11.10.2010, 10:53 Uhr | FTD.de, Anna Lu
Geschäftsreisende: eine Prüfung für Zimmermädchen. (Foto: Imago)
Für Dienstreisende sind Hotels wie ein zweites Daheim. Wer wissen will, wie sie dort hausen, muss ganz nah ran - als Zimmermädchen. Ein Erlebnisbericht.
Es gibt zwei Arten von Flecken. Klein und gelblich: Laken wechseln. Groß und rot: Matratze wechseln. Ganz einfach und für ein Zimmermädchen so alltäglich wie für den Bäcker das Brötchenbacken. So ziehen die Flecken an uns vorbei, während wir uns durch das vierte Stockwerk des Hotels saugen, wischen und schrubben. Von den Gästen ist wenig zu sehen, die meisten sind schon weg, ihrem Tagwerk nach. Das Hotel liegt in einem Hamburger Gewerbegebiet, vier Sterne, internationale Kette: Die meisten, die hier übernachten, sind auf Geschäftsreise.
Banker aus Frankfurt, Versicherungsvertreter aus Berlin, Kaufleute aus München: Kreuz und quer reisen sie durch die Republik, ein Leben zwischen Ein- und Auschecken. Wer wissen will, wie sie leben, muss zu denen gehen, die ihnen am nächsten Tag hinterher räumen - zu den Zimmermädchen. Sie haben die klassische Dienstbotenperspektive: Sie sind unsichtbar, aber näher dran als sie ist niemand. Für einen Tag bin ich eine von ihnen. Das Hotel will anonym bleiben, ebenso meine Gesprächspartner; in Wirklichkeit heißen sie alle anders.
Dienstagmorgen, halb neun: Wir sind eine Kolonne von 15 Zimmermädchen, schieben unsere Putzwagen durch die Gänge, schaffen zwischen 11 und 17 Zimmer pro Tag. Und wir putzen nicht nur, wir bringen auf Hochglanz. Gemeinsam mit Elena, 53, zupfe ich an Vorhängen herum, forme millimetergenau die Decken, poliere Spiegel. Frustrierende Feinjustierung! Merkt denn überhaupt irgendein ein Gast, ob die Vorhänge perfekt fallen? Ob der Spiegel wirklich blitzblank und oben auf dem Schrank kein Staub liegt? Elena verzieht keine Miene, als sie sagt: "Alles soll perfekt sein, wenn unsere Gäste nach Hause kommen."
Nach Hause - es braucht also auch der Vielreisende ein Heim, zumindest auf Zeit. Schön klingt das. Nach einer Weile beschleichen mich jedoch Zweifel: In den Zimmern gibt es keine Spur von Hausschuhen, Familienfotos, gemütlicher Unordnung - stattdessen herrscht knallharte Effizienz. In der Ecke ein Trolley, im Bad ein Kulturbeutel. Meist lässt sich nur an Details erkennen, ob ein Mann oder eine Frau im Zimmer wohnt: Hier liegt neben dem Spiegel ein kajalbeschmiertes Wattestäbchen, da hängt ein Männerduft im Raum. Die Abfalleimer sind fast immer leer, nur manchmal findet sich ein leeres Plastiktütchen, in dem einmal die Begrüßungs-Gummibären waren.
In der Lobby checken die letzten Gäste aus, alles Anzugträger. Manche ziehen einen kleinen Rollkoffer hinter sich her. Einer von ihnen - braunes Sakko, Mitte 40, starkes Organ - möchte eine Übernachtung für zwei Personen zahlen. "Einmal mit und einmal ohne Frühstück", sagt er und senkt die Stimme, "die Übernachtung mit Frühstück zahle ich per Karte. Die andere bar." Die Empfangsdame nickt lächelnd, die Rezeption ist ein Bollwerk der Diskretion.
