05.03.2009, 15:10 Uhr | t-online.de/business / dpa-tmn
Dauerstress im Job macht immer mehr Menschen krank. (Foto: Archiv)
Psychische Erkrankungen sind zunehmend der Grund für Fehlzeiten im Job. Immer mehr Berufstätige fühlen sich am Arbeitsplatz stark gestresst - mit Symptomen, die zu psychischen Störungen führen können. Zu dem Ergebnis kommen die Gesundheitsreports der DAK und der Barmer. Als Ursachen sehen Experten immer weiter steigende Anforderungen im Job und nicht zuletzt die durch die Wirtschaftskrise angespannte Situation in den Firmen.
Mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer ist der DAK zufolge bereits von typischen Anzeichen für eine psychische Erkrankung betroffen: Dazu zählen zum Beispiel Schlafstörungen (53 Prozent), depressive Verstimmungen (37 Prozent), Nervosität (36 Prozent) und Konzentrationsstörungen (32 Prozent). Besonders Frauen, ältere Arbeitnehmer und Menschen mit einem geringen Einkommen sind demnach belastet.
Nach Muskel-Skelett-Erkrankungen sind dem Report der Barmer zufolge psychische Probleme inzwischen der zweitwichtigste Grund für krankheitsbedingte Fehltage. In den vergangenen fünf Jahren habe sich der Anteil an Fehlzeiten bei den Mitgliedern der Kasse mit der Diagnose "Psychische und Verhaltensstörungen" um 51 Prozent erhöht. Bei der DAK ist der Anteil der Beschäftigten, die aufgrund psychischer Erkrankungen ausfallen, in den vergangenen zehn Jahren sogar um rund 60 Prozent gestiegen.
Ein alarmierendes Signal für die Unternehmen: Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen (BKK) bezifferte im letzten Jahr den volkswirtschaftlichen Schaden durch Krankmeldungen aufgrund von psychischen Belastungen auf rund 6,3 Milliarden Euro. Gut die Hälfte davon entfiel demnach auf Kosten für die Krankheitsbehandlung, der Rest ging für Produktionsausfälle drauf.
Für die gesetzlichen Kassen sind damit deutlich steigende Ausgaben für Krankengeld verbunden. Denn abgesehen von Krebserkrankungen dauern psychische Erkrankungen nach Angaben der Barmer mit durchschnittlich 39,1 Tagen weitaus länger als andere Krankheiten: Insgesamt lag die durchschnittliche Erkrankungsdauer 2008 nur bei 13,6 Tagen. Psychische Störungen treffen außerdem bereits junge Menschen und nehmen mit steigendem Alter weiter zu. Die 20- bis 24-Jährigen meldeten sich daher durchschnittlich 23,7 Tage arbeitsunfähig, die 25- bis 29- Jährigen bereits 29,7 Tage. In der Altersgruppe 55 bis 59 Jahre fehlten Mitarbeiter etwa 48,2 Tage, die 60- bis 64-Jährigen sogar 53,7 Tage.
Nach Angaben der Barmer erleiden mehr als ein Drittel der Frauen (37 Prozent) und ein Viertel der Männer (25 Prozent) innerhalb eines Jahres eine psychische Störung. Deren Anteil an Fehlzeiten stieg von 11,1 Prozent im Jahr 2003 auf 16,8 Prozent im Jahr 2008. Vorherrschend seien Langzeitfälle, bei denn der Patient mehr als sechs Wochen krankgeschrieben ist.
Als Ursache nennt der Autor des Barmer-Reports, Prof. Reiner Wieland von der Bergischen Universität Wuppertal, "Termindruck, Arbeitstempo und die gestiegene Komplexität der Arbeitsprozesse". Auch die Wirtschaftskrise, in der viele Unternehmen um ihr Überleben kämpfen, gefährdet nach Wieland die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden der Beschäftigten. Ausgewertet wurden 2,83 Millionen Fälle von Arbeitsunfähigkeit bei 1,4 Millionen erwerbstätigen Barmer-Mitgliedern im Jahr 2008.
