05.08.2010, 10:00 Uhr | Daniela Schröder
Ferien an Deutschlands Küsten? Wunderbar, bloß die steife Brise stört das Urlaubsglück. Elfriede von Maltzahn allerdings nicht – die hat im Sommer 1882 den ersten Strandkorb bestellt.
Elfriede von Maltzahn steht im Frühjahr 1882 in der Werkstatt von Wilhelm Bartelmann in Rostock, Lange Straße. Die frische Ostseeluft wirke wahre Wunder gegen ihr Rheuma, schwärmt die Dame dem Hof-Korbmachermeister des Großherzogs von Mecklenburg vor. Doch um das gesunde Klima genießen zu können, brauche es eine Sitzgelegenheit für den Strand als Schutz vor Sonne und Wind. Ob Bartelmann so etwas anfertigen könne? Der junge Handwerker zögert nicht und flicht der Freifrau einen kastigen Korbstuhl aus Weidenzweigen.
Selbst nachzudenken braucht Bartelmann dabei kaum: Ein Kieler Korbmacher hatte schon vor Jahren detaillierte Bauanleitungen für einen sogenannten Strandstuhl ersonnen. Die waren zwar branchenweit bekannt, wurde allerdings zugleich belächelt: Wer bitte schön braucht am Strand einen Stuhl? Elfriede von Maltzahn ist die Erste. Den Rest ihrer Sommerfrische verbringt sie gut geschützt und sehr entspannt in ihrem neuen Strandmöbel in Warnemünde.
Anfangs belächelt, wird Korbmacher Bartelmann bald mit Aufträgen überflutet. Das fördert seine Kreativität: Ein Jahr nach dem Bau des Einsitzer-Strandkorbs bringt er ein Modell mit Platz für zwei auf den Markt. Seine Frau Elisabeth gründet unterdessen den ersten Strandkorbverleih in der Nähe des Warnemünder Leuchtturms.
Bald beliefert Bartelmann Seebäder von den Nordseeinseln bis nach Ostpreußen. Ein Unternehmer aber wird aus ihm nicht, der Korbmacher sieht sich weiterhin als Handwerker. Nicht mal ein Patent meldet er an und verpasst so die Chance, durch den immer beliebteren Strandkorb reich zu werden. Bald ziehen andere Korbmacher nach, die komfortable Modelle mit Fußstützen, Armlehnen und Seitentischen entwickeln. Den Halblieger, einen Strandkorb mit verstellbarer Rückenlehne, erfindet der frühere Bartelmann-Lehrling Johann Falck.
Als privater Ort im öffentlichen Urlaubsvergnügen erobert der Strandkorb in den 20er-Jahren endgültig die Nord- und Ostseebäder. Im Laufe der Jahre bilden sich zwei Spezies aus: An der Ostsee sind Strandkörbe rund, an der Nordsee eher eckig. Beide Formen entstehen bis heute in Handarbeit. Geflochten wird aus Rattan oder Kunststoff, die charakteristische Haube eines Strandkorbs besteht aus acht Stoffteilen plus des Materials für die Kissen. Renner beim Design ist nach wie vor das Streifenmuster.
Gut 70.000 Strandkörbe stehen in den Sommermonaten an den deutschen Küsten. Gemütlichkeit und Ordnung selbst am Strand, das Konzept gefällt auch Urlaubern aus dem Ausland. An den Stränden anderer Länder setzt sich die deutsche Erfindung trotzdem nicht durch, nur als Vorgartendeko taucht sie hin und wieder außerhalb Deutschlands auf.
Völkerverbindend präsentierte sich jedoch der berühmteste Strandkorb, in den sich die Staats- und Regierungschefs plus der Präsident der EU-Kommission beim G8-Treffen 2007 in Heiligendamm für das traditionelle Gipfelfoto setzten. Zwei Kilometer Flechtband, 35 Quadratmeter Stoff und ein Kubikmeter Kiefernholz stecken in dem Mammutexemplar. Allerdings ist der G8-Strandkorb nicht der größte, den der Hersteller je gebaut hat. Für den FC Insel Usedom fertigte er sechs Meter lange Möbel, die den Fußballern als Wechselbänke dienen. Der Betrieb - die Korb GmbH aus Heringsdorf - gilt mittlerweile als größter Strandkorbhersteller Deutschlands.
Quelle: Financial Times Deutschland
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