Nicht alles wird derart geräuschlos abgewickelt - Eskapaden gibt es genug. Carola Stadtberg, die resolute Hausdame des Hotels, dirigiert seit 25 Jahren die Putzkolonne, hat alles schon gesehen und zu allem eine Meinung. Zum Beispiel zu Geschäftsreisenden: "Am schlimmsten sind die Versicherungsvertreter, die ziehen auf die Reeperbahn, saufen und bringen leichte Mädchen mit." Eine große deutsche Versicherung, deren Name lieber ungenannt bleibt, habe sich dabei besonders negativ hervorgetan: "Die haben den Wodka aus der Minibar ausgetrunken, die Flaschen mit Wasser aufgefüllt und dann wieder in die Minibar zurückgestellt." Ähnlich beim Whisky, der gern mal durch Apfelsaft ersetzt wurde - und war der gerade nicht zur Hand, pinkelte manch Gast stattdessen einfach in die Flasche.
Auch die Hotelbar ist für Ausfälle ein geradezu prädestinierter Ort. "Wenn der Pegel steigt und das Niveau sinkt, dann wollen manche allen Ernstes Prostituierte bei uns bestellen", erzählt Johanna, die eigentlich das Frühstück betreut, aber auch schon so manche Schicht an der Bar gearbeitet hat. "Meistens sind das aber Jüngere, die nur selten rauskommen und dann mal richtig auf den Putz hauen wollen. Die Profis sind zurückhaltend, die trinken ein Bier, und dann ist Schluss."
Mittags machen wir Pause im Zimmermädchen-Kabuff. Nach und nach trudeln die Frauen ein, fast alle sind sie Ausländerinnen, die meisten Mitte 30, die Jüngste ist 18 und seit drei Jahren dabei. Mit 53 Jahren ist meine ukrainische Kollegin Elena die Älteste, sie hat zwei erwachsene Kinder. Stullen werden ausgepackt, es wird geraucht, Kaffee aufgesetzt.
Was sie denn von Geschäftsreisenden halten? "Das sind die besten Gäste", sagt Elena, und alle anderen nicken zustimmend. "Sie sind am saubersten und am freundlichsten. Und nehmen weder Duschhauben noch Shampoo mit." Anders als Touristen, die nicht selten sogar Kleiderbügel mitgehen lassen. Und auch anders als Sportgruppen: Die seien laut und unhygienisch, und manchmal würden sie gar absichtlich Müll verteilen.
Dann und wann kommen Geschäftsleute aus dem Ausland, das sorgt ebenfalls für Aufruhr. Einmal waren Handelsreisende aus Dubai zu Gast und verwüsteten ihr Zimmer. Dann waren da die Chinesen, die im Hotelrestaurant Reis mit Schokoladensoße verlangten. Oder der österreichische Geschäftsmann, der volltrunken auf fünf verschiedenen Etagen seine Schlüsselkarte ausprobierte und von Mal zu Mal zorniger zur Rezeption zurückkehrte - in der festen Überzeugung, der Schließmechanismus seiner Zimmertür sei defekt.
Der typische Geschäftsreisende sieht jedoch anders aus: Er ist unauffällig und aus Deutschland, er geht früh, kommt spät zurück. Er bleibt 1,92 Tage und hat nichts zu lesen dabei, höchstens Grisham-Bücher. Wenn er abreist, vergisst er gern Netzteil oder Ladegerät. "Oh ja, mit Ladegeräten könnten wir einen Laden aufmachen", sagt Stadtberg finster. Sie trägt alle Fundgegenstände in einer Kladde ein: Anti-Zähneknirsch-Kauleisten, Massagehandschuhe, haufenweise Elektronikzubehör, auch mal eine aufblasbare Gummipuppe. Ladegeräte, Flecken, zerstocherte Aufschnittplatten: Das ist alles, was bleibt.
Heute Berlin, morgen München - für den Geschäftsmann ist sein Zimmer nur eine Station auf der Durchreise: ein Wohnbahnhof, kein Zuhause, nicht einmal auf Zeit. Klingt furchtbar trist, ist aber eigentlich gar nicht so schlimm: Schließlich besteht der Reiz eines Zuhauses gerade darin, dass es nicht überall zu finden ist. Das finde ich tröstlich, wische genügsam vor mich hin, Elena schrubbt das Bad, wir sammeln Haare ein und ziehen fleckige Laken ab. Nicht immer appetitlich, sage ich. Elena hält inne und lacht, dann stopft sie die Laken in den Wäschesack und sagt: "Haare, Schmutz und Flecken - das ist das Leben."
Quelle: Financial Times Deutschland
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