Dem DAK-Report liegt eine Bevölkerungsumfrage unter rund 3000 Arbeitnehmern zugrunde. Die Studienteilnehmer wurden außerdem zu ihrem Umgang mit den Stressbelastungen befragt: Demnach versuchen jeweils zehn Prozent der Männer und der älteren Berufstätigen, diese mit Alkohol zu bewältigen. Sieben Prozent der Frauen greifen eher zu Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Die Mehrheit der Beschäftigten setzt allerdings auf einen gesunden Ausgleich nach Feierabend: Für Frauen und ältere Beschäftigte bedeutet das insbesondere Ruhe und Entspannungstechniken (67 beziehungsweise 64 Prozent). Aktiv Sport treiben eher Jüngere und Akademiker (35 beziehungsweise 45 Prozent).
Für Arbeitgeber ist wichtig zu wissen: Nicht jede Stimmungsschwankung ist gleich eine psychische Störung. Manche Anzeichen kann der Chef allerdings selbst erkennen, wie etwa hohe krankheitsbedingte Ausfallzeiten. Auffällige Hinweise sind zudem Selbstgespräche, zwanghaftes Verhalten oder eine verzerrte Wahrnehmung. Auch in einer deutlichen Veränderungen des Sozialverhaltens eines Mitarbeiters äußert sich möglicherweise eine psychische Erkrankung. Zieht er sich etwa vom Team zurück und reagiert oft stark gereizt? Auch gedrückte Stimmung über längere Zeit hinweg kann ein ernst zu nehmendes Signal sein. Auf eine seelische Störung kann ebenso hindeuten, wenn die Leistung eines Beschäftigten stark nachlässt. Dasselbe gilt, wenn ein Arbeitnehmer sehr langsam arbeitet oder häufig gar nicht im Job erscheint.
Chefs können nach Ansicht von Experten selbst einen Beitrag zur psychischen Gesundheit ihrer Mitarbeiter leisten. Der erste Schritt sollte dabei immer ein möglichst frühzeitiges Gespräch unter vier Augen sein. "Je früher auffällige Veränderungen im Verhaltens- und Leistungsbereich angesprochen werden, umso eher ist es möglich, Hilfe zu leisten", heißt es im Leitfaden des BKK Bundesverbands und der Familien-Selbsthilfe Psychiatrie (BApK e.V.), "Psychisch krank im Job - Was tun?". Im Gespräch mit dem Betroffenen lassen sich belastende Faktoren innerhalb der Firma ausmachen, wie etwa Angst um den Job, soziale Isolation oder Mobbing, Nacht- oder Schichtarbeit und monotone Arbeitsabläufe.
Wer typische Anzeichen von Stress und Überforderung bei sich bemerkt, sollte mit seinen Energien besser haushalten, rät DAK-Gesundheitsökonom Martin Kordt. Und um einem Burn-out im Job vorzubeugen, sollten Arbeitnehmer bei ständiger Überbelastung Alarm schlagen, so Manfred Oetting vom Berufsverbandes Deutscher Psychologen (BDP). "Viele flüchten sich da in eine Opferrolle und fressen den Stress in sich rein, ohne etwas zu ändern. Das macht auf Dauer aber krank." Auch das Schimpfen auf den Chef sei in einer solchen Situation keine Lösung: "Das entlastet zwar für den Moment, aber dann kommt der Stress ja wieder."
Dem Druck im Büro könnten Betroffene entgegenwirken, erklärt Oetting, indem sie zunächst die Überbelastung zugeben und offensiv damit umgehen. "Viele halten es für ein Zeichen der Schwäche und fürchten einen Gesichtsverlust, wenn sie sagen, dass sie ihre Arbeit nicht schaffen." Gehe der Mitarbeiter das Problem dagegen selbstbewusst an und sage, dass er heute mit anderen Aufgaben beschäftigt sei, werde das meist von den Kollegen und vom Chef akzeptiert. Oetting rät, offen im Kollegenkreis anzusprechen, wenn die Arbeit zu viel wird. "Oft werden soziale Kontakte in der Firma nur als Bühne zur Selbstdarstellung genutzt, um eben zu zeigen, wie toll man im Job ist." Das sei aber der falsche Weg, wenn man von anderen Hilfe erwarte.
t-online.de/business / dpa-tmn
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