenkung allgemein erwartet
Seit Oktober hat die EZB den Zins bereits um 225 Basispunkte gesenkt - so aggressiv wie nie. Für Donnerstag haben EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und andere Notenbanker die Tür für einen weiteren Schritt weit aufgemacht. Unter den EZB-Räten gibt es aber Bedenken, ob sie weiter so schnell oder noch allzu stark zu senken sollen. Deshalb hielt die EZB den Satz im Februar zunächst konstant.
Bei Nullzins kein Handlungsspielraum mehr
Während einige Notenbanker fürchten, ihren Spielraum voreilig aufzugeben, sorgen sich andere, dass die Inflation nach ihrem aktuellen Einbruch wieder anzieht. Einige sehen zudem die Gefahr, dass zu niedrige Zinsen weltweit die Basis für neue Finanzexzesse legen. In den USA und Japan haben die Zentralbanker den Zins auf nahe null Prozent gesenkt. Zudem kaufen sie bereits Wertpapiere auf, wie Commercial Paper. Bei der Bank of England wird erwartet, dass sie den Satz diese Woche von 1,0 auf 0,5 Prozent senkt. Auch sie kauft bereits Papiere des Privatsektors.
Wirtschaftsleistung kollabiert
Ende 2008 ist die Wirtschaftleistung im Euro-Raum kollabiert. Im Schlussquartal schrumpfte sie um 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Das erste Quartal 2009 dürfte ähnlich schlecht ausfallen. Wie das Statistikamt Eurostat am Freitag mitteilte, stieg die Arbeitslosenquote des Euro-Raums im Januar auf 8,2 Prozent.
Schrumpfen von bis zu zwei Prozent erwartet
Mit Spannung erwarten Beobachter die neuen Projektionen der EZB. Notenbankchef Trichet hat bereits signalisiert, dass sie vor allem für 2009 erheblich revidiert werden. Im Dezember hatten die EZB-Ökonomen für 2009 im Mittel eine schrumpfende Euro-Wirtschaft um 0,5 Prozent und für 2010 ein Plus von 1,0 Prozent vorhergesagt. Die von der "FTD" befragten Ökonomen rechnen damit, dass die EZB ein Minus von knapp zwei Prozent für 2009 und ein Plus von 0,8 Prozent für 2010 prognostizieren wird. Bei solchen Erwartungen versuchen die Volkswirte, die Annahmen der EZB über Ölpreis, Marktzinsen oder Wechselkurse nachzubilden.
Inflation tendenziell etwas zu niedrig
Noch deutlichere Korrekturen erwarten sie bei der Inflation: Demnach wird die EZB ihre Projektion für 2009 von 1,4 auf 0,8 Prozent und für 2010 von 1,8 auf 1,6 Prozent senken. Die EZB strebt "unter, aber nahe 2,0 Prozent" an. Im Januar lag die Teuerung bei 1,1 Prozent. "Die EZB läuft Gefahr, ihr Inflationsziel den Großteil von 2010 zu unterschießen", sagt James Nixon, EZB-Beobachter bei der Société Générale.
Deflation vorerst noch keine Gefahr
Neben zu hohen Teuerungsraten wollen Notenbanker auch zu niedrige vermeiden - vor allem wegen der Gefahr einer Deflation. Diese befürchtet die EZB offiziell zwar noch nicht, dennoch scheint die Sorge zu wachsen, die Inflation könne zu lange unter den avisierten knapp 2,0 Prozent bleiben.
Eonia-Tagesgeld unter dem Leitzins
Zuletzt haben einige Notenbanker wie Bundesbankchef Axel Weber betont, ein Leitzins von 1,0 Prozent sei so etwas wie eine Untergrenze. Hintergrund ist auch, dass der Tagesgeldsatz im Euro-Raum (Eonia) anders als früher weit unter dem Leitzins notiert. Er orientiert sich derzeit eher am Einlagenzins der EZB für überschüssige Liquidität, der stets 100 Basispunkte unter dem Leitzins liegt. Bei 1,0 Prozent Leitzins wäre der Tagesgeldsatz also de facto schon nahe null Prozent.
Diskussion über Wertpapierkäufe
Volkswirte, die einen Leitzins von weniger als 1,0 Prozent erwarten, verweisen darauf, dass dies den Dreimonats-Euribor senken würde. An diese Rate sind viele Kreditverträge direkt gekoppelt. Zudem würde es die schwer angeschlagenen Banken entlasten. Auch spekulieren Experten, dass die EZB auf unorthodoxe Mittel wie Wertpapierkäufe zurückgreift. EZB-Vertreter haben eingeräumt, dass darüber bereits im Rat diskutiert werde - es scheint aber äußerst umstritten. Einige fürchten Probleme bei der Umsetzung, andere sehen keinen Bedarf dafür.