15.12.2010, 10:03 Uhr | FTD, Elisabeth Hamacher
Vielen Mittelständlern ist die Gesundheit ihrer Mitarbeiter wichtig. (Foto: imago)
Sportstudio in der Firma, Pflegemöglichkeiten für Angehörige, Nachwuchsinitiativen: Was Mittelständler sich alles einfallen lassen, damit ihre Angestellten leistungsfähig bleiben.
Bernd Richter geht mit gutem Beispiel voran. Einmal in der Woche besucht der 47-Jährige das Fitnesszentrum Actiwell des Industrieelektronikherstellers Phoenix Contact, stärkt an diversen Geräten seine Bauch- und Rückenmuskulatur. 90 Minuten plant der Personalleiter dafür fest in seinem Terminkalender ein.
Nur wenige Meter vom Firmensitz entfernt hat Phoenix eine ehemalige Sporthalle umbauen lassen und bietet dort unterstützt von einem professionellen Gesundheitsdienstleister Herz-, Kreislauf- und Entspannungstraining sowie Gesundheitsberatung an. 530 Mitarbeiter haben sich mittlerweile von den Profis ein individuelles Trainingsprogramm aufstellen lassen. 60 Euro monatlich müssen sie dafür zahlen. Wer jedoch 80 Prozent der vorgeschlagenen Termine wahrnimmt, bekommt je 25 Euro von Arbeitgeber und Krankenkasse erstattet.
Regelmäßig lässt Richter von der Universität Paderborn, die das Projekt wissenschaftlich begleitet, die Trainingserfolge messen. Und die belegen klar: Leistungsfähigkeit und Muskelkraft verbessern sich deutlich. Richter: "Und die teilnehmenden Mitarbeiter sind im Schnitt drei Tage weniger krank als gleichaltrige Kollegen." Die Gesundheitsförderung hat Phoenix ganz oben auf die Agenda gesetzt, seitdem klar wurde, dass immer mehr ältere Menschen im Unternehmen arbeiten werden und der Fachkräftemangel vor allem im technischen Bereich spürbarer wird.
Trotz Wirtschafts- und Finanzkrise werden in Deutschland 2030 laut einer Studie des Baseler Unternehmens Prognos bis zu 5,2 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Vor allem Dienstleister und Gesundheitswesen sind betroffen, aber auch die Industrie. Gegensteuern können die Unternehmen nur mit einem vorausschauenden Demografiemanagement.
Deutschlands Personalern sind drei Themen für die kommenden Jahre besonders wichtig: Optimierung von Führungsqualität, Demografie und strategische Personalplanung. Das ergab eine Umfrage der Personalberatung Kienbaum. Doch vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) sehen Experten noch großen Nachholbedarf. "Beim altersgerechten Personalmanagement, das von der Ausbildung bis zur Einbindung älterer Mitarbeiter reicht, hat der Mittelstand noch keine ausreichenden Konzepte", warnt Rudolf Kast, Personalleiter beim Sensorenproduzenten Sick und Mitglied im Vorstand des Demographie Netzwerks, das das Bundesarbeitsministerium 2006 gegründet hat. Ziel des Netzwerks soll es deshalb sein, positive Beispiele aus der Praxis in den Unternehmen publik zu machen, etwa auf Kongressen oder in Seminaren.
Während sich in Konzernen ganze Stäbe mit dem Thema beschäftigten und oft auch wissenschaftliche Institute ins Haus geholt würden, fehlten den meisten Mittelständlern dafür schlicht das Geld und das Personal, erklärt Kast. Wie mittelgroße Unternehmen mit Gesundheitsmanagement, Programmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie dem Aufbau einer Arbeitgebermarke (Employer Branding) versuchen, der Demografiefalle zu entgehen, zeigen neben dem Beispiel von Phoenix Contact der Medizintechnikhersteller B. Braun Melsungen oder der Logistikdienstleister TNT Express.
Als die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder Anfang 2010 mit ihrem geplanten Rechtsanspruch auf Pflegezeit vorpreschte, war das Thema bei B. Braun schon lange durch. Personalleiter Jürgen Sauerwald: "Wenn wir gut qualifizierte Mitarbeiter halten wollen, müssen wir entsprechende Modelle anbieten." Vor drei Jahren schloss B. Braun die "Konzernvertriebsvereinbarung zur Familienteilzeit".
Wer sich um ältere Familienmitglieder zu Hause kümmern möchte, kann zum Beispiel die Arbeitszeit um 50 Prozent reduzieren und bekommt 65 Prozent vergütet. Die Regel, die auch Mütter oder Väter zur Betreuung von Kindern in Anspruch nehmen können, gilt für maximal fünf Jahre. Die zusätzliche Vergütung muss nicht zurückgezahlt werden, und der Mitarbeiter hat nach seiner Rückkehr einen Anspruch auf seinen alten Arbeitsplatz, was deutlich über die Pläne Schröders hinausgeht.
Das Gros der Nutzer kehrt nach zwei Monaten bis zwei Jahren zurück. Rund acht Prozent von ihnen pflegen einen Angehörigen. Eine Zahl, die deutlich steigen dürfte. Mit rund drei Millionen Pflegebedürftigen rechnet das Bundesfamilienministerium im Jahr 2030 - das sind fast 40 Prozent mehr als heute.
Wer seiner Belegschaft mit Angeboten zu Teilzeitarbeit entgegenkommt, stärkt damit auch sein Image als guter und fürsorglicher Arbeitgeber. Das Employer Branding zählt für einige Mittelständler bereits zum festen Bestandteil ihres "Demografiemanagements", also der Reaktion auf den altersbedingten Wandel unserer Gesellschaft. "Da die an den Arbeitgeber gestellten Erwartungen steigen und zugleich der Kandidatenpool kleiner wird, ist es für Unternehmen wichtig, sich als unverwechselbare Marke zu positionieren", heißt es dazu in der Kienbaum-Studie. Neben den klassischen Instrumenten wie Stellenanzeigen, Hochschulmarketing, Pressearbeit und Karriereportalen beteiligen sich viele auch an Wettbewerben, die jährlich Deutschlands beste Arbeitgeber küren. Zu den renommiertesten darunter zählen Great Place to Work sowie Top Job.
Schon ganz früh setzt ein Projekt von TNT Express an. Alle 31 Niederlassungen sowie die Zentrale in Troisdorf sind mit weiterführenden Schulen in der Umgebung Lernpartnerschaften eingegangen. Nach Abstimmung mit den Lehrern planen TNTler Unterrichtsreihen mit, erläutern dann etwa in Erdkunde den Aufbau von Logistiknetzwerken oder im Fach Wirtschaft die Funktion weltweiter Warenströme.
Überdies führen die Experten professionelles Bewerbungstraining durch, veranstalten Tage der offenen Tür in den Niederlassungen oder organisieren gemeinsame soziale Projekte. "Die Einblicke in die Arbeitswelt und Unternehmenspraxis bewerten die Schüler sehr positiv", sagt Thomas Kraus, Vorsitzender der Geschäftsführung von TNT Express, für den die Lernpartnerschaften einer von vielen Bausteinen im Demografiemanagement ist, um "intern und extern als attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen zu werden".
Quelle: Financial Times Deutschland
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