EZB-Chef Jean-Claude Trichet (Foto: dpa)Im Kampf gegen die Rekordinflation hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins im Euro-Raum erhöht. Der wichtigste Zins zur Versorgung der Kreditwirtschaft steigt von 4,0 auf 4,25 Prozent, wie der Rat der Notenbank am Donnerstag in Frankfurt mitteilte. Dies ist die erste Zinserhöhung der EZB seit Juni 2007. Das Zinsniveau liegt damit so hoch wie seit knapp sieben Jahren nicht mehr. Der Schritt kommt nicht unerwartet: Vor der EZB-Sitzung hatten europäische Regierungschefs und Gewerkschafter vor einem Zinsschritt nach oben gewarnt, weil er die Konjunktur dämpfen könnte. Ein höherer Zins saugt Geld aus dem Markt ab: Zum einen wird das Sparen attraktiver, daher sinken zunächst der Konsum und letztlich auch die Preise. Zum anderen verteuern sich Investitionen für Unternehmen.
Die EZB gab kein Signal für rasche weitere Erhöhungen im Kampf gegen die Inflation. Die EZB werde das Notwendige tun, um Preisstabilität zu sichern, erläuterte Trichet vor Journalisten in Frankfurt. Die Zinsentscheidung am Donnerstag sei einstimmig gefällt worden. Vor knapp einem Monat hatte Trichet mit den Stichworten "erhöhte Alarmbereitschaft" den nun erfolgte Schritt bereits ungewöhnlich klar signalisiert. Die Risiken für die Preisentwicklung im Euroraum hätten sich zuletzt erhöht und seien nach wie vor aufwärts gerichtet. Auch das Geldmengen- und Kreditwachstum im Euroraum sei nach wie vor kräftig. Dies sei ein wichtiges Signal für Inflationsrisiken. Die Notenbank habe "keine Neigung" bei ihrer Geldpolitik und lege sich nicht vorab fest, betonte Trichet.
Analysten uneins
"Wie nach einer Zinserhöhung in der Vergangenheit üblich, hat sich Trichet eher bedeckt gehalten", kommentierte Commerzbank-Experte Christoph Balz. Die EZB habe sich alle Optionen für ihre künftige Geldpolitik offen gehalten. Gleichwohl sei ein weiterer Zinsschritt im laufenden Jahr möglich. Die Commerzbank sieht abhängig von der Konjunkturentwicklung eine zusätzliche Erhöhung um 0,25 Punkte im September. DekaBank-Ökonom Karsten Junius rechnet nach den jüngsten Trichet-Aussagen nicht mit einer raschen weiteren Zinserhöhung. Eine weitere Erhöhung sei "frühestens im Oktober" möglich, wenn die Rohstoffpreise nicht bald sinken. Aus Sicht der WestLB ist der Zinsgipfel in der Eurozone wahrscheinlich erreicht. Die WestLB erwartet, dass die Konjunkturschwäche die EZB von weiteren Zinserhöhungen abhalten und im nächsten Jahr zu Zinssenkungen veranlassen wird.
Vergleich Leitzinsen EZB und US-Notenbank (Grafik: dpa)
EZB sieht stabiles Wachstum
Unmittelbar vor der Zinserhöhung der EZB waren warnende Stimmen von Gewerkschaften und Politikern lauter geworden. Wegen der Abkühlung der Wirtschaft sorgen sie sich um ein Abwürgen der Konjunktur durch höhere Zinsen. Höhere Zinsen verteuern Kredite und helfen im Kampf gegen die Inflation, die im Euro-Raum im Juni mit 4,0 Prozent auf den höchsten Stand seit Einführung des Euro am 1. Januar 1999 geklettert war. Die Inflation ist damit gut doppelt so hoch wie mittelfristig von der EZB mit knapp zwei Prozent angestrebt. Derzeitig durchlaufe die Eurozone eine langwierige Periode erhöhter Inflation, sagte Trichet. Diese dürfte wohl länger anhalten als noch vor ein paar Monaten angenommen. Die Risiken für die Preisstabilität auf mittlere Sicht seien deutlich nach oben gerichtet, sie hätten sich in den jüngsten Monaten weiter verschärft. Dazu gehörten weitere Preiserhöhungen bei Energie und Lebensmitteln. Zudem bestehe die Sorge, dass breit angelegte Zweitrundeneffekte zum Inflationsdruck beitragen könnten. Damit ist eine Preis-Lohn-Spirale gemeint, in der Arbeiter wegen der steigenden Preise höhere Löhne fordern. Die EZB geht weiter von einem anhaltenden moderaten Wachstum aus, insgesamt erscheine das Wachstum solide.